Fondation Herzog
Fondation Herzog sucht neues Zuhause für Fotosammlung

Peter und Ruth Herzog suchen verzweifelt Räume für ihre Fotosammlung Fondation Herzog. Die Verhandlungen über die Miete einer staatlichen Liegenschaft mit Basel Immobilien scheiterten.

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Peter Herzog in der Ausstellung «Basel: Eine Stadt im Wandel» vor Fotos des Sandgruben-Areals, wo er als Knabe zusammen mit Bruder Jürg im damaligen Bauernhof-Areal spielte. Kenneth Nars

Peter Herzog in der Ausstellung «Basel: Eine Stadt im Wandel» vor Fotos des Sandgruben-Areals, wo er als Knabe zusammen mit Bruder Jürg im damaligen Bauernhof-Areal spielte. Kenneth Nars

Kenneth Nars

Peter Herzog (63) aus Basel hat zusammen mit seiner Frau Ruth eine der bedeutendsten Sammlungen historischer Fotografien zusammengetragen. Insgesamt haben die beiden in den vergangenen vierzig Jahren rund 300000 Fotos aus der Zeit von 1839 bis etwa 1970 gesammelt, die alle Facetten des Lebens im Industriezeitalter weltweit enthalten. Die Einzelaufnahmen oder in Alben zusammengefasste Bilder sind Fotos von anonymen bis zu berühmten Fotografen. Die Sammlung gehört dem Ehepaar.

Diesen Schatz droht Basel zu verlieren. «Wir sind räumlich in einer prekären Situation», sagt Herzog: «Wenn wir in den nächsten sechs Monaten keine Lösung finden, muss ich die Sammlung durch Verkäufe und Schenkungen auf einen Dreissigstel verkleinern, damit sie in einer Privatwohnung Platz hat.»

Kein Kapital für Museum

Bis Mai 2010 hatte die Sammlung ihren Platz an der Oslostrasse im Basler Dreispitz. Wegen Umbauten und der unklaren Zukunft verliessen die Herzogs diesen Ausstellungsort am Rand der Stadt. Seither lagern sie ihre Foto teils bei der UBS, teils in einem kostenpflichtigen Lager und bei sich zu Hause.

Eine unmögliche Situation für eine wertvolle Sammlung. «Wir können die freundliche Geste der UBS nicht mehr lange in Anspruch nehmen», sagt Herzog. Eine schnelle Lösung sei dringend angezeigt. Das Kapital, um sich ein Museum zu bauen, haben die Herzogs nicht. Auch ihre Fondation Herzog hat kein Geld. Sie hat den Zweck, die Fotografien der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Herzogs stellen ihre Arbeitskraft der Fondation kostenlos zur Verfügung, in dem sie die Sammlung bearbeiten und registrieren.

Mietvertrag von mindestens 20 Jahren

Das Verrückte ist, dass eine Lösung vorhanden wäre. Ein Gebäude im Staatsbesitz an der Missionsstrasse 20 in Basel wäre laut Herzog geradezu ideal, die Sammlung sowohl öffentlich zu präsentieren als auch professionell zu lagern. Das Haus steht leer, weil der Vormieter, das Sportmuseum, im Juni 2011 auszog und sich im Dreispitz einmietete.

Doch das Finanzdepartement als Besitzer des Hauses erwies sich bisher als Schranke für eine Lösung der Raumprobleme der Sammlung. Immobilien Basel heisst die zuständige Verwaltungsabteilung, der Herzog im Juni seine Pläne vortrug. Die Stiftung sei mit einer Monatsmiete von 7000 Franken einverstanden. So viel habe das Sportmuseum bezahlt. Sie würde den nötigen Umbau selbst bezahlen und den Betrieb ohne Subventionen finanzieren. Einzige Bedingung: Wegen der notwendigen Investitionen forderte Herzog einen Mietvertrag von mindestens zwanzig Jahren.

Doch die Vertreter von Immobilien Basel machten, so Herzog, ein anderes Angebot: erst 6000 Franken Monatsmiete, aber lediglich eine Mietdauer von 1,5 Jahren. Diese kurze Dauer mache für die Sammlung keinen Sinn. Später sei der Mietzins plötzlich ruckzuck auf 9000 bis 11000 Franken angehoben worden.

Keine Subventionen für Mieten

Eine andere Sicht der Gespräche mit Herzog hat Immobilien Basel. Man habe sich nach den Gesprächen mit Herzog im gegenseitigen Einverständnis getrennt, sagt Barbara Neidhart, Sprecherin von Immobilien Basel. Die Verhandlungen mit Herzog seien an der Höhe des Mietzinses gescheitert, sagt Neidhart. Sie betont, dass Immobilien Basel marktkonforme Mietzinse verlange. Die Abteilung dürfe keine Subventionen für Mieten machen. Mittlerweile sei man mit anderen Mietern kurz vor Abschluss eines Vertrags. Von Herzog habe Immobilien Basel seit Juni nichts mehr gehört, sagt Neidhart.

