Tradition
Franz Baur läutet die Glocken zur Basler Herbstmesse

Wenn die «Mässglöggli» läuten, hat Franz Baur im Turm der Martinskirche die Seile in der Hand. Seit 27 Jahren ist er stolzer Messeglöckner von Basel. Traditionell wird er dafür jedes Jahr mit einem Paar Wollhandschuhen entlöhnt.

Noemi Lea Landolt
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Zum 27. Mal läutet Franz Baur nach alter Tradition im Martinskirchturm die Herbstmesse ein und aus.

Zum 27. Mal läutet Franz Baur nach alter Tradition im Martinskirchturm die Herbstmesse ein und aus.

Kenneth Nars

Das Jahr 1988 hatte gerade erst begonnen, draussen wehte ein kalter Wind, einige Schneeflocken fielen. In einem Häuschen am Rheinsprung tranken Franz Baur und Alfred Röschard ein paar Gläschen. Beim ersten machten sie Duzis und als Röschard zum zweiten Mal das Glas hob, stellte er eine alles entscheidende Frage: «Franz, ich werde dieses Jahr zum 40. und letzten Mal die Herbstmesse ein- und ausläuten. Willst du mein Nachfolger werden?» Franz Baur lief es kalt den Rücken runter. Er überlegte einen Moment; dann versprach er Röschard hoch und heilig, die Tradition in seinem Sinn und Geist fortzuführen.

Schon als kleiner Bub hatte Baur begeistert zugeschaut, wie die Glocken geläutet wurden. Später stieg er als Primarschullehrer mit seinen Schülern jedes Jahr zum Ein- und Ausläuten der Herbstmesse auf den Turm der Martinskirche. Nicht, ohne dem damaligen Messeglöckner Alfred Röschard aufzufallen. Nach 15 Jahren fragte dieser Baur, ob er nicht mit ihm das neue Jahr einläuten möchte. Sie hatten sich vor Mitternacht getroffen, zusammen geläutet und gingen anschliessend zum Häuschen am Rheinsprung.

Ein Malheur zur rechten Zeit

Am 28. Oktober 1989 war Franz Baur beim Einläuten der Messe zum ersten Mal nicht Zuschauer, sondern Glöckner. Röschard stand unten auf dem Martinskirchplatz. «Ich wusste, jetzt kommt es darauf an», sagt Baur. «Ich wollte Alfred eine Freude machen und besonders gut läuten.» Das Läuten habe er vor allem durchs Zuschauen gelernt: «Mit der Zeit hat man das im Griff und den Rhythmus im Blut.» Beim ersten Mal lief alles nach Plan. Und auch in den folgenden Jahren gab es keine Pannen. «Gott sei Dank», sagt Baur. Einmal, in den späten 80er Jahren sei beim Probeläuten ein Seil gerissen. Sechs Wochen vor der Messe – also genau zum richtigen Zeitpunkt, sodass genug Zeit blieb, um es rechtzeitig auf das Einläuten zu flicken.

Dieses Jahr läutet Baur bereits zum 27. Mal die Herbstmesse ein und heute Samstag wieder aus. Als Urbasler fühlt er sich mit den Traditionen der Stadt verbunden. «Es ist für mich eine grosse Ehre, dass ich das Zeichen geben darf, dass die Herbstmesse beginnt.» Trotz Vorfreude schläft er in der Nacht vorher ruhig. «Ich stelle vielleicht sicherheitshalber und ausnahmsweise sogar einen Wecker.»

Alte Traditionen pflegen

Wenn er dann oben im Turm steht, auf die vielen Menschen auf dem Martinskirchplatz schaut, sei das ein wunderbares Gefühl. «Spannung liegt in der Luft und die Vorfreude darauf, was kommen wird. Wie beim Vogel Gryff oder am Morgestraich bevor es losgeht.» Dann bläst Baur in ein altes Horn, das ihm sein Vorgänger Alfred Röschard vermacht hatte. Niemand soll verpassen, wie er mit dem linken wollenen Fingerhandschuh aus dem Fenster winkt, als Zeichen dafür, dass die alte Tradition fortgeführt wird.

Damit er beim Ausläuten auch wirklich erscheint, bekommt er den rechten Handschuh erst zwei Wochen später. So war es schon immer und so wird es auch bleiben: «Je moderner die Zeit wird, desto willkommener sind die alten Traditionen», sagt Baur. «Deshalb bleibt der Handschuh auch wollig und darf nicht plötzlich durch ein Haute-Couture-Modell ersetzt werden.» Baur hat in seiner Zeit als Messeglöckner 27 Handschuhe bekommen. Behalten hat er nicht alle: «Es hat ja keinen Wert, dass ich die zu Hause staple.» Einige hat er verschenkt: An einen guten Freund aus der Kindheit oder an die Zürcher Zunft zu Wiedikon, die ihn – kaum im Amt – eingeladen hatte.

Kein Ende in Sicht

Ans Aufhören denkt der 73-Jährige nicht. «Solange ich noch auf den Turm komme, läute ich die Messe mit grosser Freude ein und aus.» Und wenn die Zeit dann kommt, wird er – wie schon Röschard – einen würdigen Nachfolger für sein Amt suchen.

Wenn er am Samstag, genau zwei Wochen nach dem Einläuten, die Treppen in den Turm hochsteigt, um die Messe auszuläuten, ist die Stimmung eine andere: Statt Spannung liegt Melancholie in der Luft. Meistens warten auch bedeutend weniger Menschen auf dem Martinskirchplatz. Bei ihm in der Turmstube stehen die Leute aber auch beim Ausläuten dicht gedrängt. Was trotz Melancholie bleibt, ist die Vorfreude und die Gewissheit, dass die «Mässglöggli» in einem Jahr eine neue Herbstmesse einläuten.