Stadtkino

Film-Pionier Robert Altman wird vom Stadtkino durch eine Filmreihe geehrt

Mit «M.A.S.H.» – hier mit Donald Sutherland und Elliott Gould –begann ein neues Kapitel in der US-Filmgeschichte.

Mit «M.A.S.H.» – hier mit Donald Sutherland und Elliott Gould –begann ein neues Kapitel in der US-Filmgeschichte.

Das Stadtkino Basel widmet im Januar dem 2006 verstorbenen Regisseur Robert Altman eine Filmreihe. Der Amerikaner zählt zu den Pionieren des modernen Kinos.

1970 war ein schlechtes Jahr für die USA und ein lausiges für Hollywood. Die Mondflug-Euphorie hatte sich verflüchtigt, der Vietnamkrieg war zum endlosen Albtraum geworden. Das Studiosystem lag in Agonie darnieder, das ältere Publikum verkroch sich im Heimkino, und New Hollywood hatte trotz «Easy Rider», «Bonnie & Clyde» und «The Graduate» kommerziell noch längst nicht Tritt gefunden. In diese Misere platzte in Cannes eine kleine Bombe: «M.A.S.H.», die durchgedrehte Dschungelkriegsklamotte eines unbekannten, doch schon 45-jährigen Regisseurs erhielt die Goldene Palme. Eine ätzende Satire, flüchtig abgedreht, erzählt wie ein Hörspiel, geschnitten wie eine TV-Show, trashig und blasphemisch wie ein Underground-Movie und ohne jegliche Star-Namen: Nur den Produzenten Ingo Preminger kannte man - weil man ihn mit seinem ungleich erfolgreicheren Bruder Otto verwechselte. . .

Titan der jüngeren Filmgeschichte

Das Urteil über diesen listig im Koreakrieg angesiedelten Anti-Vietnamkriegsfilm hat sich heute grundlegend verbessert. Und viel mehr noch die Wertschätzung dessen immens produktiven Autors, der bis zu seinem Tod 2006 nun jedes Jahr einen Film realisieren sollte, von seinen Arbeiten für das Fernsehen und die internationalen Theater- und Opernbühnen ganz zu schweigen. Ironischerweise blieb dieses frühe Durchbruchswerk des Rebellen gegen die Studiobosse seine einzige Produktion, mit dem diese richtig Geld verdienten. Nicht einmal «Short Cuts», der vielleicht wichtigste Film der letzten zwei Jahrzehnte, mit dem Altman der Spielfilmästhetik 1993 den klügsten Weg ins digitale Zeitalter wies, erwies sich als Publikumsrenner. Die darin gleich dutzendweise zu bewundernde Crème der Hollywoodstars, der es Ehre und Vergnügen war, beim experimentierfreudigen Altmeister und Schauspieler-Regisseur par excellence für eine symbolische Gage aufzutreten, vermochte daran nur wenig zu ändern: Beim breiten Publikum blieb der Mann aus Kansas City, der inbegrifflichen Durchschnittsstadt der USA, bis heute ein Geheimtipp. Für Kenner aber wurde er ein Titan der jüngeren Filmgeschichte: Robert Altman, ein Filmtechnik-Tüftler und Genre-Neuerfinder wie Stanley Kubrick, ein Populärkunst-Liebhaber und Hochkultur-Satiriker wie Woody Allen, ein mythomanischer Enzyklopädist des Show Business wie Martin Scorsese und ein innovativer Erzählstratege und knapp kalkulierender Producer-Director-Auteur wie Alfred Hitchcock, der als Produzent seiner TV-Krimi-Show Altmans Talent übrigens schon früh erkannt hatte.

