Friedhof

Farbige Windräder auf dem Hörnli: Hier wird der Tod ins Leben zurückgeholt

Die Religion verschwindet aus dem Alltag, Kirchen schliessen, getrauert wird heute privat. Und was passiert mit den Friedhöfen? Ein Rundgang auf dem Hörnli, dem grössten Friedhof der Schweiz.

Am Eingang des Hörnlis stehen Trauergäste in elegantem dunklem Tenü. Man hat sich zu einer Abdankungsfeier versammelt – im engsten Kreis der Familie. Langsam schreitet die Gruppe an akkurat geschnittenen Büschen vorbei. Richtung Wald und Wiese. Die Dahingegangene wünschte sich eine Bestattung im Wiesengrab. «Liegt eine Erklärung der verstorbenen Person über die Bestattungsart (...) vor, ist das zuständige Amt bei der Anordnung der Bestattung auf Kantonsgebiet an die darin enthaltenen Anweisungen gebunden, soweit diese unentgeltliche Leistungen des Kantons betreffen und durchführbar und kontrollierbar sind und nicht den guten Sitten widersprechen.» So steht es im baselstädtischen Gesetz betreffend Bestattungen.

Erbaut wurde die ausladende Friedhofsanlage zwischen 1926 und 1932. Bereits um 1900 hatte man errechnet, dass die Kapazitäten der Friedhöfe Wolf, Kannenfeld, Horburg und Kleinhüningen wegen des starken Bevölkerungswachstums innert weniger Jahrzehnte ausgeschöpft sein würden. Nur der Wolfgottesacker hat als Friedhof überlebt, die anderen wurden aufgehoben. Zehn Minuten hat der 31er-Bus vom Claraplatz bis zur Endstation, dem Zentralfriedhof. Eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr war bereits bei seiner Eröffnung wichtig. Dafür wurde eigens eine neue Buslinie eingeführt.

Das Kindergrabfeld auf dem Hörnli ist etwas farbiger gestaltet.

Das Kindergrabfeld auf dem Hörnli ist etwas farbiger gestaltet.

Premiere im April: Der Friedhof als Ort für Kunst

Seit der Inbetriebnahme des Hörnlis sind bald neunzig Jahre vergangen. Viel hat sich verändert: Unsere Lebenserwartung, der Umgang mit dem Tod, die Wünsche, was mit den sterblichen Überresten geschehen soll. Viele wollen nicht mehr auf einem Friedhof begraben sein, die Abdankung findet im privaten Kreis statt. An einem Ort, wo der Verstorbene sich wohlgefühlt hat. Die Asche wird in der Natur verstreut. Werden Friedhöfe bald überflüssig?

Eine Frau, die sich von Berufs wegen mit dieser Frage beschäftigt, ist Anja Bandi, Leiterin Friedhöfe Basel. Sie ist erst seit 15 Monaten im Amt, wartete aber diesen April bereits mit einer Premiere auf: Der ersten Kunstausstellung auf dem Hörnli. Bis Juni war der Friedhof das Revier von 28 lebensgrossen Tieren aus Bronze, die der italienische Künstler Davide Rivalta geschaffen hat. Eine Büffelfamilie auf der Allee, ein Rhinozeros auf dem Hof vor der Urnennischen-Anlage.

Mit «Bring mich zurück» bevölkern die Skulpturen des italienischen Künstlers Davide Rivalta das Hörnli.

Mit «Bring mich zurück» bevölkern die Skulpturen des italienischen Künstlers Davide Rivalta das Hörnli.

Mit Botschaften versehene Kunst

«Bring mich zurück» war der stimmige Titel. Dazu inspiriert hat Rivalta der Deckel eines Depotständers für Giesskannen. Das darauf geschriebene «Bring mich zurück» ist ein Appell an die Friedhofsgäste, die Kannen nicht bei den Gräbern stehen zu lassen. Anja Bandi führte den Künstler damals über den Friedhof. Sie staunt heute noch, wie schnell er geeignete Plätze für seine Tiere fand.

Eine Angehörige, die das Hörnli regelmässig besucht, wird später sagen, die Tiere hätten sich so stimmig in die Landschaft eingefügt, dass es aussah, als wären sie immer schon da gewesen.

Das Kunstwerk aus Giesskannen mit der Aufschrift: «Bring mich zurück».

Das Kunstwerk aus Giesskannen mit der Aufschrift: «Bring mich zurück».

Nur eine Rückmeldung, die Tiere seien pietätlos

«Die Ausstellung war gut besucht», freut sich Bandi. «Sie hat vor allem auch Menschen angezogen, die sich sonst nicht auf dem Hörnli aufhalten.» Das war das Ziel. «Wir verstehen den Friedhof auch als kulturellen Ort. Diesen Aspekt wollen wir mehr hervorheben.» Aber geht das mit der ursprünglichen Funktion des Friedhofs zusammen? «Wir hatten überwiegend positive Reaktionen, nur jemand fand sie pietätlos.»

