Wie Genf hat die Region Basel ein Stauproblem: Mehrere zehntausend Pendler überqueren täglich allein die beiden Autobahn-Zollanlagen Basel-Saint-Louis und Basel-Weil am Rhein. Morgens und abends herrscht hier oft Chaos.

Die Genfer unternehmen jetzt etwas gegen ihren Pendlerstau: Seit Montag läuft am Zoll Thônex-Vallard ein europaweit einzigartiger Pilotversuch. Fahrgemeinschaften werden bevorzugt behandelt und erhalten eine eigene Fahrspur. Der Übergang wird täglich von bis zu 22'000 Fahrzeugen benutzt. Ziel des Pilotprojekts, das ein Jahr dauert, ist es, die regelmässigen Staus am Zoll zu verhindern.

Spannender Ansatz

Der Basler Verkehrspolitiker und Grossrat Raphael Fuhrer (Grüne) lobt: «Ich finde das einen spannenden Ansatz. Die durchschnittliche Besetzung eines Autos liegt in der Schweiz bei 1,1 Personen. Es ist besser, die Besetzung zu erhöhen, als in teure Infrastruktur zu investieren.»

Fuhrer verweist darauf, dass man in den USA seit Jahrzehnten positive Erfahrungen mit Fahrspuren für gut besetzte Autos gemacht habe. Es laufe dort unter der Bezeichnung «High-occupancy toll lanes». Sinn machen würde das auch in der Region Basel. «Ich könnte mir vorstellen, dass an natürlichen Flaschenhälsen wie Autobahnabfahrten, Grenzübergängen und Zufahrten zu Kreuzungen Fahrgemeinschaften bevorzugt werden, indem bestehende Spuren umgewidmet werden. Der finanzielle Aufwand wäre verhältnismässig gering.»

Die Spuren sollten nicht nur für Grenzgänger, sondern generell für Pendler eingerichtet werden. Fuhrer plant dazu einen Vorstoss im Grossen Rat. «Denkbar wäre, dass die Region Basel ein Pilotprojekt mit Unterstützung des Bundes lanciert.»

Das Genfer Projekt ist die Frucht der Zusammenarbeit des Kantons mit der privaten «Société Autoroutes et tunnel du Mont Blanc», die für die französische Autobahn beim Grenzübergang zuständig ist. Auf Schweizer Seite handelt es sich um eine Kantonsstrasse. Für Fahrgemeinschaften gibt es auf der französischen Seite eine 550 Meter lange Extraspur, in der Schweiz ist sie 450 Meter lang. Sie wird von 6 bis 9 Uhr in Richtung Frankreich-Schweiz und von 16 bis 19 Uhr in die Gegenrichtung geöffnet. Genf erhofft sich von der Extraspur eine Zunahme der Fahrgemeinschaften um acht Prozent. Von 1600 Fahrzeugen zu Spitzenzeiten waren bisher elf Prozent von mehreren Personen besetzt. In Zukunft sollen das 320 sein. So würde das Verkehrsaufkommen am Zoll dem im Sommer entsprechen, wenn es keine Staus gibt.

Im Kanton Genf arbeiten 84'000 Grenzgänger. In den beiden Basel sind die Zahlen etwas niedriger, aber immer noch erheblich. In Basel kommen jeden Tag 36'000 Grenzgänger aus dem Ausland über die Grenzen. In Baselland arbeiten 20'000 Grenzgänger.

Im Baselbiet haben die Staustunden zwischen 2016 und 2017 um rund sechs Prozent zugenommen, wie die von der Baselbieter Regierung eingesetzte Task-Force Anti-Stau kürzlich mitteilte. Der Hotspot dürfte sich bei Schweizerhalle befinden. Kommen weniger Autos über die Grenze, dürfte sich das auch positiv auf die Verkehrssituation in beiden Basel auswirken. Dennoch ist das Interesse am Genfer Projekt bei den hiesigen Behörden eher lau.

Sinnvolle Fahrgemeinschaften

Das Basler Bau- und Verkehrsdepartement (BVD) findet das Fördern von Fahrgemeinschaften laut Medienstelle zwar «absolut sinnvoll», verweist aber darauf, dass separate Fahrspuren aus Platzgründen in Basel kaum effektiv umsetzbar seien. Für die Autobahn-Grenzübergänge sei das Bundesamt für Strassen (Astra) zuständig.

Astra-Mediensprecher Thomas Rohrbach lehnt die Idee einer Extra-Spur nicht grundsätzlich ab: «Wir sind gerne bereit, das zu prüfen. Der Bedürfnis dafür müsste aber aus der Region kommen.» Zudem verweist er darauf, dass sich das Astra dafür nicht nur mit dem Kanton, sondern auch mit dem Zoll sowie den deutschen und französischen Nachbarn abstimmen müsste. Tatsächlich ist die Ausgangslage in Genf einfacher, weil nur zwei Partner vom Pilotprojekt betroffen sind.

Die Reaktionen aus dem Baselbiet dürften das Astra kaum zum Handeln animieren. Nico Buschauer, Mediensprecher der Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD), betont, dass es im Kanton Baselland eine andere Ausgangslage als in Genf gebe. «Es fehlt bei uns an Fahrspuren. Wenn wir mehr hätten, könnte man über die Verteilung der Verkehrsflächen reden.» Die Initiative, die Auslastung der Autos zu verbessern, sei zwar begrüssenswert, aber ginge langfristig nicht ohne Investitionen in die Infrastruktur.

Christoph Buser, Präsident der Task-Force Anti-Stau, erinnert daran, dass das Gremium eine repräsentative Umfrage lanciert habe, um zu prüfen, unter welchen Bedingungen die Verkehrsteilnehmer bereit seien, sich auf Angebote wie Park and Ride und Fahrgemeinschaften einzulassen. «Ob eine eigene Spur für Fahrgemeinschaften eine denkbare Variante ist, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht abgeschätzt werden.» Persönlich sei er aber skeptisch.

In Genf ist man das nicht. Laut dem Infrastrukturdepartement zeigen die ersten kurzen Erfahrungen, dass die Spur grundsätzlich respektiert würde.