Fondue chinoise, Brutzliund andere Grausamkeiten

Natürlich kann man auf dem Land hervorragend essen. Wenn man kulinarische Verbrechen aus der Wirtschaftswunderzeit mag

Ich liebe Dorfknillen. Der Stammtisch mit knorrigen Typen, die burschikose Wirtin. Die Vitrine mit den Grosstaten der örtlichen Männerriege. Das richtige Leben eben. Mich stört es auch nicht, wenn die Salatsauce entweder aus dem CC kommt oder mit literweise Maggi angemacht ist. Oder beides. Anders im Landgasthof. Leberli mit Rösti, ein aus allen Nähten platzendes Cordon bleu. Herrlich!

Wenn da nur nicht die erlebnisgastronomischen Dauerbrenner wären, die garantiert am Nebentisch aufgefahren werden. Wenn Lätzchen umgebunden werden und heisse Steiner die Teller ersetzen, dann müsste man auf der Stelle flüchten, hätte man nicht schon bestellt. Denn in Sekundenschnelle erfüllt der Duft nach verbranntem Fleisch die Gaststube. Dazu das unvermeidlich einsetzende Geschnatter der Hobbybrutzler, deren Steaklein ganz sicher entweder zu blutig oder völlig durch gerät, nur nie richtig. Noch schlimmer ist nur das Fondue bourguignonne. Zum Glück hat der Zeitgeist, aka Magerwahn, diesem kulinarischen Verbrechen (fast) den Garaus gemacht. Statt in heissem Öl werden die Fleischstückchen in Bouillon zu Tode gequält. Ein schöner Anblick ist auch ein Fondue chinoise nicht. Mir ist ein Rätsel, wie da ein Mensch innert vernünftiger Frist satt werden soll.

Es sind solche Momente, in denen man sich in die Stadt wünscht. In ein Steakhaus, wo ein richtiger Grill und ein richtiger Koch für punktgenaue Garstufen sorgen. Oder zum Chinesen, dem es nie im Leben einfallen würde, seine Gäste mit mayonnaisebasierten Saucen bei Laune zu halten. Zudem ist in der Stadt die ganze kulinarische Welt zu Gast. Gut, in Basel auch mal mit Verzögerung. So gibt es peruanische Restaurants und japanische Restaurants. Aber noch kein einzig peruanisch-japanisches Lokal. Obwohl das doch der neueste globale Hit ist. Ich weiss nicht, ob man dort Meerschweinchen mit Stäbchen isst. Jedenfalls werden sie sicher weder gebrutzelt noch ertränkt.

Der sabbernde Grossvater soll auch mitfeiern dürfen

Alle sind dabei, es ist günstiger, und das Essen ist mit Liebe gemacht: Richig entspannt schlemmen lässt sich nur zu Hause

Der Städter nebenan muss es natürlich wieder trendy haben. In der offiziell bewilligten Schlemmperiode zwischen Weihnachten und Neujahr ist ihm nur das exotischste Feinschmeckerlokal gut genug. Weil er glaubt, dass nur Edelkost die Genussrezeptoren im Gehirn anspricht, regt er sich über seine Tischnachbarn auf – und vergisst dabei, was schon König Salomo im Alten Testament wusste: «Besser ein Gericht Gemüse mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Hass.» (Sprüche 15,17)

Den richtig entspannten Jahresendmix aus Essen, Diskutieren mit den Liebsten, Herumhängen, Schlafen, gepflegt langweiligen Spazieren und ewigen Serien-Nachmittagen vor der Mattscheibe gibts nämlich nur daheim. Einfach mal die Seele bambeln lassen, ohne Termine und ohne Schuhe, das geht in der Beiz nicht. Dabei muss zu Hause die Hausfrau- oder der Hausmann am Herd kein zweiter Bocuse sein. Egal wie trocken der Truthahn beim dritten Aufwärmen aus dem Ofen kommt oder wie schwart die Guetzli sind: Es ist mit Liebe gemacht, und darauf kommt es an. Das gilt natürlich auch für die Herkunft der Waren - wobei wir Baselbieter auf Bodenständigkeit setzen. Irgendwo um fünf Ecken herum kennt jeder einen Bauern, der eine garantiert glücklich gemästete Gans oder ein saftiges Kaninchen liefert, inklusive Kochanleitung. Wenn nicht, dann setzen wir uns ins Auto (das Ihr Basler bekanntlich nicht besitzt), düsen zum Géant Casino und besorgen edelstes Chateaubriand oder bretonische Moules, garantiert günstiger als das Superschickimickisushikaviarcocktailsösschen in Eurer Nobelbeiz.

Und das Wichtigste bei all dem: Es sollen auch wirklich alle dabei sein dürfen, auch diejenigen, die man nicht unbedingt im Restaurant haben will: der sabbernde Grossvater, die lärmenden Kinder, die nörgelnde Tante. Denn das ist doch das Schönste über die Festtage: dass man hemmungslos die heile Welt der Familie zelebrieren darf.