Herzog findet die Stellungnahme von Immobilien Basel «unglaublich»: «Wir haben nie Subventionen verlangt und wären auch mit 9000 Franken Miete einverstanden gewesen – allerdings mit einem Mietvertrag von mindestens zwanzig Jahren.» Herzog zeigt sich weiter interessiert am Gebäude an der Missionsstrasse. Er betont, dass er «für jede Lösung» offen sei. Er fühlt sich aber allein gelassen. Mit Sprüchen, wie er sie immer wieder mal hört, er solle sich doch an seinen reichen Bruder, den Stararchitekten Jürg «Jacques» Herzog, wenden, kann er nichts anfangen.

Der Sammler ist sehr zurückhaltend und tut sich schwer, seine Sammlung lautstark zu vertreten. Trotzdem konnte er seine Sicht vor rund drei Monaten auch Philippe Bischof, Chef der Abteilung Kultur in Basel, darlegen.

Viele offene Fragen

Bischof stellte klar, dass zuerst ein Betriebsmodell definiert werden sollte, ob etwa die Sammlung als Museum oder eher als Archiv betrieben werden solle. «Auch punkto Trägerschaft scheinen viele Fragen offen: Wenn die Sammlung ganz privat bleibt, hat der Staat natürlich weniger Anlass mitzuwirken», sagt Bischof. Denn unabhängig vom hohen Stellenwert der Herzog-Fotografien sei es ja so, dass es noch weitere kleinere private Sammlungen in Basel gebe, um die man sich auch kümmern könnte. Wichtig sei zudem die Frage der Zugänglichkeit und längerfristigen Betreuung. «Ganz klar ist jedenfalls, dass wir als Kulturabteilung nicht im Immobilienbereich direkt helfen können», sagt der Kulturchef. Und betont: «Wir vermitteln aber gerne und beraten in Fragen des Betriebs einer Sammlung.»

Wenn er die Sammlung wegen der Raumprobleme massiv verkleinern müsste, wäre das eine Katastrophe für Herzog. «Je mehr Bilder zu einem Ereignis vorhanden sind, desto präziser kann man sich ein Bild machen», sagt der Sammler. Als Beispiel nennt er die Anfänge von Roche in Basel. Je mehr Bilder etwa über Laborarbeiten oder das landschaftliche Umfeld vorlägen, desto umfassender sei der Eindruck.

«Fotos sind ein Lebensmosaik»

Die Sammlung ist beliebt. Dies zeigt sich darin, dass sie fast täglich Anfragen von Schulen, Universitäten, Verlagen und Privaten hat, die nach Fotografien aus einer bestimmten Zeit mit speziellen Motiven nachfragen. «Unsere Fotos sind ein Lebensmosaik wie die Menschen in der Industriegesellschaft von 1839 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts lebten», sagt Herzog. Die Fotos seien nicht nur Dokumente, sondern zeigten die Träume und Geschehnisse früherer Zeiten in einer ästhetischen Qualität.

Die Gegenwart werde in den Fotos für die Zukunft festgehalten in einer Sprache, so Herzog, die alle weltweit verstünden. Dieses gemeinsame Verständnis der Fotografie, dieses Unelitäre, habe aber auch dazu geführt, den Stellenwert von Amateurfotos als «Fötelis» zu wenig hoch einzuschätzen. Heute hätten vor allem die Museen international erkannt, wie wichtig die Fotografie sei, um sich ein Bild der Vergangenheit zu machen.

Herzogs sins Schatzjäger

Herzog, gelernter Jurist, ist über seine Liebe zu Basel zur Fotografie gelangt. Sein Primarlehrer habe ihm die Schönheiten der Altstadt nähergebracht. Daraus folgte der Wunsch, die Stadt, die man bewundere, zumindest in Fotos festzuhalten. Auslöser für seine Sammelleidenschaft war ein Foto mit Frauen, die an Spinnrädern sitzen. Seither sind die Herzogs Schatzjäger, die in Antiquariaten und Auktionen nach interessanten Fotos Ausschau halten. Sie sammeln mehrheitlich Bilder von Amateurfotografen, die oftmals emotionalere Fotos machten, sagt Herzog.

Seinen Beruf als Jurist hat er zugunsten seiner grossen Leidenschaft aufgegeben. Seit Jahrzehnten macht er, was ihm wirklich Spass macht: Kunst, Geschichte, Antiquitäten. Er wirkt für Erbschaften, Vormundschaftsbehörden, Banken und Versicherungen als Schätzexperte für Fotografien und andere Kunstwerke. In den vergangenen Tagen bereiteten Herzog und seine Frau Ruth die Fotoausstellung im «Raum der Kunst» am Heuberg 24 (bis 10. Dezember) vor: «Basel (1853–1970): Eine Stadt im Wandel.» Sie zeigt Fotos der Sammlung und des Basler Rechtsanwalts und Fotografen Oliver Wackernagel (siehe Fotos auf der Doppelseite).

Derzeit überlagert aber das Raumproblem alle Diskussionen der Fondation Herzog, die von Peter Herzog präsidiert wird. Im Stiftungsrat sitzen etwa der Basler Anwalt Peter Mosimann oder der Stararchitekt Pierre de Meuron. Mosimann: «Eine Lösung ist dringend.»