Ferdinand Hodler gehört irgendwie zur Schweiz wie Jeremias Gotthelf und Albert Anker. Und wie Gotthelf und Anker ist Hodler von der Schweiz vereinnahmt und instrumentalisiert worden: Wer Hodlers Namen hört, sieht kraftvolle Bilder vor sich, die zum eidgenössischen Selbstverständnis gehören wie Landeshymne und Rütlischwur. Hodlers wohl berühmtestes Bild ist der "Holzfäller". Bei einer Google-Suche nach Hodler taucht es zuverlässig an erster Stelle auf. Das Bild zierte Bundesratszimmer ebenso wie Banknoten und die Plakate verschiedener Abstimmungskampagnen der unterschiedlichsten Lager. Kein Zweifel: Hodlers Holzfäller ist eine Schweizer Ikone. Gleiches gilt für Hodlers Bilder von Wilhelm Tell, von wackeren Eidgenossen, von seinen Bildern bäuerlicher Arbeit mit vor Kraft strotzenden Männern. Hodler macht das Holzfällen oder das Mähen an sich zum Ereignis. Er hat damit die Selbstgefälligkeit der Schweiz auf eine Art und Weise bedient, die bis heute nachhallt.

Ein Wegbereiter der Moderne

Ganz vergessen geht dabei, dass Hodler einer der Wegbereiter der Moderne war und dass er um die Jahrhundertwende der Schweizer Kunst internationale Anerkennung verschafft hat. Fritz Burger schrieb in einer Monografie von 1920 zum Beispiel: „Die Wandlungen, die sich in der Kunst der letzten 20 Jahre vollzogen haben, ...finden ihren markantesten Ausdruck in der Kunst Hodlers und Cézannes." Burger stellt Hodler also auf eine Stufe mit Paul Cézanne. Er ist gar der Meinung, „dass die jüngste Kunst in Deutschland auf den Wegen dieser beiden Grossen als den Aposteln einer neuen Lehre wandelt". Burger bezeichnet Hodler 1920 als „Germanen", dessen Bilder sich durch „das heisse Verlangen nach Versinnlichung des Psychischen" auszeichnen.

Diesem modernen Hodler widmet die Fondation Beyeler ihre Ausstellung. Zu sehen sind 80 Werke aus Hodlers letzten fünf Lebensjahren. Hodlers Werke werden in dieser Zeit immer radikaler und abstrakter. Er malt Serien und Variationen der Motive, die ihn während seines ganzen Lebens beschäftigt haben: die Auseinandersetzung mit dem eigenen Bild im Selbstporträt, die Darstellung der Schweizer Alpenwelt, Bilder von Frauen, vom Sterben, vom Tod. Gemalte Ewigkeit.

Enorm produktiv

80 Werke geben einen umfassenden Einblick in Hodlers letzte Jahre. Es ist gleichwohl nur ein kleiner Ausschnitt aus seinem Schaffen. Hodler war enorm produktiv. Sein Werk umfasst etwa 2000 Gemälde, 10'000 Skizzen und rund 5000 Zeichnungen. Allerdings hat Hodler vom selben Motiv oft mehrere Versionen gemalt und sich in Dutzenden von Skizzen und Zeichnungen damit beschäftigt. Die Zürcher Kunstgesellschaft beauftragte Hodler 1910 zum Beispiel mit einem Wandbild für das Treppenhaus des neu erbauten Kunsthauses. Es dauerte sieben Jahre, bis Hodler das Gemälde „Blick in die Unendlichkeit" fertig gestellt hatte. Hodler fertigte in dieser Zeit über 1000 Skizzen an, zeichnete Einzelfiguren und malte kleinere Versionen des Bildes. Die erste Fassung des Werks wurde im Januar 1916 gehängt. Sie erwies sich als zu gross. Heute hängt sie im Kunstmuseum Basel. Die endgültige Version wurde ein Jahr später in Zürich installiert.

Aus einfachsten Verhältnissen

Der Maler, der am Ende seines Lebens grossbürgerlich in Genf residierte, stammt aus einfachsten Verhältnissen: Ferdinand Hodler ist am 14. März 1853 als ältestes von sechs Kindern in Bern geboren worden. Der Vater ist Tischler, die Mutter arbeitet unter anderem als Köchin. Als Hodler sieben Jahre alt ist, stirbt sein Vater an Tuberkulose. Ein Jahr später heiratet die Mutter den Flachmaler Gottlieb Schüpbach. Es sind ärmliche Umstände, in denen Hodler aufwächst. Er muss früh mit anpacken: Als er zwölf Jahre alt ist, übernimmt er die Werkstatt des Stiefvaters. 1867, Hodler ist 14 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter an Tuberkulose. Bis 1885 werden auch alle seine Geschwister an Tuberkulose sterben.

Ein Jahr nach dem Tod seiner Mutter tritt Hodler eine Lehre beim Vedutenmaler Ferdinand Sommer in Thun an. Ein Vedutenmaler ist wörtlich ein „Ansichtenmaler", ein Maler also, der die Aufgabe hat, eine Aussicht oder eine Stadtansicht wirklichkeitsgetreu darzustellen und so zu malen, dass sie Touristen gefällt. 1872 reist Hodler nach Genf und kopiert im Musée Rath Bilder von Alexandre Calame und François Diday. Da wird der Maler Barthélemy Menn auf ihn aufmerksam und nimmt ihn als Freischüler in seine Malklasse auf.

