«Ich sage, was ich denke». Obwohl ihre ausgeprägten Lachfältchen sichtbar werden, ist klar, dass Ketty Bertossi das ernst meint. Die zierliche Frau ist eine Künstlerin. Ein Freigeist.

Jemand, die umsetzt, was sie sich vornimmt und sich nicht von gesellschaftlichen Normen ausbremsen lässt. Zum Beispiel in ihrer Karriere: Sie arbeitet als Fotografin. Es sei für sie schon immer ein weit entferntes Ziel gewesen, das Fotografen-Dasein. Etwas, das viele werden wollen aber nur wenige erreichen. Trotzdem habe sie sich dazu entschlossen, es umzusetzen. Seit ihre Mutter einst zu ihr sagte: «Du musst Fotografin werden», zieht sie es mit allen Konsequenzen durch. Beinahe melancholisch erinnert sich Bertossi an diesen Moment. Und sie bewies Durchhaltevermögen: 2006 schloss die 35-Jährige das Studium am Centre d’enseignement professionel de Vevey in analoger Fotografie ab.

Auch wenn heute fast nur noch mit digitalen Methoden gearbeitet wird, fasziniert sie die Kunst des Analogen. Wenn sie über die technischen Aspekte des Fotografierens spricht, leuchten ihre Augen, obwohl die Materie trocken ist. Mit Händen und Füssen zeigt und erklärt sie, wie die verschiedenen Substanzen aufgebaut sind und funktionieren. Sie lebt für ihren Beruf. Sie sagt: «Am liebsten fotografiere ich Menschen. Sie sagt: «Dieser stumme Moment, zwischen mir und der Person, die ich fotografiere und diese Übereinstimmung, für eine Sekunde, die für immer festgehalten wird, das fasziniert mich.»

Alles aufgegeben

Ihre Liebe zu ihrer Arbeit bewies Bertossi so: Wohnung, Job, Umfeld – sie gab alles auf und startete mit ihrem damaligen Freund ein verrücktes Projekt. Innert zwei Monaten bauten sie gemeinsam eine Lochkamera, mithilfe einer einfachen Bauanleitung. «Das war sehr crazy.

Einige Bekannte fragten sich, wieso wir das taten. Ich liebte es!» Das Monstrum von 20 Kilo mass 1.20 Meter auf 1.20 Meter - damit es in den Bus passte, mussten sie diesen umbauen. Dann machten sie sich auf die Reise. Ohne Plan. «Wir haben Zeit und wir suchen Orte, die auch Zeit haben», lautete der Vorsatz des Paares. In drei Monaten besuchten sie elf Länder.

Oft übernachteten sie im Bus, in dem neben der riesigen Kamera nur noch wenig Platz zum Leben blieb. Für die Beziehung war das eine sehr intensive Zeit. In jedem Land entstanden zwei bis drei Fotos. Solche, die das Land einfangen sollten, wie es war. Keine berühmten Touristensehenswürdigkeiten, keine gestellt-lachenden Einheimischen, keine typischen Postkartenmotive. Echte, authentische Sujets.

Ängste und Sorgen

In Polen waren das grosse, abgelegene, leerstehende Fabrikhallen. Und Obdachlose. «Es war erfrischend und eindrücklich wie hilfsbereit und freundlich die Leute dort waren.» Auf der Reise erkannte Bertossi, wie wenig ein Mensch zum Leben braucht. Nicht nur die Einheimischen in einigen besuchten Ländern kamen mit sehr wenig aus. «Als wir zu Hause ankamen, kam mir mein damaliges Zimmer in der WG viel zu gross vor und ich fühlte mich darin total klein.»
Auch heute lebt Bertossi noch sehr einfach – gemeinsam mit ihrer 6-jährigen Tochter. Sie sucht ihr Glück nicht in materiellen Dingen. Kann man eifersüchtig auf jemanden sein, weil er weniger hat?

Trotz ihres unbekümmerten Wesens hat Bertossi Sorgen und Ängste. «Haben wir genug Geld, kann ich meinen Lebensstil für immer so beibehalten.» Für ihren Lebensstil ist Ketty Bertossi auf Unterstützung angewiesen. Der Vater ihrer Tochter und seine Eltern schauen oft und gut zu ihr. Sie sind sehr flexibel und das müssen sie sein. Denn bei ihrer Arbeit als Fotografin muss Bertossi zu unregelmässigen Zeiten arbeiten und oft auch spontan los. «Meine Tochter findet meinen Beruf langweilig. Sie möchte mal Bäuerin werden», sagt sie lachend.

Nicht immer bleibt Bertossi in beobachtender Distanz. Ihr Motto ist: Wenn ich helfen kann, dann helfe ich. Und nein, das sagt sie nicht nur, um sich besser zu fühlen. Sie setzt es auch aktiv um. Mit Freunden gründete sie das Projekt «Rastplatz». Das Grüppchen reist mit Bertossis Bus zu Flüchtlingslagern und kocht dort für die Menschen. In den Camps haben sie schreckliche Dinge gesehen: Kinder ohne Schuhe, keine Spur von sanitären Anlagen. Keine Humanität. Wunden, die wohl nie mehr heilen. Die Porträts, die Bertossi auf den Reisen macht, zeigen Menschen am Tiefpunkt ihres Lebens. «Es bedrückt mich sehr und ist auch schwer, noch ans Gute im Leben zu denken.» Trotzdem macht es sie glücklich, helfen zu können.

Bertossi wechselt zwischen den Welten: Als Nebenverdienst arbeitet die Baslerin im Unispital und fotografiert dort die Neugeborenen. «Es sind sehr intime Momente, die ich mit Familien teilen darf. Die Arbeit hat mir gezeigt, wie ich mit meiner Stimme und Art die Kleinen beruhigen kann. Das ist auch im Alltag sehr wertvoll.» Als Ausgleich zum harten Fotografen-Business hat Bertossi die Musik. «Ich wünsche mir, dass ich irgendwann an einem Haus am Waldrand lebe, meine Tochter und ich glücklich sind und ich mich aufs Fotografieren und die Musik konzentrieren kann.» Ihre Einstellung zum Glück gibt sie auch ihrer Tochter mit. Bertossi wünscht sich, dass auch sie mal ihre grosse Leidenschaft findet. Dafür setzt sie sich in den Ferien mit ihrer Tochter in ihr Büssli und fährt los. Ohne Plan.