Musik
Familie Pedrazzi: Zwischen Pittsburgh, Pandemie und Pensionierung

Michael Gasser
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Sowohl Pink als auch Sue Pedrazzi haben viel Auftrittsmöglichkeiten an das Coronavirus verloren.

Sowohl Pink als auch Sue Pedrazzi haben viel Auftrittsmöglichkeiten an das Coronavirus verloren.

Reto Camenisch / Ryan Michael White

Während Pink Pedrazzi vor allem als Singer-Songwriter bekannt ist, bevorzugt dessen Tochter Sue tendenziell härtere Sounds. «Aber egal, ob Roots-Rock, Folk oder Heavy-Metal; das sind letztlich alles Spielarten des Rock’n’Roll», gibt sich der 64-Jährige überzeugt und betont das Gemeinsame. Obschon die beiden 6670 Kilometer voneinander entfernt leben, verbindet das ehemalige Mitglied der Moondog Show mit seiner Tochter nicht zuletzt die Tatsache, dass sie seit Monaten keine regulären Konzerte mehr bestreiten können.

Was Pink Pedrazzi seit diesem März dazu veranlasst, seinen Innenhof in der Breite zu ­bespielen – mit akustischer ­Gitarre, Gesang und seinem Markenzeichen, dem Zylinder. Anfänglich jeden Abend, jetzt noch jedes Wochenende. «Sonst laufe ich Gefahr, mich zu wiederholen», sagt er beim Doppelinterview via Zoom. In Pittsburgh, Pennsylvania, wo Sue ­Pedrazzi seit 2017 lebt, seien ­Innenhof-Konzerte völlig unbekannt. «Einfach schon deshalb, weil hier deutlich mehr Menschen in Apartments oder Eigenheimen leben, die nicht an ein Nachbarhaus angrenzen», erklärt sie.

Wegen der Pandemie viele Gigs verloren

Eigentlich wollte Sue Pedrazzi mit Sweat, einer ihrer beiden Formationen, in diesen Wochen ihr Debütalbum aufzeichnen. Fürs Erste eine vergebliche Liebesmüh. «Kommt hinzu, dass wir durch die Pandemie einige gute Gigs verloren haben», so die Sängerin. Zu allem Unglück erkrankte auch ihr Mann, der Musiker David Wheeler, anfangs März an Covid-19. «Ich habe noch selten jemanden so geschwächt erlebt», erzählt die 33-Jährige.

«Er hat zehn Kilogramm verloren, ist jetzt aber wieder gesund und am Liederschreiben.» Die Krankheitsphase hat sie selbst dazu inspiriert, das mit Orgelsounds angereicherte Stück «I Love You, Stay Away» zu verfassen. «Entstanden ist dieses aus dem frustrierenden Gefühl heraus, dass ­viele in den USA das Virus nicht ­wirklich ernst nehmen.» Die momentane Lage stimme sie ziemlich traurig, räumt sie ein. «Solche Emotionen brauche ich aber auch, um überhaupt kreativ sein zu können.»

Mit etwas mehr als 300000 Einwohnern ist Pittsburgh – lange Zeit das Herz der US-amerikanischen Stahlindustrie – rund doppelt so gross wie Basel. Angesprochen auf die jeweiligen Musikszenen der beiden Städte meint Sue Pedrazzi: «In Pittsburgh gibt es eine relativ grosse Punk-Subkultur, die Hard-Rock-Szene ist hingegen – wie in Basel – ziemlich überschaubar.» Ansonsten gelte an ihrem Wohnort vor allem das musikalische Do-it-yourself-Prinzip. «Jeder wurstelt vor sich hin, und Subventionen kennt man nicht.»

Laut ihrem Vater wirkt Pittsburgh zwar durchaus sympathisch, bloss: «Es gibt weder touristische Hotspots, noch ist Musik hier allgegenwärtig, anders als etwa in New Orleans.» Weiter meint Pink Pedrazzi: «Bei meinen Besuchen habe ich ein paar Musiker kennen gelernt. Ich muss zugegeben, die hatten nicht nur viel Talent, sondern auch Biss.»

Freude auf ein ­Wiedersehen

Von der Musik allein vermochte Sue Pedrazzi schon in Basel nicht zu leben. «Doch während sich in der Schweiz gut Teilzeit arbeiten und nebenher auf die Musik fokussieren lässt, ist das in den USA nicht denkbar.» Hier müsse man im Normalfall einen Vollzeitjob haben, um sich über Wasser halten zu können. «Ich selbst habe mich erst gerade neu orientiert und absolviere jetzt eine Ausbildung im Pflegebereich.» Ihre Zukunft sieht Sue Pedrazzi längerfristig nicht in den USA, sie ist sich ­bereits jetzt sicher, dereinst wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren.

Bis dies soweit ist, dürfte ihr Vater seinen Nebenjob als Laborkurier längst ad acta gelegt haben, seine Pensionierung ­geniessen und natürlich weiterhin der Musik frönen. «Jetzt bin ich am Abwarten. In meinem Alter gehöre ich zur Risikogruppe und hoffe vorerst auf möglichst viele Auftritte im Freien», hält er fest. Anders als seine Tochter hat er bislang noch keinen Covid-19-Song verfasst. «Derartige Ereignisse müssen bei mir ­zuerst durch einen Filter. Und sollte ich das Thema anpacken, dann zweifellos in verschlüsselter Manier.»

Seine (beinahe) auftrittsfreie Zeit nutze er, um zu überlegen, wohin er sich musikalisch entwickeln wolle. «Vor allem stelle ich mir jetzt die Frage, ob die Menschen nach der Pandemie die Musik wohl wieder stärker oder noch weniger zu schätzen wissen werden.» Aber egal, wie sich die Situation auch entwickeln mag, auf eins freut er sich schon jetzt: seine Tochter nicht nur auf Zoom, sondern baldmöglichst live und in echt wiederzusehen.