Kommentar

Feierlaune und volle Steinenvorstadt: Das ist zynisch und ignorant

Ausgang in Basel nach den ersten Corona-Lockerungen in den Beizen.

Ausgang in Basel nach den ersten Corona-Lockerungen in den Beizen.

Wenn wir nicht aufpassen, macht das Coronavirus aus unserer bisher so gemässigt scheinenden Gesellschaft eine Gesellschaft der Extreme. In den vergangenen Wochen zeigten einige unserer lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger ihr wahres Gesicht und wurden zu Denunzianten im Namen der Volksgesundheit.

Hier ein Nachbar, der mit einigen Freunden auf dem Balkon grillierte; dort ein paar Jugendliche, die eng nebeneinander auf einer Parkbank sassen – kurz das Telefon in die Hand genommen, und schon bereiteten unsere Ordnungshüter dem Coronaquerulantentum ein Ende. Dann kamen die Lockerungen der Pandemiemassnahmen und damit konnten und können wir die Hoffnung hegen, dass die zahlreichen Hobby-Blockwarte wieder in der Versenkung verschwinden.

Mindestens in der Steinenvorstadt waren sie am Wochenende bereits ausser Dienst. Anders ist es nicht zu erklären, dass am Samstagabend Hundertschaften in Trink- und Feierlaune so tun konnten, als hätte es das Coronavirus nie gegeben. Von Ab- und Anstand keine Spur, von verantwortungsvollen Beizern und der Polizei auch nicht. Selbstverständlich neigt der Mensch in Krisenzeiten zu kompensatorischen Handlungen.

Es ist nachvollziehbar, wenn man nach Wochen der (sehr relativen!) Entbehrungen wieder mal auf den Putz hauen möchte. Aber nicht auf diese Weise und nicht in dieser Masse! Das ist zynisch, ignorant und unsolidarisch gegenüber all jenen, die zu sich und anderen Sorge tragen.

Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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