Man stelle sich einen grossen Fussballverein wie den FC Basel ohne Fans vor. Ein beinahe unvorstellbares Szenario. Leere Ränge, fehlende Leidenschaft, nicht vorhandene Unterstützung. Genau dieses Szenario trifft am nächsten Donnerstag ein, wenn der FCB gegen Valencia ein Geisterspiel austragen muss. Und das nur, weil Unbelehrbare im Spiel gegen Salzburg Gegenstände auf den Platz geworfen haben.

Die Unbelehrbaren, das sind FCB-Fans. Leidenschaftliche, die ihren Club sogar im Ausland unterstützen. Ihm quer durch ganz Europa nachreisen. Ihn anfeuern. Ihre Ferien für ihn opfern. Genau diese Fans sind Fluch und Segen zugleich. Immer wieder sorgen sie für Negativschlagzeilen. Die Beziehung zwischen Verein und Fans, es ist ein Wechselspiel, das einzigartig ist. Die innige Liebe zwischen Klub und Anhängern wird immer wieder durch Probleme auf die Probe gestellt. Ein Drama in fünf Akten.

Erster Akt. Dazu müssen wir gedanklich etwas zurück gehen. Ins Jahr 2002. Genauer gesagt, zum 1. Dezember. Zu Hause verspielt der FC Basel gegen GC die Wintermeisterschaft. Mehr als das Resultat schmerzen die unrühmlichen Randale, die während dem Spiel für Aufruhr sorgen. Erzürnte Fans schmeissen Münzen, Feuerzeuge und andere Wurfgegenstände auf Feld, Linienrichter und gegnerische Spieler.

Als Strafe brummt die Disziplinarkommission dem FCB eine Busse und ein Geisterspiel auf. Die spätere Milderung des Urteils auf eine Teilsperrung mildert nicht den Imageschaden, den die Fans durch ihr Verhalten provoziert haben. Verein und Stadt goutieren die Aktion der Fans nicht, stellen sich aber schützend vor sie. Die Anhänger geniessen einen grossen Kredit, weil sie den Verein sonst immer tatkräftig unterstützen.

Zweiter Akt. Der Tiefpunkt in der Basler Fan-Historie. Die Finalissima zwischen Basel und Zürich am 13. Mai 2006 wird zur Neuinszenierung der Schlacht zu St. Jakob. Das Tor zum 2:1 für die Zürcher, das ihnen die Meisterschaft sichert, lässt die Sicherungen der Basler Anhänger durchbrennen. Platzsturm, Schlägereien, der Einsatz von Tränengas, Wasserwerfern und Gummischrot, Verletzte und Verhaftete sind das Resultat. Die Pokalübergabe findet in unwürdigem und feindlichem Rahmen statt, der so noch nie da gewesen ist. Eine harte Probe für die Beziehung zwischen Verein und Fans.

Dritter Akt. Es ist wieder Mai. Wir schreiben das Jahr 2011. Der FC Zürich empfängt den FC Basel. Über die Nacht der Schande fünf Jahre zuvor scheint Gras gewachsen zu sein. Was sich dann aber im Vorfeld der Hochrisiko-Partie im Letzigrund abspielt, sind die schwersten Ausschreitungen der jüngeren Schweizer Fussballgeschichte. FCB-Fans stürmen durch den Gästeeingang das Stadion, beschädigen Verpflegungsstände, zerstören Lavabos und plündern Kassen. Die Gewalttäter gehen mit Stangen, Steinen und Flaschen auf Sicherheitsleute los. Erneut gibt es Verletzte und Sachschaden. Die Fans provozieren einen Aufschrei, wecken Erinnerungen an 2006. Ihr Kredit wird dadurch kleiner –ihr Image ist angekratzt.

Vierter Akt. Um uns an das vierte Ereignis zu erinnern, brauchen wir nicht all zu tief in der Erinnerung zu graben. Am 20. März überschlagen sich in der Red Bull Arena zu Salzburg die Ereignisse. Die mitgereisten FCB-Fans werfen Gegenstände auf den Platz, treffen dabei mit einem Saft-Beutel beinahe einen Salzburg-Spieler. Dieser letzte Wurf bringt das Fass zum Überlaufen. Das Ende der sportlichen Fairness ist erreicht. Die Uefa brummt dem FCB ein Geisterspiel, eine Busse und ein weiteres Geisterspiel auf Bewährung auf. Das Spiel der Basler gegen Valencia findet vor leeren Rängen statt. Ein Stich ins rotblaue Herz. Der Kredit der Fans schwindet drastisch. Wie der

Fünfte Akt verlaufen wird, weiss keiner. Ebenso wenig ist klar, ob die Fans in der Stadt und der Politik endgültig ihren Kredit aufgebraucht haben. Zu viel ist passiert, zu viele Verletzte gab es, zu gross ist der Schaden für Finanzen und Image. Der FCB braucht seine Fans ebenso wie sie ihren Verein brauchen. Auch in der Europa League. Eben diese Fans bergen aber ein immer grösseres Risiko. Beim nächsten Fehltritt folgt das nächste Geisterspiel.

Die Uefa kann es sich leisten, den FCB aus den europäischen Wettbewerben auszuschliessen. Aber für die Stadt Basel muss eine Wende dringend her. Bisher stand sie hinter den Fans. Doch im Zweifelsfall entscheidet sich die Stadt für den Verein, nicht für die Krawallbrüder und die Forderungen nach dem Hooligan-Konkordat könnten wieder lauter werden. Fortsetzung folgt also. Demnächst – ob in Basel, in Nyon bei der Disziplinarkommission der Uefa oder bei der nächsten politischen Debatte.