Keine zweite Chance. Ab dem neuen Schuljahr, das nächste Woche beginnt, werden an der Basler Sekundarstufe die Schrauben angezogen. Künftig zählt jedes Semester. Ein ungenügendes Zeugnis bedeutet direkt den Wechsel in ein niedrigeres Leistungsniveau. Eine Möglichkeit, ein schlechteres Semester mit besseren Leistungen wieder auszugleichen, entfällt. Mit dieser Massnahme, von der ausserhalb der Lehrerzimmer kaum jemand wusste, soll die notorisch hohe Maturitätsquote des Kantons gesenkt werden, vermuten Bildungspolitiker und kritisieren die Neuerungen.

Auch Experten können den Verschärfungen nicht viel abgewinnen. «Es wirkt, als hätte man sich nicht überlegt, was das für die Jugendlichen und ihre Familien bedeutet», sagt der Basler Jugendpsychologe Tobias Steiger. Bei Jugendlichen könne es diverse Gründe für eine schulische Krise geben. «Ein externes Ereignis wie die Trennung der Eltern, Krankheit oder ein Todesfall in der Familie kann zu Einbrüchen führen, welche für die langfristige schulische Entwicklung nichts zu bedeuten haben», sagt Steiger. «Wenn sich ein Jugendlicher nicht erlauben kann, eine Krise zu haben, ohne gleich fürchten zu müssen, dass er sich dann seine Zukunft verbaut: Was gibt das dann für Erwachsene?» sagt Steiger.

Keine Möglichkeit mehr, schlecht zu sein

Auch der Zücher Jugendpsychologe Allan Guggenbühl sieht die Verschärfungen der Basler Sekundarschule kritisch: «Wenn ein Semesterzeugnis bereits zu einer Versetzung führt, ist dies problematisch», sagt er. «Die Schule ist in der Pubertät für viele Schüler sekundär und die Folgen der Herabstufung sind ihnen nicht bewusst.» Während der Pubertät gäbe es Phasen, in denen sich Jugendliche aus persönlichen und familiären Gründen aus dem Unterricht ausklinken. In solchen Fällen könnten Vorwarnungen oder Gespräche mit Jugendlichen und deren Eltern sinnvoll sein. «Viele Eltern werden so mobilisiert und können das Kind unterstützen», so Guggenbühl weiter.

Er gibt auch zu bedenken: «Der Leistungsdruck ist bereits durch die bisherige jährliche Versetzungsoption hoch.» Ausserdem hätten die Schüler keine Möglichkeit mehr, auch mal in der Schule «schlecht» zu sein. «Bei gewissen Schülern gehört es fast zu ihrem guten Ruf, dass sie Phasen durchlebten, in denen sie der Unterricht nicht interessierte», so Guggenbühl. «Es sind auch nicht einfach die faulen oder nicht leistungsbereiten Schüler, die diese Verhaltensmuster zeigen», so der Jugendpsychologe.

Sekundarlehrer wollen selber entscheiden können

Die Basler Lehrerschaft ist bei dem Thema geteilter Meinung. Im Rahmen der Anpassung der sogenannten Schullaufbahnverordnung wurde vergangenes Jahr eine grosse Befragung durchgeführt. Die Mehrheit der Sekundarlehrer habe dabei die geplanten Änderungen unterstützt, sagt Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt. Ausschlaggebend für den Entscheid der Lehrer sei gewesen, dass sie im ersten Semester immer wieder Schüler hätten, die sie anders einschätzen als der vorherige Primarlehrer, der für die Einteilung in die Leistungszüge zuständig war.

Es gebe unter den Lehrern aber auch ablehnende Stimmen, sagt Héritier. «Wir werden die Neuerungen kritisch begleiten und die Erfahrungen reflektieren. Wenn man merkt, dass es nicht funktioniert, ist das nicht in Stein gemeisselt.»