Basel
Expertin: «Sexuelle Übergriffe passieren meist unter Gleichaltrigen»

Prävention gegen Gewalt Julia Borer besucht mit ihrem Team Basler Schulen, wenn Lehrer ihre Hilfe brauchen.

Muriel Mercier
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Wenn die Lehrer nicht mehr wissen, wie sie mit ihren Schülern umgehen sollen, melden sie sich bei Julia Borer. Sie und ihr Team greifen ein. Kenneth Nars

Wenn die Lehrer nicht mehr wissen, wie sie mit ihren Schülern umgehen sollen, melden sie sich bei Julia Borer. Sie und ihr Team greifen ein. Kenneth Nars

Kenneth Nars

Der dreijährige Max steht in der Küche und möchte von Mami den Kochlöffel haben. Mami sagt Nein. Weil Max gerade Beissen gelernt hat, beisst er sie in die Wade. Am Nachmittag sitzt er im Sandkasten und böxelt das Mädchen neben ihm, weil sie ihm das Sändeliförmli weggeschnappt hat. Das sind die Momente, in denen Max’ Eltern klare Worte finden und ihm erklären müssen, dass er sich so nicht verhalten darf. Werden Max nicht rechtzeitig Grenzen gesetzt, führt dies zu erzieherischen Problemen in seiner Entwicklung, erklärt Julia Borer, Teamleiterin Prävention gegen Gewalt (PgG), das bei der Basler Polizei angesiedelt ist.

Zur Person

Die 37-jährige Julia Borer war einst als Primarlehrerin tätig. Nach einem Jahr an einer Schule entschied sie sich für ein Psychologiestudium. Während dieser Zeit machte sie dennoch Lehrer-Stellvertretungen und übernahm schliesslich einen Job als schulische Heilpädagogin. Zur Stelle beim Prävention gegen Gewalt kam sie im Februar 2012. (mum)

Seit über drei Jahren ist sie mit ihren vier Kolleginnen und Kollegen – einem Sozialpädagogen, weiteren Psychologinnen und einem Polizist mit Zusatzausbildung – in den Basler Schulen unterwegs und tauscht sich mit Kindern und Jugendlichen der ersten bis neunten Klasse über Gewalt aus. «Oft melden sich bei uns Lehrer, weil sie Hilfe brauchen.» Allerdings warten diese meist zu lange. «Die Hemmschwelle ist gross. Die Lehrer denken, sie würden im Kollegium als unfähig gelten.» Positiv wäre, wenn sie sich früh melden, «denn präventiv könnten wir bessere Resultate erreichen.»

Zuschlagen wegen der Sprache

Die Bandbreite an Schwierigkeiten, die in einer Schulklasse entstehen, ist gross. Ein Mal ist die Stimmung in der Klasse destruktiv, ein anderes Mal wurde während der Pause auf dem Hof gar ein Junge gefesselt. Wichtig ist Borer, zu definieren, dass Gewalt nicht nur physisch, sondern auch relational – zum Beispiel Mobbing – oder sexualisiert sein kann. «Für sexuelle Übergriffe bei den Jugendlichen sind nicht zwingend die Väter oder Onkel verantwortlich. Die meisten Fälle passieren unter Gleichaltrigen», sagt die Psychologin.

Kulturunterschiede sind ein weiterer Faktor für Gewaltanwendung. Verstehen zwei Jugendliche die Sprache ihres Gegenübers nicht, schlagen sie schneller zu. Ebenso sind Ehrverletzung ein Thema oder der sozioökonomische Stand. «Wenn zu Hause ein harscher Ton herrscht und das Kind Ohrfeigen bekommt, denkt es, das sei normal.»

Das Team der PgG betritt jeweils im Duo eine Klasse, ein Mann und eine Frau. Damit sowohl Buben als auch Mädchen eine Ansprechperson haben. Denn deren Gesprächsthemen unterscheiden sich. «Jungs suchen oft eine Vaterperson oder einen starken Mann an ihrer Seite.» Unter den Mädchen ist die relationale Gewalt eines der Hauptthemen. Sprich: Sie schädigen zum Beispiel zwischenmenschliche Beziehungen, in dem sie Gerüchte verbreiten. «Für Mädchen sind solche Szenarien keine Gewalt, sondern Zickenkrieg.»

Eltern sind misstrauisch

Borer wird nicht immer Willkommen geheissen bei ihren Schulbesuchen. Manchmal kommt vor, dass die Lehrer ihre Arbeit nicht unterstützen. «Wir verstehen uns als Werkzeug. Wenn der Lehrer nicht mithilft, können wir eigentlich sofort wieder gehen.»

Schwierig seien manchmal die Elternabende, die während der vier bis sechs Klassenbesuchen stattfinden. «Die Eltern haben oft eine kritische Haltung. Sie gehen davon aus, dass wir auf der Suche nach einem Schuldigen sind. Wir erklären ihnen zwar, ab wann ein Handeln als ein Delikt gilt. Aber wir betonen, dass wir nicht hier sind, um jemanden zu bestrafen.» Den Schülern ihrerseits macht es meist nichts aus, dass das Team der PgG ihre Klassenräume betritt. «Wenn sie spüren, dass die Atmosphäre unter ihnen nicht gut ist, akzeptieren sie uns.»

Neu: Programm für die Kleinen

Nun sollen auch die kleineren Kinder vom Angebot der PgG profitieren können. Das PgG hat dafür Präventionsprojekte für Kindergärtner und Primarschüler entwickelt. Zudem werden Trainings angeboten, in denen Kinder lernen, mit Konflikten umzugehen.

Ob die Arbeit des PgG-Teams bei den Jugendlichen wirklich ankommt, kann Borer nur teilweise beobachten. Wechselt nach den Sommerferien der Lehrer, verliert sie den Kontakt zur Klasse. «Bei den Konflikt-Trainings hingegen erkennen wir am Schluss der 15 Lektionen, ob beim Kind ein Umdenken stattgefunden hat.»