500 17-jährige junge Männer arbeiteten im Rahmen des Reichsarbeitsdiensts (RAD) im Sommer 1942 knapp drei Monate daran, vom Rhein bei Weil am Rhein bis zum Grenzacher Horn einen Grenzzaun zu bauen. Bis zu drei Meter hoch und acht Meter breit war der Stacheldrahtverhau, durch den die Nazis die befürchtete Massenflucht in die Schweiz verhindert wollten.

Es gab allerdings Lücken in dem 18 Kilometer langen Wall. So hatten die Nationalsozialisten darauf verzichtet, den Zaun um die sogenannte Eiserne Hand zu ziehen. Dabei handelt es sich um eine fingerähnliche, rund 250 Meter breite Landzunge, die von Riehen ins deutsche Gebiet zwischen Lörrach und Inzlingen hineinragt. Die Forderung, das Schweizer Territorium ihrerseits durch einen Zaun abzutrennen, wiesen die Basler Behörden zurück.

Die binationale Ausstellung «Endstation Grenzzaun? Flucht zwischen Rettung und Tod» hat das Ziel, den Menschen, die den Zaun überwanden oder an ihm scheiterten, ein Gesicht zu geben. Sie wurde am Donnerstagabend im Lörracher Landratsamt eröffnet, wo sie bis Mitte November im Foyer zu sehen ist, bevor sie dann bis 1. Dezember für zwei Wochen nach Riehen zügelt.

Welche Rolle Berliner Fluchtwerk-Netzwerke und ihre Kontakte nach Weil und Grenzach spielten, stellte die Historikern Martina Voigt von der Gedenkstätte «Stille Helden» (Berlin) bei der Vernissage in einem eindrucksvollen Vortrag exemplarisch dar. Während die Massendeportationen der Juden im Oktober 1941 begonnen hatten, lebten in Berlin Anfang 1943 noch 30 000 Juden. Sie wurden teils als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Ihre Deportation begann nach einer Grossrazzia im Februar 1943.

Fluchthelferin aus Langenbruck

Einige der damals untergetauchten Juden verdanken ihr Überleben dem liberal gesinnten Ehepaar Margrit und Kurt Pieper, das einen breiten jüdischen Bekanntenkreis hatte. Margrit Pieper stammte ursprünglich aus Langenbruck im Baselbiet und lebte seit 1934 mit ihrem Mann in Berlin. Sie entsann sich ihrer Weiler Freundin Adelheid Suger, einer frommen katholischen Hausfrau.

Bei ihrem Besuch in Berlin beschlossen sie, den verfolgten Juden zu helfen. Bei Sugers Rückkehr in Weil bat sie ihre Nachbarin Luzia Schaub um Hilfe, die ihrerseits ihren Vetter Xaver Beck, der als Zollgrenzwächter am Grenzacher Horn arbeitete, einschaltete. Er wurde so zum Fluchthelfer.

In Berlin mietete Margarete Demme, die selber einen jüdischen Freund hatte, ab Sommer 1942 eine Wohnung an, in der insgesamt neun Juden untergebracht wurden. Danach begann generalstabsmässig die Vorbereitung ihrer Flucht. Wie genau die Beziehung zwischen Margarete Demme und dem Ehepaar Pieper war, ist nicht bekannt.

Von den neun Personen aus der Wohnung gelang sechs die Flucht, teilweise über die Eiserne Hand. Tragisch war der Fall des betagten Ehepaars Grüneberg, das mithilfe von Beck und Schaub am Grenzacher Horn über die Bahnlinie in die Schweiz gelangte. Weil Friedericke Grüneberg ihre Handtasche mit wichtigen Papiere verloren hatte, ging sie zurück, geriet dabei wieder auf deutsches Gebiet und wurde verhaftet. In der Untersuchungshaft erhängte sie sich. Zwei andere Männer verliefen sich bei der Flucht.

Das Ehepaar Pieper blieb nach einer Kur 1943 in der Schweiz und lebte danach in Basel. Die Fluchthilfe aus Berlin lief neu in Zusammenarbeit mit Heinz und Amanda Rottke an, kostete aber jetzt Geld. In der Regel fielen pro Flüchtling 6000 oder 7000 Reichsmark an. Das war mehr als der Jahreslohn eines Facharbeiters. Martina Voigt berichtete, dass Heinz Rottke unter ständiger Geldnot litt, weil seine Frau teure Medikamente benötigte.

Im Juli 1944 verhaftet

Aus Angst, verraten zu werden, machte Luzia Schaub weiter mit. Im Juli 1944 flogen die Fluchthelfer auf und wurden verhaftet. Wegen Feindbegünstigung drohte ihnen die Todesstrafe. Das Kriegsende rettete die Angeklagten, sie wurden von den Alliierten befreit.

Die Ausstellung besteht aus elf Stellwänden. In Lörrach ist zusätzlich Filmmaterial von 20 Minuten über den Bau des Zauns zu sehen. Eventuell wird es dieses Angebot auch in Riehen geben.

Ausstellung «Endstation Grenzzaun? Flucht zwischen Rettung und Tod» Landratsamt Lörrach, Foyer, Palmstrasse 3, bis 16.11. Mo - Fr, 8 - 12.30 Uhr, Do auch 13.30 - 17.30 Uhr.

Riehen, Bürgersaal, Wettsteinstrasse 1, 17.11. bis 1.12., Mo bis Fr, 8 - 12 Uhr und 14 - 16.30 Uhr.