Atomkraftwerk

Fessenheim am Ende: Es dauert nicht mehr lange und das Atomkraftwerk ist gebodigt

Bald steht der ehemalige Nationalrat Rudolf Rechsteiner am Ziel. Es dauert nicht mehr lange, und dem Atomkraftwerk unweit der Schweizer Grenze wird der Stecker gezogen. Für Rechsteiner schliesst sich ein Kreis. Doch das Dorf Fessenheim hingegen blickt in eine ungewisse Zukunft.

Mitten auf einer künstlichen Insel im Rhein steht ein untersetzter Mann und lächelt. Sein Blick richtet sich durch zwei sehr kleine Brillengläser und über den in einen Kanal gezähmten Fluss. «Hei, ist das schön», entfährt es ihm und man weiss nicht genau, was er damit meint, die Situation oder die Szenerie. Es könnte beides sein. Er schaut wieder in die Sonne, die langsam hinter den zwei Türmen und den rechteckigen Gebäuden verschwindet.

Ruedi Rechsteiner ist in Hochstimmung. «Fessenheim ist meine Trophäe», sagt er, «mein grösster Sieg». Natürlich hat nicht er allein das Ungetüm gebodigt, das weiss auch Rechsteiner und schiebt es sofort nach. Doch wenn das AKW am 20. Februar tatsächlich den ersten Reaktor abschaltet und wenige Monate später den zweiten, dann kann Rechsteiner behaupten: Er hat seinen Teil dazu beigetragen.

Fessenheim sieht gar nicht bedrohlich aus. Dazu fehlen dem Kraftwerk die charakteristischen Kühltürme, aus deren Schlund der Dampf entweicht. Dennoch ist das Kraftwerk im vergangenen Jahrzehnt zum Damoklesschwert für die gesamte Region geworden, zum Inbegriff einer unsicheren Technologie mit apokalyptischer Zerstörungskraft. Jetzt steht es vor dem Ende. Es ist ein Erfolg für die Atomgegner aus dem Dreiland und ein schwerer Schlag für einige Dörfer in Frankreich.

Die vierzigjährige Geschichte von Fessenheim

Die politische Erweckung im AKW-Protest Kaiseraugst

Mit 150 Stundenkilometern zieht eine traumhafte Einöde vorbei. Ein karger Wald löst sich ab mit einem brachen Feld. Dazwischen steht ein Hain aus rotweissen Industriekaminen. Auf einem gelben, rostigen Silo steht: «Acide Sulfurique». Die Ortsschilder sind hingegen zweisprachig: Ottmarsheim heisst auch Ottmerscha, zumindest in Klammern. Das Elsass beugt sich auch sprachlich langsam aber sicher dem Druck aus Paris. Rudolf Rechsteiner blickt aus dem Fenster. Auf der engen Rückbank des Autos erzählt er die Geschichte des Widerstands gegen die Atomkraft, die eng verflochten ist mit seiner eigenen.

Mit dem Ende von Fessenheim schlösse sich ein Kreis. Wie viele seiner Generation bedeutete der Protest in Kaiseraugst 1975 die politische Erweckung von Rudolf Rechsteiner. Weil er damals noch nicht volljährig war, durfte er nur tagsüber demonstrieren. «Zum Schlafen musste ich nach Hause, das Campieren vor Ort haben mir meine Eltern nicht erlaubt», sagt er.

Er gründete eine Schülerzeitung und schrieb am Gymnasium Münster gegen den geplanten Meiler an, mit markigen Worten und einem Totenkopf auf dem Titelblatt. Er trat der SP bei und erarbeitete sich einen Namen als Umweltpolitiker, Typus Wadenbeisser im Nationalrat. Rechsteiners Kampf gegen Atomenergie verhalf ihm zu einem Ruf über die Schweizer Grenzen. So kam es, dass eines Tages der französische Umweltaktivist Jean-Jacques Rettig dem Schweizer Politiker brisante Dokumente zuspielte. Die Papiere stammten aus dem Inneren des Électricité de France (EDF), dem französischen Elektrizitätskonzern. Sie behandelten Sicherheitslücken in Fessenheim.

