Feldstudien, wilde Bienen und Glacé vom Bauernhof

Die Natur erwacht auch in der Stadt. Und wie. Als Supplement ist man umgeben von glücklichen Menschen und anderen Tierchen.

Manchmal kommt der Moment schneller als gedacht. Der Moment, sich erstmals im Jahr der Jacke zu entledigen und im T-Shirt durch die Stadt zu streifen. Wie befreiend das Gefühl doch ist, wenn der Wind die blutten Arme streichelt. Das Herz klopft schneller, die Glückshormone machen Freudensprünge. Frühling.

Bei gewissen Städter provoziert der Lenz den Reflex, aufs Land zu flüchten. Sich auf eine saftig-grüne Wiese zu betten und weidende Kühe zu beobachten. Ich weide mich derweil lieber am Anblick der Menschen, die nun wieder das Rheinbord entern. Im urbanen Biotop hat es Platz für alle: Für Jungs mit Hormonstau, die den Girls nachstarren. Quietschende Kinder, die Tauben hinterherjagen.

Eine Seniorengruppe, die Boules spielt, als ob nie Winter gewesen wäre. Auch für die Kollegen Schenk und Haller, die, zufrieden mit sich und der Welt und mit Velohelm, vorbeiradeln. Und für Hipster mit noch hipsterigerer Sonnenbrille. Das alles ist besser als Kino und würde an einem einzigen Nachmittag mehr als genug Stoff für eine sozialwissenschaftliche Feldstudie hergeben. Das ist Leben.

In diesem Jahr ist der Frühling in der Stadt doppelt gut, weil die Buvetten bereits jetzt öffnen dürfen und nicht erst im April, wenn es wahrscheinlich wieder schifft. Ich war eine der ersten, die am Samstag bei der Rhyschänzli-Buvette Platz genommen und sich ein Glacé vom Bauernhof auf der Zunge zergehen lassen hat. Ja, genau. Dafür muss ich nicht extra aufs Land pilgern.

Auch nicht, um zu erleben, wie die Natur erwacht. Die Knospen an meinem hübschen Hinterhofbaum springen in diesen Tagen auf, bald blüht er wunderbar. Und im Insektenhotel auf dem Balkon herrscht reger Betrieb: Die Wildbienen summen fröhlich und scheinen nirgends anders sein zu wollen als hier, mitten in der Stadt. Genau wie ich.

In der Stadt gibt der Frühling viel mehr her. Das liegt in der Natur der Sache.

Offene Fenster, Düfte, Kuh- und Kirchenglocken

Der Lenz ist da, der Lenz ist da. Auf der Landschaft erlebt man die Jahreszeit intensiver als in der Stadt.

Nach der nassen und teils kühlen Fasnacht registriert die Quecksilbersäule wieder angenehmere Temperaturen. Die Sonne verdrängt die Wolken. Der Frühling kommt! Meteorologisch hat der Lenz am 1. März begonnen, kalendarisch müssen wir noch ein bisschen warten: bis 20. März, 11.29 Uhr. Doch die Vorfreude ist auch schon was – auf einen hoffentlich bilderbuchhaften Frühling.

Das weckt neue Gefühle, die ihren Winterschlaf hinter sich haben. Längere Tage lassen die Seele baumeln, wärmere Perioden die dicken Mäntel und Pullover vergessen, spriessende Blumen und Sträucher das Herz eines jeden Gartenfreundes höher schlagen. Die Spaziergänge durch Feld und Wald werden wieder länger. Beim Schreiben dieser Zeilen kribbelts schon im Körper. Der Drang nach draussen wird intensiver.

Als auf dem Land Aufgewachsener und immer noch und hoffentlich noch lange Wohnhafter freue ich mich auf die wärmere Jahreszeit. Wie schön, wenn man im Haus wieder die Fenster länger geöffnet lassen kann. So gelangen die Sonnenstrahlen und die vielfältigen Düfte in die Wohnung. Das Befinden in den vier Wänden ändert sich schlagartig. Man ist besser gelaunt.

Auch dieses Ambiente kennen Städter nicht: Mit dem Zirpen aus dem Garten im Bett einschlafen, den weidenden Kühen mit ihren Glocken lauschen, hin und wieder das viertelstündige Schlagen der Kirche wahrnehmen, um 5.30 Uhr sporadisch mit dem Morgengeläut erwachen. Das gefällt mir, das ist Landeiern vorbehalten.

Auch wenn es wenige geben mag, die Kuh- und Kirchenglocken am liebsten gerichtlich zum Verstummen bringen möchten. Solche Leute tun mir leid. Sollen sie doch zügeln an eine viel befahrene Autobahn oder neben eine Flugzeugpiste. Ob sie dann weniger Probleme hätten? Vielleicht andere.

Land- und Stadtleben haben Vor- und Nachteile. Doch mindestens im Frühling schwingt das Land obenaus.