Beide Basel

Flüchtlinge auf Jobsuche: Warum Arbeitseifer allein nicht reicht

Viele Flüchtlinge wollen arbeiten – finden aber keine Stelle. Eingliederungsmassnahmen sollen sie nun fit machen für den Arbeitsmarkt.

Viele Flüchtlinge wollen arbeiten – finden aber keine Stelle. Eingliederungsmassnahmen sollen sie nun fit machen für den Arbeitsmarkt.

Die öffentliche Hand und Private haben in Baselland und -Stadt in den letzten Jahren verschiedene Massnahmen ergriffen, um die Arbeitsintegration von Personen aus dem Asylbereich zu verbessern. Was bleibt zu tun?

Aslam Timur zeigt auf seinem Handy Bilder aus einem anderen Leben: Frisch rasiert, in Anzug und Krawatte sitzt der junge Mann auf einem knallgrünen Sofa im Fernseh-Studio von Ayna TV. In der Morgenshow des zweitgrössten afghanischen Privatsenders interviewt er Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur. Doch auf dem Sofa verbringt er nur 90 Minuten seines Tages. Daneben ist er als Reporter unterwegs, führt Videointerviews in einem Projekt für Frauenrechte durch und studiert Raumplanung. «Ich war aktiv in meinem Land», sagt Timur. Sein Arbeitstag dauerte 15 Stunden.

Das war, bevor Timur 2015 via Griechenland in die Schweiz floh. Sein Aktivismus und die Kritik an den Zuständen im Land wurden dem Journalisten zum Verhängnis: Mehrfach bedroht und bei Anschlägen verletzt, beschloss der damals 25-Jährige, sein Land zu verlassen. 2 Jahre und 10 Monate musste Timur nach einer ersten Ablehnung seines Asylgesuchs und dem darauffolgenden Rekurs auf die Anerkennung als Flüchtling warten. 2 Jahre und 10 Monate der Ungewissheit, in denen das Deutschlernen schwer fiel und erst recht die Jobsuche: Mit einem laufenden Asylverfahren und begrenzten Sprachkenntnissen ist es nahezu unmöglich, eine Stelle zu finden.

Es obliegt den Gemeinden, wie viele Deutschkurse und Beschäftigungsangebote sie für Asylsuchende finanzieren. Integrationsmassnahmen sind noch keine vorgesehen. In Therwil standen für die rund 60 Bewohner der ehemaligen Asylunterkunft fünf Sprachkurs-Plätze zur Verfügung, die im Rotationsprinzip vergeben wurden. Daneben gab es Ämtli im Heim und bei der Gemeinde, Timur half in der Küche der Kirchgemeinde, besuchte Deutschkurse bei Freiwilligen. Und bemühte sich, eine Stelle zu finden. Der grösste Teil seines Tages aber bestand darin: warten und hoffen. «Es ist wie eine Sucht, der du verfällst», beschreibt Timur die Situation. Je länger es geht, desto weniger glaubst du daran, jemals herauszufinden.

Suche nach Orientierung

«Es war die schlimmste Phase meines Lebens», erinnert sich auch Bashir Hasan an seine ersten Monate in der Schweiz zurück. Der Syrer kam im September 2015 als 16-Jähriger in die Schweiz und erhielt vier Monate später seine Aufenthaltsbewilligung. Er gehört zur Gruppe der spätmigrierten Jugendlichen, die nach der obligatorischen Schulzeit in die Schweiz eingewandert sind. Wer das 24. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, darf die Integrations- und Berufsvorbereitungsklasse IBK besuchen. Doch für Hasan hiess es erst einmal warten: Acht Monate bis zum Start des neuen Schuljahres, das wieder freie Plätze bot. Acht Monate, die auf die Moral schlugen: «Es gab Zeiten, da dachte ich, ich kann nicht mehr.»

Als einziger unbegleiteter Minderjähriger in der Asylunterkunft in Bubendorf fühlte sich der Jugendliche einsam. Auch der Schulstart brachte keine Besserung: In manchen Fächern unterfordert, häufig abwesend und orientierungslos bei der Lehrstellensuche, flog er von der Schule. Ohne Abschluss und Anschlusslösung landete Hasan beim Zentrum für Berufsintegration in Birsfelden (BI BL). Von da an ging es aufwärts.

