Nähkästchen

FCB-Kultfigur Karli Odermatt: «Ich wurde ausgepfiffen, ohrenbetäubend!»

Karli Odermatt plaudert aus dem Nähkästchen. Als Ort wählte er das Shopping Center St. Jakob-Park – mit sich selbst im Hintergrund.

Karl Odermatt (77) spricht über Treue zum Club, zur Familie – und darüber, ob er sich heute noch durchsetzen könnte (ja, er könnte, ist die FCB-Legende überzeugt).

Karli Odermatt, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Karl Odermatt: Oh, Treue. Sehr gut!

Warum?

Er passt zu mir. Auf den FC Basel bezogen: Ich bin die Treue in Person!

Sie spielten auch vier Jahre bei den Young Boys!

Seit 1962/63 bin ich beim FCB. In meiner aktiven Zeit habe ich nur diese vier Jahre in Bern gefehlt. Dieser Abgang war nicht freiwillig. Der FCB wollte mir keinen Vertrag mehr anbieten. Aber das sind alte Geschichten, verziehen und vergessen!

Heute halten die Spieler die Vereinstreue nicht mehr so hoch wie zu Ihrer Aktivzeit. Stört Sie es, wenn ein Spieler den Verein so oft wechselt wie die Kickschuhe?

Früher stand eher das Herz im Vordergrund. Das hat sich geändert, auch rechtlich. Wir gehörten dem Verein, wie Leibeigene. Dann kam in den 90er-Jahren das Bosman-Urteil, das Ablösesummen nach Vertragsende verbot. Ab sofort gehörte der Spieler sich selber. Sobald der Vertrag abgelaufen ist, kann er gehen. Sein Verein kann ihn nicht mehr blockieren.

Die Fans schätzen Vereinstreue. Wie reagierten die FCB-Fans auf ihren Wechsel 1975 zu YB? Wurden Sie ausgepfiffen?

Einmal, im Joggeli. Es stand 3:3. Dann die 93. Minute, Penalty für YB. Ich schnappte mir den Ball. Das hätten Sie hören müssen, dieses Pfeifkonzert, ohrenbetäubend! Ich haute den Ball rein, da wurde es noch lauter. Aber das war ein Einzelfall.

In den letzen zwei Saisons gab es immer wieder mal Pfiffe. Der FCB musste mit Rang zwei vorliebnehmen.

Man darf einfach nicht vergessen: Unser Präsident Bernhard Burgener musste einen Neuaufbau wagen. Das braucht seine Zeit. Auf junge bauen – das klappt nicht von heute auf morgen. Dann hatten wir eine Trainerentlassung. Wenn man all das in Betracht zieht, sind wir auf dem richtigen Weg.

Die Fans waren verwöhnt. Welcher Verein wird schon achtmal in Folge Meister!

Es war in der Aussenwahrnehmung schon fast langweilig. Es ging soweit, dass die Leute in der VIP-Lounge nach der Halbzeitpause drin blieben, weil sie sich sagten: Wir gewinnen ja eh. Aber das ist menschlich, das ist die Gewöhnung.

Gerade als FCB-Fan sollte man wissen: Dieser Club ging Ende der 80er-Jahre unten durch, verbrachte sechs Saisons in der Nationalliga B. Von dieser Zeit heisst es, der FCB habe die Miete des Mannschaftsbusses in bar bezahlen müssen – im Voraus. Man traute ihm nicht mehr.

Das war ja ein Grund, weshalb man mich wieder zum Verein zurückholte. Ich sollte Geldgeber suchen. Das machte ich dann auch. Der Club hatte aber auch einen absoluten Glücksfall: Gigi Oeri. Sie hatte als Präsidentin Weitblick. Auch nach ihrem Rücktritt hilft sie uns enorm, beim Nachwuchs.

Würde sich Karli Odermatt heute durchsetzen als Profi?

Wenn ich das perfekte Umfeld hätte, das die Spieler heute geniessen, mit der Ernährung, der medizinischen Begleitung und all dem, dann bin ich sicher: Ja, ich könnte das auch!

Heute ist die Konkurrenz riesig, ebenso der mediale Druck, die ständige öffentliche Beobachtung.

Ja, aber man darf nicht vergessen: Wir haben alle voll gearbeitet. Mein Tag sah so aus: Um 6 Uhr aufstehen, um halb 8 im Geschäft, 6 Uhr Feierabend, dann die Sachen packen, zum St. Jakob rasen, zwei Stunden trainieren, im Anschluss häufig noch Sitzung, um 10, 11 Uhr wieder nach Hause fahren, noch nichts Richtiges gegessen, völlig kaputt ins Bett. Der heutige Spieler ist zum Znacht längst wieder zu Hause bei der Familie. Ich ging einmal zum Trainer, Helmut Benthaus, und sagte ihm, ich sei müde, nachdem ich wochenlang Doppeleinsätze hatte, Meisterschaft, Europa-Pokal, Länderspiele. Er lud mich an einem Sonntag zu sich ein, nach Riehen. Ich dachte mir: «Toll, frühstücken!». Aber nein, er hetzte mich auf die Finnenbahn, um «die Müdigkeit rauszulaufen», wie er das nannte.

Wie schwer war es, als Starspieler, den alle kennen, treu zu sein?

Junggeselle und Fussballer, das ist eine schwierige Geschichte. Ich war auch noch hübsch: gross, blond, blaue Augen. Man kannte uns, wollte uns überall dabei haben. Das ist auch ein Grund, weshalb ich geschieden bin. Meine erste Frau mochte den Rummel nicht, wünschte sich, dass ich mehr zu Hause bleibe. Aber ich pflege bis heute eine sensationelle Verbindung zu meiner ersten Familie. Meine Töchter verstehen sich bestens mit den beiden Söhnen aus zweiter Ehe. Für mich ist das auch Treue: Mit der alten Familie so schön auskommen.

Ihr Vater hat die Familie verlassen, als sie 13 Jahre alt waren. Nahmen Sie ihm das übel?

Er ist verstorben, für mich ist das erledigt. Aber ein Bub, der ohne Vater aufwächst – das ist einfach nicht gut.

Ist das auch ein Grund, weshalb Sie mit der ersten Familie den Kontakt aufrechterhalten haben?

Ja. Ich wollte es anders machen. Anders als mein Vater.

Wer wird Meister?

Wir sind auf Augenhöhe mit YB. Das dachten wir zwar auch letzte Saison, aber jetzt sind wir näher dran. Ich lege mich fest: Wir wollen Meister werden. Das sind wir den Fans schuldig.

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