Rechsteiner gründete den Tras, den trinationalen Atomschutzverband gegen Fessenheim, und sammelte so Alliierte – wobei die letzten beiden Wörter bald wegfielen. Der Krieg galt allen AKWs. Jürg Stöcklin, der frühere Maoist und spätere Grünen-Grossrat übernahm das Präsidium. Sie vereinten Gemeinden aus Deutschland, der Schweiz und sogar einige wenige aus Frankreich. Jede Mitgliedsgemeinde bezahlte jährlich pro Einwohner 20 Rappen an den Tras. Dieser zog nicht nur politisch zu Felde, sondern juristisch: Wieder und wieder prozessierte die Atomgegner gegen die EDF. Als Vorbild galt Genf, das auf diesem Weg dem Brutreaktor von Crey-Malville den Stecker gezogen hatte.

Mit Fukushima kommt das Umdenken

Auf dem «Grand Canal d’Alsace» ruhen sich die Enten aus, Frachtboote ziehen in Richtung Basel vorbei. Mit dem Blick zum AKW erzählt Rechsteiner von Fukushima. Wie er im Spätwinter 2011 in der Rhätischen Bahn sass, als ihn SP-Fraktionschef Roger Nordmann auf dem Handy erreichte und sagte: «Wir haben den Super-GAU». Rechsteiner ist sichtlich bewegt, wenn er sich an die Tage jener Katastrophe in Japan erinnert. Schwingt sogar etwas Genugtuung in seiner Stimme mit? Ganz sicher markiert Fukushima einen Wendepunkt im Kampf gegen die Atomkraft. Erstmals begann man nicht nur einzelne Risiken gesondert anzuschauen: eine Terrorattacke, oder ein Flugzeugunglück. Sondern auch ein Naturereignis, das ein anderes in Gang setzt, bis es schliesslich zur Kettenreaktion im Reaktor kommt. Im Falle von Fukushima war das der Tsunami nach dem Erdbeben.

In Letzterem sieht Rechsteiner auch die grösste Gefahr für Fessenheim. «Sehen Sie, der Pegel des Kanals liegt hier neun Meter höher als das Kraftwerk», sagt Rechsteiner, während wir über den Rhein zur Insel hin fahren. «Bricht der Damm auf der französischen Seite, flutet der Rhein das Kraftwerk.» Rechsteiner dreht sich um. «Schlimmer wäre es aber, wenn der Damm auf der anderen Seite nachgibt und das Wasser in den Althrein fliesst. Dann wären die Kühlbecken im AKW bald leer.»

Ohne Kühlung heizen sich die Brennstäbe auf mehrere tausend Grad auf. Es kommt zur Schmelze im Reaktorkern und im schlimmsten Fall frisst sich die Masse durch ihre Behälter. Es kommt zu einem unkontrollierten Ausbruch der Radioaktivität. Super-GAU. «So. Jetzt dauert es noch sechs Wochen, dann ist der erste Reaktor vom Netz. Darauf nochmals vier Monate, und am 30. Juni wäre ganz Schluss.» Rechsteiner vergräbt seine Hände in den Manteltaschen. Es naht das Ende eines Kampfes, der für viele Aktivisten fast gleich alt ist wie der Spatenstich der Zentrale am 6. Februar 1970. Jean-Jacques Rettig gründete das Komitee «für den Schutz von Fessenheim und der Rheinebene» am 17. Juli des gleichen Jahres. Eine erste Demonstration im Frühling 1971 brachte 1500 Personen zusammen, 1975 waren es 10'000. Mit dem Netzwerk «Sortir du Nucléaire» in Frankreich und der Tras organisieren sich verschiedene Organisationen zu einem grossen Verbund. Zwei weitere Reaktoren wurden in Fessenheim verhindert; insgesamt werden 12 Reaktoren im Oberrhein verhindert, auch in Deutschland.