Selbstverständlich sei es ein Drahtseilakt, für neue Nutzungen die richtige Form zu finden. «Der Friedhof soll ein Ort des Gedenkens bleiben, die Angehörigen sollen sich darin nicht gestört fühlen.» Aber: Eine Öffnung für anderes trage einerseits dazu bei, den Friedhof zu beleben, andererseits aber auch dazu, das Tabuthema Tod ins Leben zurückzuholen.

Museumsnacht: Leichenkutschen und Haarbilder

Wenn man sich mit den Entwicklungen auf dem Friedhof und der Bestattungskultur beschäftigt, ist man gut beraten, bei Peter Galler anzuklopfen. Der ehemalige Grabmachermeister kennt das Hörnli wie kein anderer und das, seit er 1960 seine Stelle angetreten hat. Vierzig Jahre lang war er auf dem Friedhof zuständig für «alles was unter der Erde ist», 40 000 Bestattungen hat er erlebt. Galler legte die Sammlung Hörnli an. Viele kennen ihn und seine Schätze von der Museumsnacht, an der bis zu 1000 Besucherinnen und Besucher auf den Friedhof kommen.

Verzierte Leichenkutsche.

Verzierte Leichenkutsche.

Die Exponate, darunter historische Leichenkutschen und Haarbilder, sind im ehemaligen Krematorium untergebracht. Dort erklärt uns Galler die Eigenheiten des Basler Staatssargs. Er ist aus unbehandeltem Fichten- und Tannenholz und dadurch erkennbar, dass sein Deckel aus fünf statt drei Brettern gefertigt ist. Alle Einwohnerinnen und Einwohner Basels haben das Anrecht auf einen kostenlosen Sarg und eine kostenlose Urne. 2003 wollte die Regierung den Staatssarg abschaffen. Das Stimmvolk lehnte die Vorlage 2004 ab. Was wenig überraschend ist, wie die Riehener Zeitung am Tag danach befand: «Die Themen Sterben und Tod sind eben ein denkbar ungeeignetes Experimentierfeld für staatliche Sparanstrengungen (...).»

Biologisch abbaubare Urnen

Die Staatsurne ist aus Ton oder Holz. Aus Holz für Bestattungen in der Abteilung 12, der etwa die Wiesengräber zugeteilt sind, und in den beiden Gemeinschaftsgräbern. Nur diese Urnen gehen mit dem Lauf der Zeit, sie sind biologisch abbaubar. In den Gemeinschaftgräbern werden heute rund 30 Prozent der Verstorbenen bestattet. Die Entscheidung habe oft pragmatische Gründe, sagt Anja Bandi. Man wolle den Angehörigen die Pflege des Grabs ersparen. Es gibt aber auch eine emotionale Seite: Dort ruht man nicht allein, sondern in einer Art WG. Bandi erkennt wieder einen leichten Trend hin zu Gemeinschaftsgrab-Bestattungen mit Namensnennung: «Wir leben in einer Zeit der Individualisierung.»

Wir stehen nun im Hof vor der Urnennischenwand. Der monumentale Bau wurde 2001/2002 errichtet, weil die Nachfrage nach Urnenbestattungen markant zunahm. Er steht quer zum Friedhof und ist 109 Meter lang. Die sogenannte «Himmelsleiter» führt vom Hof direkt zum Waldrand hinauf. Hier verdeutlicht sich eine Besonderheit des Hörnlis: Der hohe Anteil an Wald und Wiesen. Von 54 Hektaren Gesamtfläche sind es 53 Prozent.

Die Urnenwand auf dem Friedhof Hörnli.

Die Urnenwand auf dem Friedhof Hörnli.

Nicht allen gefällt's

Nicht allen gefällt die markante Wand, in der Urnen bestattet sind. Manchen fällt sie zu stark vom unteren, traditionellen Teil des Friedhofs ab. Andere wiederum empfinden den Hof als zu karg. Ann-Marie Reisacher mag den Ort. Sie kommt regelmässig hierher, um ihres verstorbenen Gatten zu gedenken. «Es ist einmal etwas anderes, nicht so morbid», sagt sie und verweist auf die milchgläsernen Türen der Nischen, die je nach Lichteinfall eine andere Farbe annehmen.

Ihr Mann sei hier gut aufgehoben und auch sie werde dereinst in dieser Nische ruhen, erklärt sie und hebt eine halb abgebrannte Grabkerze vom Boden auf. «Wegen der Krähen, die sind hinter dem Wachs her.» Rivaltas Bronzetiere haben ihr gefallen. «Sie sind hier gut zur Geltung gekommen.» Ihrer Ansicht nach sollte das Hörnli aber kein «Hotspot» werden. Man sehe es ja am Rhein, völlig überlaufen, lärmig und am Schluss voller Abfall. Deswegen lehnt sie auch Familien-Picknicke ab.

