Die Basler Volkskundlerin, Autorin und Journalistin Edith Schweizer-Völker (77) begeistert sich seit vielen Jahren für die Fasnacht im Dreiland. Im Interview erklärt sie, warum die Elsässer bei der Fasnacht anders ticken, wie es im Schwarzwald zugeht und warum auch angefressene Basler Fasnächtler und Fasnächtlerinnen ab und zu den Blick über die Grenzen wagen sollten.

bz: Im Vergleich zur Region Basel und zu Südbaden ist die Fasnacht im Elsass erheblich weniger präsent. Können Sie sich das erklären?

Edith Schweizer-Völker: Es ist tatsächlich nicht so viel los. Für die Deutschen ist Fasnacht eindeutig ein Stück Identität und hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg unglaublich entwickelt. In Mulhouse gibt es neben dem Karnevals-Umzug und weiteren Veranstaltungen vor allem den über 100 Jahre alten Herre-Owe: Der Fokus liegt auf Satire, auch die Frauenrollen werden von Männern gespielt. Es geht viel um Sex und Erotik und im Publikum dürfen nur Männer sitzen. 2002 fand erstmals auch ein Dame-Owe statt – er geht allerdings genauso unter die Gürtellinie wie bei den Männern! Im protestantischen Basel dürfte man so was nicht auf die Bühne bringen, das wäre verpönt. Aber in Frankreich ist man nun einmal mehr auf Erotik fokussiert.

Bekommt man als Aussenstehender dafür überhaupt Karten?

Das ist schwierig. Man müsste sich wirklich darum bemühen. Der Herre-Owe ist in der Regel ausgebucht. Das Elsasser Theater Milhüsa hat sehr viele Mitglieder und schon dadurch sind die meisten Plätze besetzt. Auch die witzigen Zunftabende der Narrenzunft Lörrach sind durch die eigenen Leute gefüllt. Im Elsass ist besonders der Bunte Narre Obe im Sundgaudorf Riespach bemerkenswert. Mittlerweile müssen sie den Abend fünfmal wiederholen – und auch da ist immer alles ausverkauft.

Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Die haben vor allem ein paar Leute, die gut schreiben. Die Autoren stammen aus dem Dorf – der Beste ist ein Landwirt – und sie liefern hervorragende Sketche. Dabei geht es aber auch recht karnevalsmässig zu mit deutscher Schlagermusik und Cancan auf der Bühne. Wie gesagt: Im Elsass hat es immer einen anderen Touch, aber eigentlich hat Erotik – offen oder verdeckt – schon immer und überall zur Fasnacht gehört.

Könnte die Fasnacht im Elsass nicht so verbreitet sein, weil der Dialekt seit langem ständig an Bedeutung verliert – eine Entwicklung, die immer weiter geht?

Ja, denn zur Fasnacht gehört der Dialekt. Auf Französisch kann man nicht intrigieren, das funktioniert nicht. In Attenschwiller bei Folgensburg beispielsweise ist die Fasnacht sackstark: Am Sonntag vor Aschermittwoch gibt es auf dem Platz im Zentrum viel Spektakel mit satirischen Szenen und Wagen mit verrückten Aufbauten kurven durchs Dorf wie mal ein höllisch qualmender Atommeiler von Fessenheim. Dann wird auch intrigiert: Ziemlich schräge Einzelmasken, die Bossus, Buckligen, ziehen von Haus zu Haus, machen freche Sprüche, und wenn sie erkannt werden, gibt es Gebäck, Wein, Schnaps und Wurst. Das Amüsement ist gross, denn hier kennen sich alle. Und man redet noch Elsässisch. In Kembs mit seinem Grand Carnaval und seiner Soirée Carnavalesque wird vielfach auch französisch parliert, und Englisch hält auch schon Einzug bei Namen wie bei den Les Night Waggis. Aber Flaschaputzer Waggis lässt sich nun mal nicht gut übersetzen.

Kann man sagen, dass die Fasnacht in Südbaden eine ähnlich wichtige Rolle spielt wie in der Region Basel?

Ihre Bedeutung hat in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen: Heute existieren in Südbaden mehrere Tausend Narrenzünfte.

