Bildung
Fast jeder Sechste kann weder lesen noch schreiben

800’000 erwachsene Personen aus fast allen Berufen und sozialen Schichten sind in der Schweiz betroffen. Der Dachverband für Weiterbildung fordert mehr Mittel für die nationale Sensibilisierungskampagnen und flächendeckenden Kursangebote.

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Rund 3000 erwachsene Personen entscheiden sich pro Jahr für ein Weiterbildungsangebot, um besser lesen und schreiben zu lernen.

Rund 3000 erwachsene Personen entscheiden sich pro Jahr für ein Weiterbildungsangebot, um besser lesen und schreiben zu lernen.

KEYSTONE

780 Millionen Menschen weltweit können weder lesen noch schreiben – das ist fast jeder Sechste. Das Ziel aus dem Jahr 2000, die Alphabetisierungsrate bis 2015 zu halbieren, wurde nicht erreicht, stellt die Unesco zum heutigen Welttag der Alphabetisierung fest.

Auch in der Schweiz kann längst nicht jeder Erwachsene lesen und schreiben. Rund 800’000 Erwachsene sind hierzulande gemäss Bundesamt für Statistik nicht in der Lage, einen einfachen Text zu lesen und zu verstehen – trotz Schulbildung. Es handelt sich aber nicht um Analphabeten, die per Definition nie eine Schule besucht haben.

Beinahe die Hälfte der Betroffenen ist in der Schweiz geboren und hier zur Schule gegangen, schreibt der Verein Lesen und Schreiben in einer Medienmitteilung. Betroffen seien Personen aus fast allen Berufen und sozialen Schichten.

Das Defizit bleibe meist unerkannt, weil sich viele nicht getrauten, über ihre Schwäche zu sprechen. Viele wüssten nicht einmal, dass sie Lesen und Schreiben auch im Erwachsenenalter lernen könnten und dass es entsprechende Angebote gibt.

Um dies zu ändern, kommen sogenannte Vermittlerpersonen zum Einsatz. So werden etwa Berufsberater speziell geschult, damit sie erkennen, wenn eine Person mit einer Lese- oder Schreibschwäche die Beratung aufsucht.

Die Vermittlerperson kann dann das Thema ansprechen und helfen, ein passendes Weiterbildungsangebot zu finden. Rund 3000 Personen entscheiden sich pro Jahr, als Erwachsene besser Lesen und Schreiben zu lernen.

Zu wenig finanzielle Mittel

Der Verein kritisiert, dass heute zu wenig Mittel für entsprechende Angebote zur Verfügung stünden. Bereits am Freitag hatte der Dachverband für Weiterbildung (SVEB) mehr Mittel für nationale Sensibilisierungskampagnen und flächendeckende Kursangebote gefordert. Die Ausgaben müssten von heute 2 auf 30 Millionen Franken pro Jahr aufgestockt werden. Mit dem Weiterbildungsgesetz, das 2017 in Kraft tritt, bestehe dafür nun eine gesetzliche Grundlage.

Am Weltalphabetisierungstag wird mit verschiedenen Aktionen in der Schweiz auf das Thema aufmerksam gemacht. In Bellinzona eröffnet eine Fotoausstellung, in vier Westschweizer Städten wird an Informationsständen auf Kursangebote hingewiesen. Deutschschweizer finden auf der Website des Vereins Lesen und Schreiben kurze Videoclips und Infoblätter.

Lernprozess wird blockiert

Doch wie kommt es, dass jemand eine Schulkarriere durchlaufen kann, ohne richtig Lesen und Schreiben zu lernen? Eine Seh- oder Hörschwäche, Legasthenie oder eine schwierige Familiensituation könnten am Anfang der Entwicklung stehen, schreibt der Verein Lesen und Schreiben auf einem Informationsblatt. Der schwierige Lernprozess verlaufe in der Folge nicht reibungslos. Lesen und Schreiben werde zunehmend zur Belastung. Misserfolge drückten auf das Selbstwertgefühl, der Unterricht werde zur Qual.

Betroffene versuchen Lese- und Schreibsituationen möglichst zu vermeiden – der Lernprozess wird dadurch erst recht blockiert. Nach der Schulzeit entwickeln viele Alternativstrategien und vergessen so das wenige in der Schule Erlernte.

Für viele Betroffene bedeutet das Verbergen der Lese- und Schreibschwäche Dauerstress. Gemäss einer Studie des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) aus dem Jahr 2007 haben Personen mit einer Lese- oder Schreibschwäche ein doppelt so hohes Risiko, arbeitslos zu werden, wie der Durchschnitt der Erwerbstätigen.