Klassik

Franz Schuberts C-Dur-Sinfonie von Bruckner her gelesen

Die dritte CD des Sinfonieorchesters Basel.

Die dritte CD des Sinfonieorchesters Basel.

Das Sinfonieorchester Basel bringt die dritte CD auf eigenem Label heraus – und die zweite der Gesamteinspielung von Franz Schuberts Sinfonien. Die CD wurde im Juli 2013 live eingespielt und ist schlüssig durchgestaltet.

Als wärs von Wagner – das Hornsolo, das Franz Schuberts Grosse C-Dur- Sinfonie eröffnet, erklingt in spätromantischem Duktus wie aus der Ferne. Im runden, fernen Klang erhält das Eingangsthema eine Transzendenz – dies auch im fast stehenden Tempo.

Chefdirigent Dennis Russel Davies und das Sinfonieorchester Basel rücken in ihrer soeben erschienenen Einspielung von Schuberts C-Dur-Sinfonie das einleitende Andante in die Nähe eines Adagio. Und doch sind diese ersten Takte, die ins «Allegro ma non troppo» überführen, von berührender Poesie.

Davies gestaltet das Eingangs-Andante als eine Art Kontemplation, in der er die Verdichtung, Verarbeitung des Themas präzis und klangschön aufbaut. Mit dem Allegro beginnt die Wanderung, es führt leichten Schrittes durch die Schönheiten schubertscher Landschaften, anregend in der Agogik und in der geschmeidigen Melodik von Oboen, Klarinetten und Flöten.

Postromantisch, doch durchdacht

Davies schaut von der Spätromantik – gleichsam von Bruckner aus – auf Schuberts Meisterwerk von 1826. Bruckner hatte erkannt, dass die ausladende viersätzige C-Dur-Sinfonie der Gattung einen neuen, eigenen Weg wies – einen romantischen und damit anderen als den Beethovens.

Davies’ postromantischer Zugriff ist deshalb eine mögliche Lesart, die auch eine lange Tradition hat. Nur geht hier das Vorwärtsdrängende, Ungestüme in Schuberts Musik verloren, das wir in den auf der historisch informierten Aufführungspraxis bauenden Interpretationen erleben.

Die C-Dur-Sinfonie dauert bei Davies und dem SOB mit 62 Minuten auch knapp vier Minuten länger als zum Beispiel auf der frühen «historischen» Aufnahme von 1990 mit Roger Norrington und den London Classical Players. Sie lesen die Sinfonie aus ihrer Entstehungszeit heraus.

Bei Davies und dem SOB klingt Schubert schwerer, mächtiger. Aber der Chefdirigent baut die Sinfonie dramaturgisch durchdacht auf, hat stets das Ganze im Blick und formt plastisch die einzelnen Themen, deren Durcharbeitungen und Seitenwege. Wie selbstverständlich lässt er jede Wiederholung spielen.

Schönheit und Melancholie

Im zweiten Satz «Andante con moto» wählt Davies ein wirklich marschierendes Tempo. Schönheit paart sich mit Melancholie. Hier faszinieren gerade die Streicher und Holzbläser durch ihre transparente und beseelte Klanggestaltung. Die Posaunisten fügen sich sensibel und doch markant in den Gesamtklang ein.

Tänzerisch und zügig strukturiert erklingt das Scherzo. Die Details sind elegant und in bewegender Melodik herausgearbeitet. Das Trio im Scherzo ist von erlesener Schönheit.

Im Finale schliesst Davies richtigerweise hörbar an den Eingangssatz an. Zauberhaft schwingen sich die Holzbläser – gerade die Oboen – über das kompakte Blech und die tragenden Streicher. Davies setzt die immer neuen Verschlingungen unter Spannung – bis zum mächtig aufgeschichteten Schlussakkord.

Seine Interpretation auf der im Juni 2013 live eingespielten CD baut zwar auf traditionellem Ansatz, ist aber eigenständig und musikalisch schlüssig durchgestaltet. Das SOB entfaltet seine Klangqualitäten aufs Schönste. So bleibt uns Schuberts Melodik im Kopf hängen.

Auf die Nummerierung gehen wir hier nicht ein und überlassen die Diskussion der Wissenschaft: Bei Davies ist die grosse C-Dur-Sinfonie die achte, auf anderen Aufnahmen fungiert sie als die neunte.

Franz Schubert Symphony No. 8, «Grosse C-Dur-Sinfonie». Sinfonieorchester Basel, Dennis Russell Davies. Label SOB 2013.

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