Finanzielle Sorgen
Familienarmut in Basel: Es ist ein Kampf um jeden Franken

Im Kanton Basel-Stadt leben überdurchschnittlich viele arme Familien. Eine Mutter erzählt aus ihrem Alltag.

Noemi Lea Landolt
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Paula träumt nicht von Ferien oder neuen Kleidern. Sie wünscht sich nur, dass ihr Mann endlich einen Job findet.

Paula träumt nicht von Ferien oder neuen Kleidern. Sie wünscht sich nur, dass ihr Mann endlich einen Job findet.

Kenneth Nars

Der Weihnachtsbaum steht geschmückt in der Stube. An Heiligabend werden nur wenige Päckli darunter liegen. Die Familie, die hier wohnt, muss die Ausgaben Monat für Monat genau planen, damit das Geld reicht. 2850 Franken verdient Paula*, dazu kommt das Geld von der Sozialhilfe. Es muss reichen für sie, ihren Mann und zwei kleine Kinder. Sparen liegt nicht drin, unnötige Anschaffungen auch nicht. Jede unerwartete Rechnung bringt das Budget durcheinander – denn die Fixkosten bleiben die gleichen.

Ein Geschenk für die Kinder darf unter dem Weihnachtsbaum trotzdem nicht fehlen. «Sie sollen keine Nachteile haben, nur weil wir wenig Geld haben», sagt die 34-Jährige. Auch zum Geburtstag gibt es ein Päckli. Im Moment merken die Kinder noch nicht viel von den Geldsorgen ihrer Eltern. «Sie sind erst im Kindergarten und wollen keine teuren Sachen.» In Paulas Stimme schwingt die Sorge mit. Die Sorge vor der Zukunft. Einer Zukunft, in der sich ihre Kinder plötzlich teure Geschenke wünschen, oder mit ihren Kollegen etwas unternehmen möchten. Etwas, das kostet. Muss sie dann Nein sagen? Könnte sie Nein sagen?

Sie will nicht schwarzarbeiten

Vor ein paar Jahren war noch alles anders. Die Familie wohnte im Kanton Bern, Paula hatte mehrere Jobs, ihr Mann Manuel* arbeitete auch. Sie kamen gut über die Runden, konnten ab und zu verreisen, bezahlten Steuern. «Wir lebten gut.» Dann hatte Manuel einen Unfall, verlor den Job. Die Familie ist deshalb nach Basel gezogen. In der Hoffnung, hier, in einem der wirtschaftlich stärksten Kantone, leichter Arbeit zu finden. Für Manuel, der besser Französisch als Deutsch spricht, schien es in Grenznähe auch mehr Chancen zu geben. Der Plan ging nicht auf.

Manuel ist inzwischen seit zwei Jahren ausgesteuert. Paula arbeitet Teilzeit. 70 Prozent. Sie würde gerne mehr arbeiten. «Aber mein Arbeitgeber kann mein Pensum nicht erhöhen und einen zweiten Job darf ich nicht annehmen.» Der Arbeitgeber macht sich Sorgen, dass sie dann zu viel arbeiten würde und übermüdet wäre. Paula hatte einige Angebote, um nebenbei als Putzfrau zu arbeiten. Sie hat alle abgelehnt. «Die wollten mich schwarz anstellen, das möchte ich nicht.»

In Basel wohnte die Familie zuerst direkt an der Autobahn. Es war laut. Zu laut. Sie schliefen schlecht. «Und für die Kinder ist so viel Lärm nicht gut.» Die Suche nach einem neuen Zuhause verlief harzig. Sie reichten über 60 Bewerbungen ein, erhielten Absage um Absage. Alle zwei Monate mussten sie Geld für einen neuen Betreibungsregisterauszug zusammenkratzen. Irgendwann klappte es. Dank einer Freundin, die für die Familie ein gutes Wort bei der Verwaltung einlegte.

Geld allein reicht nicht

Paula träumt nicht von Ferien, obwohl sie seit Jahren nicht mehr verreist ist. Sie will keine neuen Kleider oder Möbel. Sie wünscht sich nur, dass Manuel Arbeit findet. Es falle ihm schwer, zu Hause zu sein. «Die vielen Rückschläge machen ihn depressiv.»