Skandale

Nach der Ausbildung und Reisen nach Paris und Spanien stellt Hodler 1887 zum ersten Mal in Bern aus. Ein Misserfolg. Hodler lässt sich nicht beirren. 1890 malt er mit „Die Nacht" das erste grossformatige Bild. Es zeigt eine Gruppe schlafender, nackter Menschen, darunter Hodlers Ehefrau - und Hodlers damalige Geliebte. Das Bild führt zum ersten grossen Skandal rund um Hodler: Die Jury lässt das Bild zwar für die Genfer Exposition municipale zu, doch der Stadtpräsident lässt es, um den „bon ordre" zu wahren, wieder aus der Ausstellung entfernen. Die Nacktheit ist ihm wohl zu realistisch. Hodler lässt sich nicht bremsen, stellt es auf eigene Rechnung aus - und erzielt seinen ersten grossen Erfolg damit. Das Bild begründet seinen Ruf als einen der wichtigsten symbolistischen Maler.

Doch der Skandal in Genf war erst ein Vorgeschmack. 1897 kommt bis dato grössten Kunstskandal der Schweiz. Hodler hatte den Wettbewerb zur Ausschmückung der Waffenhalle des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich gewonnen. Das Thema: Der Rückzug der Schweizer aus der Schlacht von Marignano im Jahr 1515. Hodlers Entwürfe lösen eine heftige Kontroverse aus. Patrioten stören sich an der fehlende Detailtreue in der Wiedergabe von Kostümen, Waffen und Fahnen sowie an der Brutalität in der Darstellung der Söldner. Schliesslich weigert sich Direktor des Landesmuseums, die Bilder von Hodler auszustellen. Erst, nachdem eine Delegation des Bundesrats aus Bern die Entwürfe in Zürich besichtigt und abgenommen hat, darf Hodler das Gemälde ausführen.

Internationaler Durchbruch

1904 wird Hodler endgültig international bekannt: Er ist Ehrengast der Wiener Secession und stellt dort 31 Bilder aus. Ein grosser Erfolg. Der internationale Ruf wird auch im Heimatland gehört: 1908 erteilt die Schweizerischen Nationalbank Hodler den Auftrag für die Gestaltung von Geldscheinen. Der „Holzfäller" und der „Mäher", die Holder auf der 50er und der 100er Note einsetzt, machen Holder zum Schweizer Volkskünstler. Die Geldscheine sind von 1911 bis 1958 in Umlauf.

Im gleichen Jahr, in dem Hodler den Auftrag der Nationalbank erhält, wird Valentine Godé-Darel sein Modell und seine Geliebte. Die Parieserin ist 20 Jahre jünger als Hodler. Sie wird später berühmt, weil Hodler ihre Krankheit (sie leidet an Krebs) und ihr Sterben malend begleitet. Die Bilder der sterbenden Valentine Godé-Darel sind ein Kernstück der Hodler-Ausstellung in der Fondation.

Hodler und der erste Weltkrieg

Nach Beginn des ersten Weltkriegs 1914 wendet sich Hodlers internationale Laufbahn radikal. Er unterzeichnet nach der Beschiessung der Kathedrale von Reims durch die deutsche Artillerie einen Protest in dem die Rede ist von einem „ungerechtfertigten Attentat der Vernichtung". Hodler wird deshalb in Deutschland zur Persona non grata. Er wird aus fast allen Künstlervereinigungen ausgeschlossen, seine Bilder werden teilweise abgehängt oder verhüllt. Der Simplicissimus verhöhnt Hodler so heftig, dass Hermann Hesse seine passive Haltung gegenüber dem ersten Weltkrieg aufgibt und Stellung bezieht. Auch Hesse wird fortan in Deutschland geschnitten. In der Schweiz dagegen reagiert die Öffentlichkeit positiv auf die politische Einmischung durch die Künstler.

Hodler ist in dieser Zeit auf die Öffentlichkeit nicht mehr angewiesen. Er ist mittlerweile anerkannt und wohlhabend. Er residiert als Grosskünstler am Quai du Mont-Blanc in Genf. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Der Masstab für sein Schaffen ist nur noch er selbst. Die Bilder, die in dieser Phase entstehen, gehören deshalb zu den interessantesten in seinem Schaffen. 80 dieser Werke zeigt die Fondation. Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden Hodlers Landschaftsgemälde, besonders seine Alpenansichten.

Am 25. Januar 1915 stirbt Valentine Godé-Darel. Hodler begleitet ihr Sterben mit einer ganzen Serie von Zeichnungen und Gemälden. Er selbst hat Probleme mit seiner Lunge. Eine Kur nützt wenig. Ab 1917 kann er seine Wohnung immer seltener verlassen. Er malt deshalb, was er von seinem Balkon aus sieht: eine Serie von Morgenstimmungen über dem Genfersee. Am 19. Mai stirbt Hodler in seiner Wohnung.