Beim Fernsehen lernte der ehemalige Weltkriegs-Bomberpilot und Auftragsfilmer, wie man schnell, doch wohlgeplant, billig, doch effektsicher, techniknah und dennoch improvisationsfreudig produziert. Vor allem eignete er sich dort eine Meisterschaft darin an, Spielräume und Grenzen eines Mediums für neue Formen von Inszenierung und Dramaturgie auszutesten. Fernsehen bedeutete damals risikoreiche Live-Produktion im Studio mit schweren Kameras und einem Bildmischer oder aber Schnellschüsse bei Aussendrehs mit maximaler Schnitt-Effizienz. Kein Wunder, dass der Regisseur vieler Bonanza-Episoden immer wieder geheuert, doch schneller noch gefeuert wurde. Verantwortlich dafür war auch Altmans Weigerung, alle Dialogsätze gemäss Hollywood-Style immer schön nacheinander wohlverständlich wiederzugeben, als ob man sich im wirklichen Leben nicht immer wieder ins Wort fiele oder durch Umgebungslärm oder mediale Dauerbeschallung stören liesse.

Der Pionier Robert Altman

Was wir heute, unter dem Regime des Computer-Schnitts, als «nicht lineare Montage» feiern, wurde von Altman in Bild und Ton (und beider Verschränkung) dramaturgisch schon früh vorweggenommen: Um (etwa in «Nashville» oder «A Wedding») das Improvisationstalent seiner hochkarätigen Schauspieler auch bei Massenszenen naturalistisch zur Entfaltung zu bringen, liess er diese mit unsichtbaren Funkmikrofonen verkabeln und gleich mit mehreren Kameras aufnehmen, aus der Distanz mit starken Teleobjektiven und mit beweglicher Handkamera mittendrin. Der packend authentische Zuschauer-Eindruck, mitten in der ausufernden Handlung zu sein, entstand dann durch geduldigstes Montieren der vielen gleichzeitig aufgezeichneten Bilder und Töne zu perfekt verwobenen personalen Handlungssträngen. Was für Hollywoods Gestaltungsfibeln ein Graus war, geriet bei Altman zur persönlichen Handschrift. Die Tiefenunschärfe des dominanten Teleobjektivs, die Mischeffekte von Tages- und Kunstlicht und die symphonischen Verschmelzungen von Dialog- und Ambianceton: Altman, ein passionierter Spieler, sublimierte die Fehler von gestern zur Tugend einer neuen Filmästhetik jenseits aller Berührungsängste.

Vorbild Jean Renoir

Wie sein Vorbild Jean Renoir, dessen Meisterwerk «La règle du jeu» er 2001 mit «Gosford Park» ein intelligentes Remake widmete, war Altman ein mit Panoramablick begabter Satiriker figurenreicher Gesellschaftsfreskos, doch zugleich auch ein Liebhaber analytischer Kammerspiele: Selbst in der höchsten Konzentration im Studio fand er Raum für das Experiment. Sei dies in «Secret Honor», der atemberaubenden Einfiguren-Dramatisierung von Nixons Watergate-Tapes. Oder in «Come back to the Five and Dime, Jimmy Dean, Jimmy Dean», wo dank ausgeklügelter Lichtregie sich hinter grossen halbdurchlässigen Spiegeln real eingeblendete Erinnerungsräume öffnen. Oder in «A Prairie Home Companion», dem selbstironisch-melancholischen Abgesang auf seine Kunst als Medienmagier, mit dem sich der todkranke Achtzigjährige 2006 von der Lebensbühne souverän verabschiedete.

Was kann Kunst leisten - und was die Bewusstseinsindustrie mit ihren Repertoires? Was bleibt als sozialer Kitt im Kult des Hyperindividualismus? Wie tickt eine Millionenstadt am Ende des amerikanischen Jahrhunderts («The Player», «Short Cuts»), und wie ist das Lebensgefühl in der verschlafenen Provinz («Cookie's Fortune»)? Robert Altman hat sich nie gescheut, ganz grosse Fragen aufzuwerfen und sie mit ganz kleinen Gegenfragen zu beantworten. So offen wie ernsthaft, so präzis wie unterhaltsam.

Robert Altmans irrwitzige Allegorien auf Amerika im Januar im Stadtkino Basel und Landkino in Liestal.

Programm www.stadtkinobasel.ch

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