Fotovoltaik

Fachleute kritisieren rigide Solarvorschriften als praxisfremd

Nach dem neuen eidgenössischen Raumplanungsgesetz gehen die Interessen an der Nutzung der Solarenergie den ästhetischen Anliegen grundsätzlich vor.

Nach dem neuen eidgenössischen Raumplanungsgesetz gehen die Interessen an der Nutzung der Solarenergie den ästhetischen Anliegen grundsätzlich vor.

Die neue Basler Richtlinie für Solarenergie und deren Umsetzung steht in der Kritik von Solarfachleuten. Ein Abstand eines Panels vom Dachrand von 50 cm sei «reine Willkür». Das neue Raumplanungsgesetz wird einige Anpassungen erforderlich machen.

Seit diesem Jahr hat Basel eine neue Richtlinie für die Errichtung für Solaranlagen. Dort wird auf fünf Seiten dargestellt, welche Gestaltungskriterien eingehalten werden müssen, und zwar unabhängig davon ob es thermische (für Warmwasser) oder fotovoltaische (PV, für Elektrizitätsgewinnung) Anlagen sind.

Technische Erfordernisse werden in dieser Richtlinie nicht behandelt, sie sind in speziellen Verordnungen geregelt. Die Idee: Im Prinzip sollen Solaranlagen ohne Baubewilligung errichtet werden können. Aber dann müssen sie der Richtlinie entsprechen.

Doch kaum inkraft, regt sich in Solarfachkreisen breiter Widerstand (die bz berichtete). Hauptvorwurf: Die Richtlinie sei praxisfremd und bewirke genau das Gegenteil des Beabsichtigten: Im Prinzip müsse fast immer ein Baubewilligungsverfahren durchgeführt werden. Dies, weil die Positiv-Beispiele (in der Richtlinie und in der Illustration in Grün) nur die seltenen Fälle abbildeten, sagt Guido Köhler, Verwaltungsrat der Firma Alteno Solar und grafischer Gestalter.

Sind Solarpanels einfach gestaltet (grün), braucht es keine Baubewilligung. Bei den Beispielen in Gelb muss ein Baugesuch eingereicht werden.Grossflächige ununterbrochene Panels sind eher die Ausnahme. Öfters seien jedoch Dächer mit Aussparungen anzutreffen, sagen Fachleute.Panels auf Dachausbauten sind erlaubt. Dreieck- und Kleinstpanels sind kaum anzutreffen.

Aus der Richtlinie für Solaranlagen Basel-Stadt

Sind Solarpanels einfach gestaltet (grün), braucht es keine Baubewilligung. Bei den Beispielen in Gelb muss ein Baugesuch eingereicht werden.Grossflächige ununterbrochene Panels sind eher die Ausnahme. Öfters seien jedoch Dächer mit Aussparungen anzutreffen, sagen Fachleute.Panels auf Dachausbauten sind erlaubt. Dreieck- und Kleinstpanels sind kaum anzutreffen.

Andererseits sei ein in der Richtlinie aufgeführtes «Negativbeispiel» (genauer: eines, welches eine Baueingabe nötig macht) eines der häufigsten: Die Solaranlage muss um Kamine, Abluftrohre und Dachfenster gelegt werden (4. Beispiel in der 2. Reihe in Gelb). Andere Beispiele wie die Ummantelung einer Dachgaube würde in der Praxis nie und nimmer gemacht. «Diese Richtlinie wurde vermutlich ohne Beizug von Praktikern gemacht», sagt Köhler. «Die 50 cm Randabstand sind reine Willkür. Aus der Sicht des Gestalters gibt es kein Kriterium, das besagt, ein Randabstand sei schöner als keiner.»

«Form soll der Funktion folgen»

Köhler: «Die Form soll der Funktion folgen. Nach dieser Richtlinie ist es umgekehrt: Die Technik muss sich nach der Gestaltung richten.» Es würden ja auch Strassen gebaut, und diese seien zumeist hässlich. Warum soll ausgerechnet bei der Solarenergie die Schraube angezogen werden, wenn man doch von links bis rechts einig sei, die Solarenergie zu nutzen? Fatal sei überdies, dass der Kanton Luzern, der ebenfalls seit Kurzem eine Solar-Richtlinie hat, die Illustrationen aus Basel teils eins zu eins übernommen hatte. «Damit machte ein schlechtes Beispiel Schule.»

Das im März gutgeheissene neue eidgenössische Raumplanungsgesetz verbessert die Position der Solarenergie. Demnach gehen die Interessen an der Nutzung der Solarenergie den ästhetischen Anliegen grundsätzlich vor. In einer Motion verlangen denn auch Grossrat Rudolf Rechsteiner (SP) und andere Unterzeichnende, dass die Richtlinie überarbeitet wird. Solarpanels sollen nicht anders behandelt werden als gewöhnliche Dachziegel, schlägt er vor. Ob und wie Kamine und andere Aussparungen eingekleidet werden, soll die Bauherrschaft selber bestimmen.

Amt: «Auch für Laien verständlich»

Marc Keller, Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartementes verteidigt die Richtlinie: «Es ist das erste Mal, dass klar nachvollziehbar ist, welches die ästhetischen Erfordernisse an eine Anlage sind. Die Bilder sind sofort verständlich, auch für Laien.»

Die Botschaft sei klar: Die Richtlinie garantiere nicht die Wirtschaftlichkeit. Das müsse sie auch nicht. Aber sie garantiere, dass die gesetzlich vorgeschriebene ästhetische Gesamtwirkung eingehalten werde, so Keller.

Als die Stadtbildkommission reorganisiert wurde, war die Politik einhellig der Auffassung, dass die Beurteilungen der Kommission für die Bewilligungsbehörden verbindlich sein sollen. Dass ästhetische Kriterien angewendet werden müssen, sei im Bau und Planungsgesetz Paragraf 58 klar festgehalten. «Aber es stimmt: Der Interessenkonflikt zwischen Wirtschaftlichkeit und Ästhetik existiert. Nur ist dieser Konflikt letztlich nicht auf der Bewilligungsebene, sondern auf der politischen Ebene zu lösen.»

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