«Die Kaste der Entscheider sah sich konfrontiert mit einer Bevölkerung, die hellwach war, erfinderisch, funkelnd, couragiert zutiefst gewaltfrei und zivilisiert.»

Jean-Jacques Rettig, Umweltaktivist aus dem Elsass

«Die Kaste der Entscheider sah sich konfrontiert mit einer Bevölkerung, die hellwach war, erfinderisch, funkelnd, couragiert zutiefst gewaltfrei und zivilisiert.»

Schweizer in einer undiplomatischen Rolle

Jean-Jacques Rettig lobt dabei eine transnationale Mobilisierung der Bevölkerung gegen die Macht des Kapitals und der blinden Politik: «Im Laufe unserer Kämpfe haben die, die es noch nicht wussten, entdeckt, dass die wirklichen Grenzen nicht jene sind, welche die Machthaber zwischen den Bevölkerungen unserer Länder gezogen haben, sondern jene, die existieren, oft unsichtbar, im Innern jedes Landes, zwischen der Bevölkerung und den Lobbys, den Interessengruppen» sagte der mittlerweile 80-Jährige 2013 an einem Anlass des regionalen Verbandes des deutschen Bundes für Umwelt und Naturschutz. Den Schweizer Atomgegnern kam gemäss Rechsteiner aus zwei Gründen eine führende Rolle zu. Zum einen war da die Sprachbarriere für die Deutschen. Zum anderen ist das Verhältnis von Elsass und Deutschland dermassen historisch vorbelastet, dass die Angst einer Staatsaffäre einen harschen Konflikt nicht zuliess. Für einmal waren die Schweizer in der undiplomatischeren Rolle.

Das Abschalten ist seit dem vergangenen September von EDF offiziell kommuniziert. Es steht sogar im erneuerten Élysée-Vertrag, Macron und Merkel haben die Hände darüber geschüttelt. Und doch redet Rechsteiner lieber im Konjunktiv über sein grosses Ziel. Er hatte sich schon ein paar Mal zu früh gefreut. Tatsächlich ist kaum mehr festzuhalten, wie oft die Presse Artikel mit «Fessenheim steht vor dem Aus» oder Ähnliches titelte. Sein Wahlversprechen löste François Hollande nämlich nie ein. Ohnehin ist die Politik nur mitschuldig am Ende Fessenheims. In Wahrheit ist das AKW einfach nicht mehr wirtschaftlich. Für Fessenheim entsteht ein grösseres Kraftwerk in Flamanville.

100 KM Radius um das AKW Fessenheim: Städte wie Zürich, Schaffhausen, Freiburg, Basel und Strassburg liegen im Radius.

Auch das Ende spült nochmals Geld in die Region

Macron zahlt EDF für das Fessenheim-Aus eine Entschädigung von 400 Millionen Franken, welche die Kosten des Abbaus und eine Gewinnentschädigung decken soll. Von der Entschädigung profitieren sollen auch die Arbeiter, durch Umschulungen etwa. Viele von ihnen wohnen im Dorf.

Der Weg dorthin ist nicht weit, er führt an einer Christusstatue und unter einigen Hochspannungsleitungen hindurch. Fessenheim ist das Geld anzusehen, welches das Kraftwerk in die unmittelbare Umgebung pumpt. Gemäss dem Bürgermeister Claude Brender zahlt EDF jährliche 3,4 Millionen Euro an einen Verbund von etwa 30 umgebenden Gemeinden und 2,9 Millionen Euro an anderen Einheiten (Département und Staat). Die Häuschen sind grosszügig gebaut, alle Fassaden von Post bis Boulangerie scheinen frisch gestrichen. Ein Bildschirm gegenüber der Mairie wirbt für Gemeindeanlässe.

«Hier mag man mich wohl nicht so gerne», sagt Rudolf Rechsteiner leise, während wir durch die Strässchen des verschlafenen Dorfes schlendern.