Besonders ist die Fasnacht im Schwarzwald. Wie drückt sich das aus?

Es ist das Ensemble von Holzlarven, aufwendigen Kostümen und Musik der klassischen Gruppen, die die Eigenheiten jedes Orts ausdrücken. Holzlarven haben hier Tradition, weil es im Schwarzwald immer Schnitzer gab, die ursprünglich für die Kirchen Heiligenfiguren geschaffen haben. Es gibt da jeweils recht strenge Vorschriften. In Rottweil werden die Häs, die Kostüme der Teilnehmer, am Narrensprung einzeln kontrolliert. Alles muss stimmen. Das ist sehr starr und ich frage mich, wie lange das noch so streng bleiben kann.

Welches ist Ihrer Meinung nach die ursprünglichste Fasnacht in Südbaden?

Am intensivsten läuft es in Elzach ab. Das ist eine wilde, raue Buurefasnacht; auch heute noch. Das Städtchen hat mit seinen eingemeindeten Orten rund 7000 Einwohner, und gegen 3000 machen am Umzug mit. Da wird man als Zuschauer am Strassenrand zum Beispiel mit Saubloodere traktiert, oder man liegt auf einmal auf dem Boden! Ich habe einmal mit zwei Freundinnen die ganzen drei Tage lang mitgefeiert. Die Schuddige im roten Blätzlekleid behalten ihre Holzlarven strikt bis Mitternacht auf. Das gefällt mir. In Basel zieht man, kaum steht man vor der Beiz, die Larve ab: Da geht der Zauber verloren! Einen Besuch in Elzach würde ich wirklich jedem aus Basel raten.

Aber gibt es im Baselbiet so etwas Ähnliches nicht auch?

Der Chienbäse in Liestal ist natürlich grandios, und an den Dorffasnachten geht sicher einiges ab. Die Umzüge in den Dörfern sind allerdings alle sehr ähnlich, auch wenn sie sich alle Mühe geben, etwas Satirisches auf die Beine zu stellen. Eine kleine, alte Bauernfasnacht hat sich in Pratteln bewahrt: der Umgang des Butz mit den Hornbuebe und traditionellen Fasnachtsgestalten. Ähnliche Figuren wie die Eierwybli und der Vehdoggter sind auch beim Hutzgüry in Sissach dabei.

Wo würden Sie die Schweizer denn sonst noch hinschicken?

Rottweil habe ich erwähnt. Der Rottweiler Narrensprung in der prachtvollen Stadt ist sehr eindrücklich – allerdings ist man mit dem Auto fast zwei Stunden unterwegs. Gleich weit ist auch Villingen – dort wird viel spontan intrigiert. Erwähnen möchte ich noch Zell am Harmersbach mit seinem reizvollen Sprung aus dem Narrengrab oder Waldkirch mit seinem Hexensabbat. Die klassischen Holzmasken gibt es auch in Gengenbach im Kinzigtal zu sehen. Im Grunde finden diese traditionellen Fasnachten alle nördlich von Freiburg statt.

Und hier in der Nähe?

Prachtvolle, zum Teil sehr alte HoIzlarven trägt man auch in Laufenburg. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Schweizer und die Deutschen begonnen, zusammen Fasnacht zu feiern. Die Schweizer Narronen kommen von oben vom Wasentor her durch das Stedtli über die Brücke, treffen sich mit den Kollegen der Narro-Altfischerzunft auf deutscher Seite, mit denen sie gemeinsam ein paar Runden trommeln, bevor man sich wieder trennt. Allerdings bekommt Laufenburg langsam ein Problem: Die Aktiven werden stets weniger, weil nur Männer und Bürger von Laufenburg mitmachen dürfen.

Wo findet in Südbaden der grösste Umzug statt?

