Herr Schmid, als Baselbieter Bildungsdirektor (1989-2003) und Präsident der Fachhochschule Nordwestschweiz (2003-2012) haben Sie etliche Standortdebatten hautnah miterlebt und gestaltet. Erleben Sie gerade ein Déjà-vu?

Peter Schmid: Teilweise. Eine Gemeinsamkeit hat die Diskussion um einen Uni-Campus Liestal mit früheren Diskussionen ohne Zweifel: Jeder Standort, der neu ins Spiel gebracht wird, gilt zunächst einmal als schlecht erreichbar. Als wir in Muttenz über den FHNW-Neubau verhandelten oder auf dem Dreispitzareal über die neue Hochschule für Kunst – stets hiess es, das seien schlechte Standorte. Das ist eine sehr schweizerische Diskussion. Wer seinen Fuss schon nur ins nahe Ausland setzt, wird feststellen, dass die Distanzen hier nicht das Problem darstellen. Ich kenne etwa die Berliner Hochschullandschaft sehr gut. Dort kann es sein, dass Sie eine Dreiviertelstunde in der U- oder S-Bahn sitzen, um vom einen Standort zum anderen zu gelangen. In der Region Basel sind die Distanzen gefühlt riesig, im internationalen Kontext aber sehr gering. Sowohl die diskutierten Standorte in Münchenstein als auch in Liestal sind ausgezeichnet gelegen. Zur guten Erreichbarkeit gehört – und diesen Seitenaspekt platziere ich ganz bewusst –, dass das U-Abo in seiner heutigen Form beibehalten wird.

Was ist denn im Gegensatz zu früheren Standort-Diskussionen neu?

Neu ist aus meiner Perspektive an der aktuellen Debatte, dass die Uni-Standorte Münchenstein und Liestal jeweils eingebettet sind in eine Gesamtstrategie zur Areal- respektive Stadtentwicklung. Den jeweiligen Gemeindeverantwortlichen ist es ernst. Da ist – im Gegensatz zu früheren Versuchen, im Baselbiet, einen Uni-Standort zu etablieren – keinerlei Heimattümelei feststellbar.

Für die Fachhochschule Nordwestschweiz sind vorstädtische Standorte selbstverständlich, die Uni tut sich schwer damit. Weshalb?

So selbstverständlich war es nicht, diese Fachhochschulstandorte zu etablieren. Der Umzug der Hochschule für Kunst vom Basler Kasernenareal auf den Dreispitz wurde ebenfalls höchst kontrovers diskutiert. Aber es ist schon so: Eine Uni denkt man sich in der Stadt, das gilt erst recht für die Uni Basel, welche die älteste der Schweiz ist. Dieser Gedanke spielt bei den Fachhochschulen mit ihrer viel jüngeren Geschichte weniger eine Rolle.

Was ist zu tun, damit die aktuellen Bestrebungen für einen grossen Uni-Standort im Baselbiet Früchte tragen?

Die Standorte und die jeweiligen Konzepte müssen inhaltlich überzeugen. Neben der Erreichbarkeit sind viele andere Fragen zu klären: Wie sehen Studienpläne und Lokalitäten genau aus? Wo wohnen die Studierenden, wo verpflegen sie sich, wo halten sie sich ausserhalb des Unterrichts auf? Die Forderung nach einem Baselbieter Uni-Standort darf kein Selbstzweck sein. Wichtig ist für mich, dass der Entscheid aus einer Aufbruchstimmung heraus getroffen wird. Eine Erbsenzähler-Mentalität hilft uns bei der Erarbeitung einer Zukunftsstrategie für die Uni nicht weiter.

Inwiefern darf der Entscheid um einen Baselbieter Uni-Standort politisch begründet werden?

Die Politik ist gut beraten, bei der Standortwahl für die Uni möglichst nüchterne Kriterien anzuwenden. Das Argument, dass es politisch wichtig wäre, substanzielle Bestandteile der Uni im Landkanton anzusiedeln, ist für mich alleine kein hinreichender Grund für einen Umzug. Wir müssen sehen: Hochschulgebäude werden in der Regel für einen sehr langfristigen Horizont geplant und gebaut. Erst recht gilt dies bei der Wahl neuer Standorte.

Aber ist die Uni-Trägerschaft durch den Kanton Baselland politisch gesichert ohne grossen Standort im Baselbiet?

Ich plädiere dafür, die Frage nach der Zukunft der Trägerschaft nicht mit jener nach einem Baselbieter Uni-Standort zu verknüpfen. Ich fände es falsch, wenn die Standortfrage hochstilisiert würde und alle anderen Überlegungen, die für die gemeinsame Uni-Trägerschaft beider Basel sprechen, überlagern würde. Man muss auch sehen: Basel ist für einen Grossteil der Baselbieter, namentlich die Unterbaselbieter und Laufentaler, hervorragend erreichbar. Wir sollten im Baselbiet die Standortfrage locker angehen und uns nicht darauf versteifen. Ich finde: Ein Baselbieter Uni-Campus darf sein, muss aber nicht zwingend sein.