Kunst

Feministische Kunst: Verletzlichkeit als Waffe gegen Hass

«Man hasst nichts, was einem egal ist»: Teresa Vittucci sinniert in «Hate me, tender» über extreme Gefühle.

«Man hasst nichts, was einem egal ist»: Teresa Vittucci sinniert in «Hate me, tender» über extreme Gefühle.

In Teil 1 der Trilogie zu Hass und Feminismus inszeniert Teresa Vittucci die Jungfrau Maria als feministische Botschafterin der Moderne.

«Solo For Future Feminism» ist der Untertitel von Teresa Vittuccis Trilogie, die sich den Zusammenhängen von Hass und Feminismus widmet. Die gebürtige Österreicherin besucht dieses Wochenende mit ihrer Solo-Performance «Hate Me, Tender» die Basler Kaserne – ein Gespräch über Verletzlichkeit, Hass und die paradoxe Rolle der biblischen Gottesmutter Maria.

Ihre aktuelle Performance nennt sich «Hate Me, Tender». Ist es besser, «zärtlich» zu hassen?
Teresa Vittucci: Ja, ist es. Während der Recherchearbeiten zu meinem Projekt befasste ich mich intensiv mit dem Hass und seiner Rolle im Feminismus. Ich habe versucht, zu verstehen, was Hass eigentlich ist, weil er wirklich schwer zu definieren ist. Heute verstehe ich Hass als Ausdruck einer inneren oder äusseren Ablehnung des Verletzlichen. Wer «zärtlich» oder «sanft» hasst, der reflektiert seine Gefühle und versucht, die Ursprünge der Ablehnung in sich zu erkennen.

Hat der Hass denn gar keinen Platz in einer modernen Gesellschaft?
Doch, das hat er schon – aber nur in der Therapie (lacht). Ich glaube, es bringt nichts, eine so menschliche Emotion zu unterdrücken. Wenn Hass in einem aufkommt, dann will er auch rausgelassen werden. Dafür gibt es Möglichkeiten, wo niemandem geschadet wird, wie gegen einen Boxsack zu schlagen oder in ein Kissen zu schreien.

Bergen Hassgefühle auch Chancen?
Natürlich. Man hasst nichts, was einem egal ist. Es ist wie ein wichtiges Symptom, das einem etwas aufzeigen will. Wer diese verborgenen Bedürfnisse und Ängste hervorholt, kann viel über sich selbst lernen.

Wie geriet die Jungfrau Maria für Ihre Performance ins Visier?
Die Beschäftigung mit dieser Frauenfigur ist für mich aus verschiedenen Gründen naheliegend. Ich persönlich bin in einer sehr christlichen Umgebung aufgewachsen und vom Ideal Maria stark geprägt worden. Ich glaube aber, dass dieses archaische Bild der jungfräulichen Mutter, der «idealen» Frau, Menschen weit über den christlichen Raum hinaus prägt. Dieses Paradoxon bringt Frauen seit Jahrtausenden in Bedrängnis: Es entsteht Unmut, ja Hass – auch gegenüber sich selbst – weil sich in dieser Unvereinbarkeit von Unschuld und Mutterschaft viel mehr verbirgt. Nämlich die Idee eines nie erreichbaren Ideals.

Und wie sieht die Maria des «Future Feminism» aus?
Maria ist ja, ob wir es wollen oder nicht, ein Vorbild – sie wurde dazu gemacht. Die Maria des «Future Feminism» ist für mich eine Vorbildfigur, welche die Vielschichtigkeit des Menschseins zelebriert und dem inneren und äusseren Verletzlichen zärtlich und furchtlos begegnet. Sie ist eine Figur, die hinterfragt und bestärkt. Denn es gibt ein systematisches Interesse daran, dass Menschen sich und andere hassen. Gesamte Wirtschaftszweige sind darauf aufgebaut, dass Hass gut gedeiht. Man denke dabei an die Waffen- oder Kosmetikindustrie. Menschen kaufen mehr, wenn sie sich unvollständig fühlen.


Teresa Vittucci:
Hate Me, Tender
Samstag, 8. Februar um 20 Uhr,
Sonntag, 9. Februar um 19 Uhr,
ab 15 Franken, Kaserne Basel
www.kaserne-basel.ch

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