«Nach ein bis zwei Jahren in der Schweiz direkt eine Berufsausbildung anzustreben, ist für viele Zugewanderte eine Überforderung», sagt Fortunat Schwarz, Stellenleiter des Zentrums BI BL. Die Flüchtlinge sind in dieser Zeit noch stark mit der primären Integration beschäftigt: Es geht um die Klärung der Existenzgrundlagen, das Kennenlernen der hiesigen Gepflogenheiten, das Deutschlernen. Häufig braucht es dann noch einen Zwischenschritt, bis der Antritt einer Ausbildung oder Festanstellung möglich ist.

Um diese Lücke zu schliessen, hat das Zentrum BI BL zusammen mit dem Förderverein Mentoring das Pilotprojekt LOS! ins Leben gerufen. Mit anderen jungen Erwachsenen besuchte Hasan je halbtäglich eine Werkstatt und ein Lernforum. Im Vordergrund standen die stabile Tagesstruktur und das Entwickeln von Selbstvertrauen. Die Teilnehmenden arbeiten bei LOS! an kleinen handwerklichen oder gestalterischen Projekten, werden eng begleitet und bei Bewerbungen unterstützt.

Individuelle Förderung

Auch der Bund hat den Handlungsbedarf im Bereich der primären Integration erkannt. Mit der sogenannten Integrationsagenda sollen Massnahmen künftig früher einsetzen: Alle Flüchtlinge (FL) und vorläufig Aufgenommenen (VA) werden durchgehend von einer Fachperson betreut, die ihr Potential abklärt und die entsprechenden Schritte plant. Die Integrationspauschale wird ab 2019 von 6000 Franken auf 18 000 Franken erhöht und soll unabhängig vom Status eingesetzt werden können: Auch Asylsuchende mit hoher Bleibeperspektive können damit Sprachkurse besuchen.

Ziel ist es, dass sich zwei Drittel aller anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen zwischen 16 und 25 Jahren nach fünf Jahren in einer beruflichen Grundbildung befinden. Die Hälfte aller Erwachsenen soll nach sieben Jahren in den Arbeitsmarkt integriert sein. Bisher sahen die Zahlen anders aus: 2016 waren über 80% der FL/VA nach fünf bzw. sieben Jahren noch abhängig von der Sozialhilfe.

Studien haben gezeigt, dass sich zusätzliche Integrationsmassnahmen nicht nur auf einer persönlichen und gesellschaftlichen Ebene positiv auswirken. Der Staat spart damit auch langfristig bei den Sozialhilfekosten: Zusätzliche Investitionen von 22’000 Franken pro Person verwandeln sich bis zur Pensionierung in Mehreinnahmen von 112’000 Franken. Die Kosten sind nach 12 Jahren amortisiert. So können Kantone und Gemeinden langfristig pro Jahrgang FL/VA 380 Mio. Franken einsparen.

Beratung und Job-Coaching

Der Kanton Basel-Stadt hat bereits 2012 eine Fachstelle Arbeitsintegration VA/FL geschaffen, welche die durchgehende Fallführung vom Zuzug bis zum Stellenantritt übernimmt. Job Coaches akquirieren aktiv Unternehmen, die Plätze für Lerneinsätze zur Verfügung stellen. So flatterte eines Tages auch ein Flyer in den Briefkasten von Laurenz Ginat, Mitglied der Geschäftsleitung von Revendo. «Wir fühlten uns angesprochen, weil wir versuchen, nachhaltig zu handeln und einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.» Die Firma bekämpft die Wegwerfmentalität, indem sie gebrauchte Apple-Produkte repariert und für den Wiederverkauf aufrüstet.