Heute verbringt man die Festtage lieber in der Karibik

Auch Peter Galler sieht das Hörnli nicht als Ort für Events. Ohnehin vermisst er auf dem Hörnli heute die Bereitschaft zu Andacht und würdevollem Umgang mit den Verstorbenen. Während in den 60er-Jahren an Heiligabend bis zu 20 000 Menschen aufs Hörnli gekommen seien, sei es heute praktisch leer. «Man nimmt sich keine Zeit mehr für einen Friedhofsbesuch und fährt über die Festtage lieber in die Karibik.» Es ist das, was sich in seinen Augen am meisten verändert hat.

Galler führt uns zu einer Vitrine mit diversen Traueraccessoires: Darin Schleier, diverse Ringe und Knöpfe. Diese Dinge habe man früher getragen, um öffentlich zu zeigen, dass man in Trauer sei.

Künstliche Hüftgelenke und Herzklappen hat Peter Galler nach dem Kremieren der Leichen aufbewahrt (Archiv).

Künstliche Hüftgelenke und Herzklappen hat Peter Galler nach dem Kremieren der Leichen aufbewahrt (Archiv).

Sperrige künstliche Hüftgelenke, die aussehen wie Waffen

Der Wandel der letzten Jahrzehnte manifestiert sich auch deutlich in einer Reihe von medizinischen Implantaten, die Galler gesammelt hat. Sie sind bei Kremationen übrig geblieben: Künstliche Hüftgelenke aus Metall, die wie Waffen aussehen, sperrige Kieferspangen und historische Herzschrittmacher. Sie alle sind heute kleiner und leichter. Und sicher angenehmer zu tragen.

Objekte ihrer Zeit sind auch die Urnen in den hinteren Vitrinen. Reich verzierte gewichtige für die «Mehrbesseren», Exemplare, die wie Bomben aussehen und eine exzentrische Urne aus Loden. Und eine vergängliche: Eine Öko-Urne aus Orangenschalen und Kartoffelstärke. Ihr gehört die Zukunft.

Was summt denn da beim Wald?

Es geht in Richtung Natur, bei den Lebenden wie bei den Toten. Anja Bandi bestätigt das, während wir weiter zum Wald hinaufsteigen. Vorbei an Bienenkästen, die auch wegen der Biodiversität hier platziert sind, zum Platz mit den «Pfützen». Sie wurden von der Künstlerin Barbara Mühlefluh angelegt. Von diesem Platz aus, dem «Tränenplatz», hat man den schönsten Blick auf die Stadt. Hier findet auch Anja Bandi Ruhe, wenn sie nach vielen Stunden Büroarbeit an die frische Luft muss.

Die Bienen hausen am Waldrand auf dem Friedhof Hörnli.

Die Bienen hausen am Waldrand auf dem Friedhof Hörnli.

Weiter unten steht eine Buche mit riesiger Krone, der «Gemeinschaftsbaum». Unter ihm hat es Platz für 270 Urnen. Damit reagierte die Stadtgärtnerei 2016 auf die steigende Nachfrage nach alternativen Bestattungsarten. «Viele wollen von den traditionellen Standards wegkommen, suchen aber einen festen Ort, den sie besuchen können.» Nicht selten würden Urnen heute nach Hause genommen und die Asche in der Natur verstreut. Dann fehlt aber ein Ort, wo die Hinterbliebenen trauern können. Das werde unterschätzt und höre sie von Angehörigen immer wieder.

 Farbige Gräber mit Windrädern verziert

Wir beenden unseren Rundgang beim Kindergrabfeld. Die Gräber hier sind individueller gehalten, mit Tieren, Spielzeugen und kleinen Windrädern geschmückt. Auch eine neue Skulptur steht hier. Sie wurde von Roman Müller geschaffen und wird am «Tag des Friedhofs» im September eingeweiht.

Das Kindergrabfeld auf dem Hörnli.

Das Kindergrabfeld auf dem Hörnli.

Das dreiteilige Werk symbolisiert die Verbindung zwischen den Welten der Lebenden und der Toten. Die Mission Anja Bandis. Was wird also aus dem Friedhof? «Das Hörnli soll ein Ort der Andacht bleiben und kein Europapark werden», schliesst Bandi. «Aber wir gehen die neuen Wege weiter.» Für 2020 ist eine weitere Ausstellung geplant. Dabei wird es in poetisch-literarischer Art um Wahrnehmung gehen. Und um den Wechsel der Perspektive. Mehr verrät sie nicht.

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