Kommentar

Flickwerk Geschichte: Warum das Historische Museum Basel jetzt radikal denken muss

Patrick Marcolli
Der Heilige St. Pantalus aus dem Basler Münsterschatz: Wenig digitalisiert und wenig strukturiert zeigt sich das Historische Museum Basel-Stadt.

Der Heilige St. Pantalus aus dem Basler Münsterschatz: Wenig digitalisiert und wenig strukturiert zeigt sich das Historische Museum Basel-Stadt.

Jahrelange Nachlässigkeit, kaum digitalisiert, enorme Kosten am Horizont: Das Historische Museum Basel muss sich neu orientieren, schreibt bz-Chefredaktor Patrick Marcolli. Und damit auch dem bildungsbürgerlichem Dünkel zuwiderhandeln.

Dem Historischen Museum in Basel stehen strube Zeiten bevor. Was als Präsentation der lange erwarteten Betriebsanalyse angekündigt worden war, wuchs sich gestern zu einem Offenbarungseid aus. Innerbetriebliche Aspekte wie Arbeitsabläufe, Personalbestand sowie die aktuelle und künftige finanzielle Alimentierung des Museums sind das eine. Der eigentliche Skandal jedoch liegt darin, dass es offensichtlich an einer Strategie über die Ausrichtung des Hauses mangelt (was seit gestern nun quasi amtlich ist) und seine riesigen Archivbestände immer noch nach prä-digitalen Prinzip erfasst werden. Sprich: Historische Objekte sind in den zahlreichen Depots zum Teil nicht auf Anhieb auffindbar.

In einer Art retrospektiver Nibelungentreue gaben sich Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann und Museumsdirektor Marc Fehlmann erhebliche Mühe, die Verantwortlichen für diese Missstände – also ihre jeweiligen Vorgänger im Amt – nicht mit Vorwürfen einzudecken. Während Ackermann darauf hoffen darf, dass die nun initiierten Projekte zur Kursänderung bis zu den Wahlen im kommenden Jahr keine weiteren Wellen schlagen werden, steht Fehlmann vor einer herkulischen Aufgabe: Er muss sein Haus, das zwischen den Ansprüchen des konservativen «Daig» und der progressiven Historiker eingezwängt ist, eine erkennbare Richtung geben. Und er muss einen wichtigen Teil des Stadtgedächtnisses nach allen Regeln des digitalen Zeitalters neu erfassen und archivieren lassen. Beides wird Jahre dauern. Das eine wird zu politischen und ideologischen Debatten und möglicherweise zur Schliessung des Musikmuseums führen. Das andere wird grosse Summen an Geld verschlingen, die für zahlreiche spannende Ausstellungen hätten verwendet werden können.

Angesichts dieses Desasters drängt sich ein radikaler Schnitt auf. Es wäre mehr als einen Versuch wert, die vom einstigen Regierungspräsidenten Guy Morin vorgebrachte Idee eines «Hauses der Geschichte» wieder ins Spiel zu bringen. Derzeit stehen in Basel zahlreiche ehemalige Industrieareale zur Neunutzung bereit. Chemie und Logistik haben dieser Stadt Reichtum gebracht. Jenen Reichtum, auf dem eine solche Institution im wahrsten Sinn aufgebaut würde.

Dieses «Haus der Geschichte», mit dem auch die Depot-Probleme auf einen Schlag gelöst werden könnten, entstünde also dort, wo heute schon die Zukunft der Stadt beginnt und der Blick auf einer Basis langer Traditionen nach vorne gerichtet ist. Gäbe es also einen geeigneteren Ort? Barfüsserkirche, Haus zum Kirschgarten und Lohnhof stehen dagegen für eine Vergangenheit ohne grosses Zukunftspotenzial. Diese geschichts- und in ihrem bildungsbürgerlichen Dünkel oft auch sendungsbewusste Stadt hat jedenfalls mehr verdient als dieses Flickwerk, das sich heute Historisches Museum nennt.

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Patrick Marcolli

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