Nähkästchen
FCB-Sprecher Josef Zindel: «Weinen ist so natürlich wie Lachen»

Im Nähkästchen verrät der legendäre FCB-Sprecher Josef Zindel, dass er nahe am Wasser gebaut ist – und dass ihm Lachen doch näher ist.

Merken
Drucken
Teilen
Selbst der grundoptimistische Josef Zindel muss ab und zu weinen, wie er im Interview in seinem Haus in Blauen sagt.

Selbst der grundoptimistische Josef Zindel muss ab und zu weinen, wie er im Interview in seinem Haus in Blauen sagt.

Kenneth Nars

Herr Zindel, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Josef Zindel: «Gesundheit» – oje, das finde ich aber nicht so spannend. Klar, ich habe auch schon gesundheitliche Probleme gehabt, aber was kann man dazu mehr erzählen? Ich fürchte, dass ich da nur Floskeln von mir gebe. Darf ich einen anderen Begriff ziehen?

Das entspricht nicht den Regeln. Aber Sie haben mich überzeugt, machen wir eine Ausnahme und greifen Sie nochmals zu. Dann aber gibt es kein Pardon.

Jetzt habe ich den Begriff «Weinen». Das klingt doch viel interessanter.

Sind Sie nahe am Wasser gebaut?

Ziemlich. Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich gegen die Tränen kämpfe. Aber sicher nie, wenn der FCB verloren hat, obwohl ich ihm ja sehr verbunden bin. Es gibt ja einige Formen von Tränen, zum Beispiel die Tränen der Freude und die Tränen der Trauer. Ich bin jemand, der gegen aussen sehr forsch wirken kann, aber ich bin sehr schnell gerührt oder berührt. Das ist für viele angesichts meiner Postur nicht vorstellbar.

Wann haben Sie zuletzt geweint?

Da müsste ich überlegen, vielleicht fällt es mir später noch ein. Aber ich kann mich an eine Szene erinnern, als ich weinend nach Hause gekommen bin, damals noch als Redaktor der «Basler Zeitung». Ich war vielleicht zwischen 35 und 40, als es zu einer grossen Systemumstellung kam. Bis dahin hatte ich nichts zu tun mit dem Layout, das machten die Schriftsetzer. Dann aufs Mal mussten die Redaktoren direkt in die Seite reinschreiben, mit diesen Laptops. Ich habs nicht kapiert, denn in Sachen Technik bin ich ein Neandertaler. Da bin ich zu meiner damaligen Frau nach Hause und habe gesagt: «Ich schaff das nicht mehr, ich muss jetzt Taxichauffeur werden.» Ich weinte vor Verzweiflung, Wut und Ärger, weil ich um meine Existenz bangte. Aber ein paar Tage später hatte ich mich wieder gefangen.

Was macht sie heute traurig?

Natürlich macht das ganze Elend der Welt betroffen, aber, das mag herzlos klingen, bei gewissen Dingen stumpft man auch mal ab, weil vieles dauerhaft schlimm ist. Berührend fand ich etwa zu lesen, dass der frühere SP-Nationalrat Helmut Hubacher, den ich als Politiker und Kolumnisten so schätze, jetzt wegen einer Krankheit nicht mehr schreiben kann und diese Leidenschaft aufgeben muss. Und, um ein ganz anderes Beispiel zu nennen: Auch mein Privatleben verlief nicht immer linear, auch da gab es traurige Momente.

Haben Sie als Kind viel geweint?

Natürlich habe ich geweint, wenn ich mit dem Velo umgefallen bin und mir wehgetan habe. Aber ansonsten hatte ich gar nicht so viele Gründe.

Als Erwachsener weint man ja nicht mehr wegen körperlicher Schmerzen.

Doch doch, das habe ich auch schon. Ich hatte mehrmals eine Nierenkolik, das hältst du fast nicht aus. Du weinst, beisst dir in die Faust, verhältst dich nicht mehr wie ein Mensch.

Aber das Lachen ist Ihnen schon näher.

Ja, ich bin ein Fan vom Kabarett und darf ja auch als Schreiber von Kabarettnummern tätig sein. Ich glaube schon, dass ich einen gesunden Hang zur Ironie habe, wobei ich aufpassen muss, dass es nicht zynisch wird. Das ist verletzend. Aber wenn ich ironisch bin und gleichermassen selbstironisch, dann ist es das Problem der anderen, wenn sie nicht damit umgehen können. Finde ich (lacht).

Sind Sie lustig?

Lustig klingt so clownhaft, aber ich habe schon noch Sinn für Humor.

Waren Sie in der Schule derjenige, der die anderen zum Lachen brachte?

Überhaupt nicht. Ich war schüchtern, eher ein Aussenseiter mit Sommersprossen und roten Haaren. Das grosse Maul habe ich erst spät bekommen (lacht). Ich war nicht der Leader, schon gar nicht der Klassenclown. Ich habe dann aber später durch andere Dinge Selbstvertrauen bekommen, dazu musste ich nicht aussehen wie ein französischer Gott.

Gab es Tränen beim ersten Liebeskummer?

Da will ich jetzt nicht in alle Details gehen. Eine Frage, die sich mir aber stellt, ist: Warum zwingt uns ein Teil der gesellschaftlichen Normen, nicht zu weinen? Das ist doch so natürlich wie Lachen. Die Tränen zu unterdrücken, ist genauso schädlich, wie das Lachen zu unterdrücken. Wieso nicht weinen? Ich bin zwar keine Memme, aber selbst als grundoptimistischer Mensch ist mir ab und zu zum Weinen zu Mute. Sie haben mich eingangs gefragt, wann ich zuletzt geweint habe. Das kann ich nicht genau beantworten, aber ich kann mich gut daran erinnern, wie mich die Abdankungsfeier meiner Schwester, die vor ein paar Jahren gestorben ist, durchgeschüttelt hat. Ich konnte zwar die Rede zu Hause verfassen, aber unmöglich halten. Das war ein Moment, der so wehtat.

Ist Weinen auch eine Generationenfrage?

Sicher auch. Mein Vater war ein sehr strenger und strenggläubiger Mann; er zeigte kaum Emotionen. Das heisst nicht, dass er gefühlskalt war, überhaupt nicht – vielmehr war er verschlossen, beherrscht, unglaublich diszipliniert. Wenn ich heutige junge Eltern sehe, dann geht mir das Herz auf. Wie die das super machen, empathisch, und ihre Kinder nicht nach ihrem Gutdünken formen wollen. Aber vielleicht würde mir meine Frau, die bei der Kesb arbeitet, da laut