Im Moment schafft es die Familie nicht ohne das Geld von der Sozialhilfe. Paula ist dankbar für die Unterstützung. Aber am liebsten möchte sie es alleine schaffen. Sie fühlt sich vom Kanton im Stich gelassen. Die Sozialhilfe zahlt zwar jeden Monat pünktlich. «Aber wir brauchen nicht einfach Geld, sondern aktive Unterstützung bei der Arbeitsintegration.» Mit dieser Hilfe würde Manuel vielleicht Arbeit finden, die Familie könnte den Teufelskreis durchbrechen und wieder auf eigenen Füssen stehen. Eine Studie kommt zum gleichen Schluss: In Basel gibt es gerade bei der Erwerbsintegration Handlungsbedarf.

Bis Manuel einen Job hat, muss die Familie die Ausgaben planen, Umwege in Kauf nehmen, nach Aktionen Ausschau halten. Brauchen die Kinder Regenhosen, steht Paula am frühen Morgen vor dem Aldi, wartet bis die Türen öffnen, damit sie von der Aktion profitieren kann, bevor alles weg ist. Eingekauft wird in Deutschland, die Schweiz ist zu teuer. Es ist ein Kampf um jeden Franken: Unterlagen schickt sie nicht per Post ans Sozialamt. Sie scannt und mailt sie, um Portokosten zu sparen.

Von all dem sollen die Kinder wenig merken. Deshalb verzichtet Paula auf Vieles. Die Haare schneidet eine Kollegin, Kleider leistet sie sich selten. «Aber die Kinder wachsen. Sie brauchen Kleider, Schuhe, einen Rucksack für den Kindergarten.» Und an Weihnachten möchte Paula ihnen etwas schenken, und in ihre leuchtenden Augen blicken.

*Richtiger Name der Redaktion bekannt

Familienarmut

Eine neue Studie zeigt, wo es in Basel harzt

Der Kanton Basel-Stadt ist einer der wirtschaftlich stärksten Kantone der Schweiz. Trotzdem leben hier gemäss einer Armutsstudie aus dem Jahr 2010 ungefähr 15 000 Menschen in Armut, was 7,8 Prozent der Bevölkerung entspricht. Weitere 27 000 Personen (14,4 Prozent) sind von Armut gefährdet. Damit liegt Basel-Stadt über dem Schweizer Durchschnitt von 6,6 Prozent beziehungsweise 13,7 Prozent.

Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Basel laut dem Wohlstandsbericht des Bundesrates aus dem Jahr 2014 am weitesten auseinander. Das Büro für sozial- und arbeitspolitische Studien (Bass) hat im Auftrag des nationalen Programms zur Prävention und Bekämpfung von Armut eine Studie durchgeführt. Sie untersucht die Situation in unterschiedlichen Schweizer Städten – darunter Basel. Die Studie zeigt: Basel fällt vor allem durch eine unterdurchschnittliche Erwerbsintegration der Familien auf.

Eine Hauptherausforderung in den kommenden Jahren dürfte es sein, einkommensschwachen Familien und Alleinerziehenden eine bessere Erwerbsintegration und dadurch höhere Einkommen zu ermöglichen. Dafür braucht es – gerade für Eltern – mehr Möglichkeiten, damit sie arbeitsmarktrelevante Ausbildungen nachholen können. Zudem ist die externe Betreuungsquote der Kinder in Basel tiefer als in anderen Schweizer Städten. Im Vorschulalter beträgt sie 41 Prozent. In Zürich, Genf und Lausanne liegt mit 50 bis 68 Prozent deutlich höher. Im Schulalter zeigt sich der Unterschied noch deutlicher: Bei Schulkindern beträgt die Betreuungsquote in Basel noch 26 Prozent, in den anderen drei Städten 49 bis 65 Prozent. Das zeigt, dass sich Beruf und Familie in Basel weniger gut vereinbaren lassen als in anderen Schweizer Städten. Zudem fehlt es hier an zahlbaren Betreuungsplätzen.