Das aufgeregte Gekrächze ist zu hören, bevor der Zolli-Besucher die rosaroten Vögel zu Gesicht bekommt. Es klingt, als würden sie sich ankeifen. Vor dem Geländer der Anlage steht Adelheid Studer-Thiersch und hält das Fernglas vor die Augen. Ihre Leidenschaft gehört den Flamingos – und das seit rund 55 Jahren. Und sie ist so gross, dass sich Studer heute noch fast jeden Tag in den Zolli aufmacht, um die Tiere zu beobachten.

Zurzeit kontrolliert sie, welcher Flamingo mit welchem der rund 100 Anderen auf dem Nest sitzt. Über 40 Eier werden dieser Tage ausgebrütet, das älteste geschlüpfte Tier ist zwei Wochen alt. Studer kann sie problemlos auseinanderhalten, denn sie tragen farbige Ringe aus Kunststoff an den Beinen. Früher seien diese aus Aluminium gewesen. «Farbige waren verpönt, denn man konnte erkennen, dass die Tiere in Zoos gehalten werden.» Für die Verhaltensforschung, der sich Studer bei den Flamingos in erster Linie widmete, ist es jedoch wichtig, dass man schnellstmöglich registriert, welches Tier man beobachtet. Farbige Ringe gibt es seit 1962 und wurden auf Initiative der heute 75-Jährigen eingeführt.

200 Stunden zum Brutverhalten

Während Studer mit glänzenden Augen von ihren Lieblingsvögeln erzählt, nähert sich ein Mann und fragt sie nach der Anzahl Eier im Gehege. Sobald die Leute sehen, dass jemand mit einem Fernglas und einem Block Tiere beobachtet, deuten sie diese als Experten und stellen fachliche Fragen, sagt sie danach. In ihren 55 Forschungsjahren verbrachte die promovierte Zoologin jeweils während der Brutzeit der Vögel bis zu 200 Stunden im Monat bei ihnen.

Wie ihre Liebe zu den Flamingos entstanden ist, weiss sie nicht mehr genau. Für die Ornithologie – also Vogelkunde – hat sie sich jedoch schon als Kind interessiert. «Bei meinem ersten Zoobesuch in Recklinghausen habe ich Federn gesammelt», erinnert sie sich. In ihrem Geburtsort im Ruhrgebiet arbeitete sie bald mit und entschied sich, Zoowärterin zu werden. Die Eltern wollten jedoch, dass sie zuerst Matur macht. Um Einblick in einen grösseren Zoo zu bekommen, reiste sie 1958 für ein Praktikum nach Basel.

Hier fand in den 50er-Jahren ein Umbruch in Sachen Tierhaltung statt. «Zuvor ging es in den Zoos darum, den Besuchern möglichst viele Tiere zu präsentieren. Der bedeutendste Schweizer Tierpsychologe Heini Hediger setzte sich dafür ein, die Tiere in artgerechten Gruppen zu halten. In der Folge kamen in Basel die Gorilladame Goma, ein Okapi und das erste Nashorn Europas zur Welt. «Auch die Flamingos haben mit Brüten angefangen und durften erstmals für den Bau des Nestes den Rasen kaputt machen.» Und so schlüpfte in Basel das erste Zoo-Flamingo-Baby Europas. Aufgrund dieser Entwicklungen war für Studer klar, dass sie Zoologie studieren möchte – in Mainz, München und Basel. Damals lernte sie ihren Ehemann Peter Studer kennen, der später Basler Zolli-Direktor wurde. «Manchmal war ich für meine Forschung 24 Stunden im Zolli. Dann brachte mir mein Mann das Essen.»

Verschiedene Zäune

Adelheid Studer-Thiersch hat noch viele Flamingo-Geschichten aus dem Zolli auf Lager. Eine davon ist deren Gehegeumzug. In den 30er-Jahren waren die Vögel vom Publikum nur durch überschreitbare Kalksteine getrennt und brachen so manchmal aus.

In den 70er-Jahren wurden ein paar Stöcke mit Gummiband aufgestellt, die Vögel und Menschen trennten. Die Besucher konnten immer noch ins Gehege und haben dort Fotos gemacht, die Tiere aber konnten sich nicht mehr aus ihrem Gehege begeben. «Das Brüten war eine Katastrophe, die Flamingos zerstörten sich wegen der fehlenden Spaziergänge gegenseitig ihre Eier», erzählt sie.

Internationale Auszeichnung

Mit dem Plan der Afrikaanlage im Zolli, die 1993 eröffnet wurde, ergab sich die Möglichkeit für eine neue Flamingoanlage. Dank Adelheid Studer-Thiersch schlafen, brüten und fressen die rosaroten Vögel nun dort, wo sie heute sind.

Ihre Jahrzehnte lange Forschungsarbeit brachte der 75-Jährigen nun Ruhm und Ehre ein. Im vergangenen Jahr erhielt sie von der International Flamingo Community eine zum ersten Mal ausgesprochene Auszeichnung. «Ich war sehr überrascht und habe mich sehr gefreut. Ich habe vor der Tagung nicht gewusst, dass ich einen Preis erhalten werde.»

Kormorane haben nichts genützt

Die Faszination für die Flamingos wird Studer wohl ihr Leben lang nie verlieren. Sie hatte einst versucht, von ihnen loszukommen, erzählt sie. Ende der 80er-Jahre hatte sie begonnen, sich mit den Kormoranen und für einen Film mit den Feenseeschwalben auf den Seychellen zu befassen. «Es hat aber nicht geklappt, ich bin wieder bei den Flamingos gelandet.»