In einer Stadtvilla in Oerlikon räuspert sich ein alter Mann. Man möchte lieber «nicht mehr ganz jung» schreiben, aber es ist, wie es ist: Er ist alt. So alt, dass Menschen sagen «Der lebt noch?». Und sich dann freuen, weil ja: Er lebt noch. Und räuspert sich entsprechend: Wuchtig laut, geradezu theatralisch. Ein Räuspern, das ruft: Dr Franz isch no hie!

Dr Franz isch no hie. Und mit ihm Fotograf und Autorin – zwei jüngere Menschen. Man möchte an dieser Stelle «jung» schreiben, aber das sind sie auch nicht mehr, dafür jünger als dr Franz, und auch das ist wichtig zu betonen, denn dieses Szenario lebt von der Altersdifferenz. Zwei jüngere Menschen sitzen einem älteren Menschen gegenüber und lauschen seinen Geschichten. Das klassischste und schönste Szenario überhaupt. In diesem Fall gleich noch schöner, denn: Der alte Mann ist der 75-jährige Franz Hohler.

Grossväterlich gross

Jener Franz Hohler, der uns als Kinder zusammen mit Tschipo in die Steinzeit reinträumte, später zu coolen Menschen machte, weil wir sein «Totemügerli» auswendig aufsagen konnten. Und noch später mit der Erzählung «Die Rückeroberung» unsere erste Dystopie lieferte: Was, wenn die Natur sich ihr Revier zurückholt? Franz Hohler begleitet ein Schweizer Kind sein Leben lang. Als Autor, als Kabarettist, als Dichter. Als Mensch, der uns immer wieder zu lauschenden Kleinen macht und sich selbst zum grossväterlichen Grossen.

Das Original: Franz Hohler erzählt «Ds Totemügerli»

«Wo si mer gsi?» Das Räuspern ist vorbei, Franz Hohler hat sich eine Grether’s Pastille eingeworfen, er ist wieder da. In seinem Büro im obersten Stock des Hauses, wo er auch wohnt, wunderschön mit kleinem Brunnen im Vorgarten, bunten Fenstergläsern und Marmortreppe, oder zumindest fühlt sie sich so an.

Egal, wir sind bei Franz Hohler, und hier zählt die gute Geschichte. Und die geht so: In den Sechzigerjahren steht der Germanistikstudent Franz Hohler in der Stiftsbibliothek St. Gallen und betrachtet eine Abschrift des ältesten Buchs deutscher Sprache. Der «Abrogans», ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch aus irgendwann um 780. Hohler ist fasziniert davon, Jahre später schenkt ihm seine Frau ein Faksimile, er hat es sogar hier, oben links im Bücherregal, direkt neben dem Goethe-Sammelwerk. «I holes schnäll abe.»

«I holes schnäll abe»: Franz Hohler mit dem «Abrogans»-Faksimile vor seinem Bücherregal in Oerlikon.severin bigler

«I holes schnäll abe»: Franz Hohler mit dem «Abrogans»-Faksimile vor seinem Bücherregal in Oerlikon.severin bigler

Er steigt auf eine kleine Leiter und holt es, ein unscheinbares weisses Buch, aus dem er gleich ein paar Zeilen vorliest. «A-b-r-o-gans. Dheomodi.» Das bedeute Demut. Schön sehe das aus. «Hie, lueget mol die rote Pünkt. Da isches eim äue längwilig gsi.»

«De muesis äbe erfinde»

Und wie passt dieses kleine Büchlein jetzt in die Geschichte? Also. Franz Hohler steht 50 Jahre nach dem Besuch in der Stiftsbibliothek am Flughafen in Kloten und will telefonieren. Er hat ein Handy, aber fürs Telefonieren geht er lieber in Telefonkabinen. Davon gibts nicht mehr viele in der Schweiz, aber Hohler weiss genau, wo sie stehen. Er hebt den Hörer, will die Nummer eintippen – als das Telefon nebenan schellt. Und dann?

«De luegtme e chli ume, isch öpper do?» Niemand. Hohler zögert. So lange, bis es nicht mehr klingelt. Ahh! ruft man da als Zuhörer, wieso sind Sie nicht rangegangen! «Äbe», sagt Hohler. «No schad. Flughafe, Drogedeal, Gäldwäscherei, das hätt öppis Interessants chönne sy.» Durchaus!, ruft die verzweifelte Zuhörerin, und Hohler kichert. «De muesis äbe erfinde.»

Die Idee war geboren und ein paar Jahre später auch das Buch dazu: «Das Päckchen», die Geschichte eines Bibliothekars, der rangeht, als es neben ihm klingelt. Nicht mehr in Kloten, sondern am Bahnhof Bern, und es geht nicht um Drogen oder Geldwäsche sondern – genau! – um den Abrogans.

Das Buch ist unterhaltsam geworden, klug und unprätentiös, ein typischer Hohler. Das ist eine Floskel, aber bei ihm trifft sie zu: Der Mann hat seine Nische gefunden und seine Nische ist er selbst. Wer einen Hohler kauft, weiss, was er kriegt, und wer bei ihm zu Hause sitzt, auch. Einen Stuhl, ein kleines Tischli für das Aufnahmegerät, volle Aufmerksamkeit und volle Bereitschaft, zu erzählen. Zum Beispiel von Bahnhöfen. Franz Hohler mag die Masse von Leuten, die da zirkuliert, iistige, usstige, warte, sueche, finde. Und er mag die Idee, sich jemanden auszusuchen, auf den man sich stürzen kann.

«Wine Adler. Uäf! Und du verzellsch üs dini Gschicht!» Er sticht mit dem Zeigfinger in die Luft und man spürt, wie die eigenen Augen zu leuchten beginnen, was für ein Kitsch, aber es geht nicht anders, da ist ein Meister am Hebel, da gibts kein Hinaus. Nur ein Hinein. Also fragt man lallende Kinderfragen: Mit scharfen Adlerkrallen? Er lacht und seine Stimme wird tief. Hochdeutsch. Pathos. «Mit den Krallen des Erzählers!»

Ein Bleistift, ein Roman

Die Krallen bleiben hängen. Hohler erzählt von einem Fax, den er mal in die Antarktis geschickt hat, dann von den unsichtbaren Teilchen, die er sich jedes Mal vorstellt, wenn er ein Mail verschickt. Herumschwirrende Moleküle in riesigen Speichern! Dann von seinem Tagesablauf – er schreibt immer morgens – und davon, wie er schreibt, am Computer. Ganz anders als früher. Und damit gehts wusch! wieder zurück in der Zeit, zu seinem Enkel, der ihm in den Neunzigern zu Weihnachten einen Bleistift schenkte – um damit den dritten Tschipo-Roman schreiben zu können.

Tat er natürlich, und er hat den Bleistift auch noch, ein winziger Stummel, aufbewahrt in einer Plastiktüte neben dem Notizbuch mit dem Manuskript. Den ganzen «Tschipo in der Steinzeit» hat er mit einem einzigen Bleistift geschrieben? Man vergisst zu fragen. Aber wird schon so sein. Es muss!

Genauso wie die Frage zum Schluss: Herr Hohler, was macht ein gutes Buch aus? Er überlegt lange. Und sagt dann was ganz, ganz Simples: «Hocket häre, i verzellenech jetzt mol e Gschicht. Es isch emol ...»