Fühlt er mit den verärgerten Elsässer Arbeitern mit?

«Nein. EDF ist ein riesiger Konzern, der zweitgrösste weltweit. Es wird weiterhin Arbeit geben.»

Wir nehmen Platz in einer Ecke des Cafés «Chez Valerie». Vier Kaffee sechs Euro, Tagesmenu Reh-Terrine für 12.50. An der Bar unterhalten sich drei Männer mit Halbglatze abwechselnd auf französisch und elsässisch. Bei Stange und einem Gläschen Crémant d’Alsace verfolgen sie das Pferderennen auf dem Fernseher nur halbherzig. Die monotone Stimme des Kommentators verliert sich im Raum. Über das AKW sprechen mag hier niemand: Die Kellnerin zuckt, als wir uns als Journalist zu erkennen geben. Reden möchte sie nicht. «Seit acht Jahren dauert dieses ganze Theater, wir haben es satt.» Zahllose Journalisten seien hier ein- und ausgegangen, um stets dieselben Fragen zu stellen. «Und wenn sie am 22. Februar das AKW abschalten, wird das Ganze wieder von vorne beginnen», meint sie und widmet sich wieder der Spülmaschine hinter der Bar.

«Atomgegner sind kompromisslose Fundamentalisten.»

Claude Brender, Bürgermeister von Fessenheim

«Atomgegner sind kompromisslose Fundamentalisten.»

Wenig Verständnis für die Atomgegner

Der Maire hat Verständnis für seine Mitbürger. «Was sollen die euch noch sagen?», meint Claude Brender. Der Lokalpolitiker schaut uns direkt in die Augen. Jedem von uns vorgelegten Argument für die Schliessung entgegnet er schlagartig: «Et alors?» Fessenheim ist für ihn eine Festung, die problemlos noch weitere Dekaden gehalten hätte. Die möglichen Gefahren, auf welche Umweltschützer wie Rechsteiner, Rettig und andere verweisen, wischt er weg. Ein Bruch des Kanals? Undenkbar. Die zahlreichen Unfälle? Kleinigkeiten. Die Unwirtschaftlichkeit? Paperlapapp. Für die Umgebung, die von den Steuern und von den etwa 900 direkt angestellten Personen in der Zentrale profitieren, geht die Rechnung ohnehin auf.

Für Claude Brender seien Atomgegner kompromisslose Fundamentalisten. Diese kritisieren wiederum oft, dass in Frankreich Atomenergie eine wahre Staatsreligion darstelle, von der Paris nicht abweichen will. Und vielleicht auch nicht kann: 70 Prozent des französischen Stromverbrauches wird durch Nuklearstrom abgedeckt.

Mit der Schliessung des AKWs ist der Kampf der Umweltschützer noch nicht vorbei: lokale Umweltaktivisten um die Gruppe «Wachsame Bürger aus der Umgebung von Fessenheim» haben vor, die Abbauarbeiten sehr genau zu beobachten. «Die Zerlegung von Fessenheim wird einen Kompetenztest für EDF darstellen», findet auch Rudolf Rechsteiner. Fünf Jahre wird der Reaktor ruhen, bis ihn Arbeiter auseinanderbeineln und das giftige Material in die Erde verschwindet. Dort harrt es seines Schicksals, bis die Wissenschaft hoffentlich eine Lösung findet.

Aller Unsicherheit zum Trotz: Rechsteiner plant schon jetzt das Fest, das er zum Ende Fessenheims mit seinen Mitstreitern steigen lässt. «Das Budget dazu haben wir bereits bewilligt im Tras.» Er wird es sich auch nicht nehmen lassen, selber zum Saxophon zu greifen und mit seinem «Sicherheitsorchester» einige Takte zum Besten zu geben.

Und schon wenig später wird er seinen scharfen Blick durch seine Brille auf sein nächstes Ziel richten:
Beznau.

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