In Freiburg im Breisgau mit Gruppen aus ganz Südbaden. Es lohnt sich auch hin zu gehen, wenn sie den Narrenbaum aufstellen und das Rathaus stürmen. Das ist am Schmutzigen Donnerstag vor Aschermittwoch – dieses Jahr fällt das auf den 23. Februar. Überall im Badischen werden die Schulen gestürmt und die Schüler befreit – für uns ist das speziell, das kennen wir so nicht. An diesem Tag ziehen auch die Hemdglunki in weissen Nachthemden durch unzählige Orte. Fast überall gibt es am Ende auch Fasnachtsfeuer mit Reedlischigge, Scheibenschlagen, am Termin der Alten Fasnacht nach dem Aschermittwoch. Das gab es früher auch in Basel, zum Beispiel auf der Klybeckinsel, und auch auf der Pfalz soll man glühende Scheibchen in die Nacht hinaus geworfen haben.

Und was läuft im Badischen in unmittelbarer Nähe zu Basel?

In Lörrach ist es toll, weil viele Gruppen aus dem ganzen Schwarzwald zum Umzug kommen. Bei der Weiler Buurefasnacht ist das ähnlich. Es ist schön zu sehen, was es alles gibt. Dabei hat Lörrach selbst schon über 30 eigene Cliquen. In Weil findet der Umzug am Sonntag vor der Basler Fasnacht statt, in Lörrach eine Woche vorher – hier gilt der übliche katholische Termin.

Was ist der grösste Unterschied zwischen der Basler Fasnacht und denen im übrigen Dreiland?

Zuerst natürlich der Termin: In Basel sind wir mit Sissach und Pratteln die Letzten. Vor allem aber kreieren die Basler Cliquen die Fasnacht jedes Jahr neu: Mit einem speziellen Sujet, Larven, Kostümen und Laternen. Dieses Gesamtkunstwerk entwickelte sich nach dem Larvenwettbewerb des Kunstkredits von 1925, der ein grosser Erfolg wurde. Vorher wurden die Larven als Massenware importiert. Man wollte, dass Basel mit seiner berühmten Künstlerszene eine kreative Fasnacht auf die Beine stellt. Prächtige Fasnachtslaternen gab es bereits seit 1845, als offene Fackeln verboten wurden.

Gibt es auch etwas Gemeinsames bei der Fasnacht in der Region?

Man ist voll maskiert. Allerdings löst sich das langsam ein wenig auf: In Basel geht der Trend hin zu leichten Kunststofflarven, und auch Halblärvli sind kein Sakrileg mehr. Das wäre vor 20, 30 Jahren noch undenkbar gewesen. Die Fasnacht wandelt sich nun einmal wie alles andere auch.

Strahlt die Basler Fasnacht über die Grenzen aus, auch die Kantonsgrenzen?

Extrem, das ist klar. Das Trommeln und Pfeifen hat es früher in der Landschaft in diesem Ausmass nicht gegeben. Das hat sich geändert. Beim Basler Preistrommeln und -pfeifen ist man maskiert und die Jury weiss nicht, wer sich unter der Larve verbirgt. So hat es einen Aufschrei gegeben, als Ivan Kym aus Möhlin 1993 Trommelkönig wurde! Die Basler haben sich unmöglich benommen, weil sie nicht ertragen konnten, dass ein Auswärtiger den ersten Preis holte. Er ist noch heute einer der besten Tambouren der Schweiz und trommelt natürlich längst auch in den Basler Gassen mit seinen Chriesibuebe. Im Badischen ist das kein Thema, sie haben ja vor allem ihre Musikzüge. An vielen Orten begleiten Klepperle von Maskierten und im Publikum den Rhythmus der Musik – das sind zwei Hölzchen, die man zwischen Daumen und Mittelfinger hält und schlägt.

Und wie kamen die Guggenmusiken nach Südbaden?

Früher gab es beim Cortège auch Querflöten und Handorgeln . Die Guggenmusiken sind tatsächlich in Basel entstanden und landeten dann erst in Luzern – das müsste in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts gewesen sein. Die Guggen wurden sicher von Basel auch nach Baden exportiert und erleben zur Zeit auch im Elsass grosse Erfolge mit ihren Konzerten. Viele Basler Guggen nehmen auswärts an Fasnachtsumzügen teil, in Deutschland bis nach Köln. Man nutzt die Gelegenheit und zeigt sich überall.