Ali Jalal aus dem Nord-Sudan trat im Herbst 2017 ein Praktikum bei Revendo an. «Ich kannte mich überhaupt nicht aus mit den Geräten» blickt der 28-Jährige zurück. «Aber ich bin sehr motiviert, Dinge zu lernen. Die Arbeit bei Revendo ist anspruchsvoll. Das gefällt mir.» Für Laurenz Ginat ist es eine Bereicherung, mit Jalal zu arbeiten: «Ali kommt aus einer anderen Kultur, darauf muss man Rücksicht nehmen, aber das macht das Ganze auch spannend.» Sorgen habe man sich im Vorfeld der Anstellung kaum gemacht: «Wir haben schnell gesehen, dass es funktioniert.» Ausschlaggebend dafür war ein Schnuppertag.

«Probiert es aus!»

Hier setzten auch die beiden Unternehmen Weleda und Holle an, als sie im Frühjahr 2018 gemeinsam mit dem sozialpädagogischen Zentrum Erlenhof und dem Zentrum BI BL «Orientierungswochen» ins Leben riefen. Drei Teilnehmende erhielten die Möglichkeit, während vier Wochen in verschiedenen Abteilungen der beiden Firmen zu schnuppern. Einer von ihnen war Bashir Hasan aus dem Pilotprojekt LOS. «Personen aus dem Asylbereich brauchen dringend die Gelegenheit, einfach mal reinzuschauen und ein Bild davon zu bekommen, was jemand in einem bestimmten Beruf den ganzen Tag macht», ist Lana Sudar Busetic, Initiantin der Orientierungswochen bei Holle, überzeugt.

Aus dem Schnuppern wurde für Hasan ein Vorlehrvertrag, und der begabte Schüler besucht nun an zwei Tagen pro Woche bereits die reguläre KV-Schule. Im nächsten Sommer soll er in die Lehre übertreten. «Das ist ein schönes, unvorhergesehenes Ergebnis unseres Projekts», bilanziert Sudar Busetic. «Wir sind von Bashir fasziniert.»

«Wie jeder Jugendliche braucht Bashir hin und wieder den Tipp eines Erwachsenen», ergänzt Betreuer Patrick Sutter. «In dem Alter haben junge Menschen vieles zu bewältigen – diszipliniertes Lernen, Sport treiben, Freunde treffen und vieles mehr.» Das sei ganz unabhängig vom kulturellen Hintergrund. Probleme tauchten eher an unerwarteter Stelle auf: Botengänge ins nahegelegene Lörrach etwa kann der vorläufig Aufgenommene nicht übernehmen, und für das Weihnachtsessen auf der anderen Seite der Grenze braucht Hasan eine Sonder-Bewilligung.

Hindernisse abbauen

Über Bewilligungs-Pflichten stolpert auch immer wieder TV-Mann Aslam Timur auf seiner Job-Suche. Er würde jede Arbeit übernehmen, auch wenn sie nicht seiner bisherigen Laufbahn entspreche, sagt der Afghane. Hauptsache, er könne endlich wieder auf eigenen Füssen stehen. Kürzlich war er im Gespräch mit einer Firma, die Personal für Kurzeinsätze verleiht: Mit seinem Aufenthaltsausweis hätte er für jeden Einsatz eine neue Bewilligung gebraucht. Da wurden andere Bewerber bevorzugt.

Der Bund hat auch hier den Handlungsbedarf erkannt: Ab 2019 müssen Arbeitgeber Stellen, die sie an Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene vergeben, nur noch melden und nicht mehr aufwendig bewilligen lassen. Die Einführung eines arbeitsmarkt-freundlicheren Schutzstatus für VA hat der Ständerat im Frühling hingegen abgelehnt. Mit dem beschleunigten Asylverfahren (ab März 2019) hätte Timur aber von Anfang an rechtlichen Beistand erhalten und die lange Wartezeit nach der Ablehnung seines Asylgesuches womöglich umgehen können.

Heute bleibt dem engagierten Mann, sich daran zu halten, was Bashir Hassan sagt: «Man darf die Hoffnung nicht verlieren. Auf einmal kommt eine Chance. Vielleicht nicht heute oder morgen, sondern übermorgen. Aber sie kommt.» Es bleibt die Aufgabe der Politik, sowie von unternehmerischen und privaten Initiativen, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Hoffnungen junger Menschen nicht mehr auf eine derart harte Probe gestellt werden.

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