Hartmannswillerkopf
Franzosen und Deutsche kämpften auf eigenem Boden

In den Südvogesen wurde ein neues, hochmodernes Museum zum Ersten Weltkrieg eröffnet. Das Elsass war ein Zankapfel zwischen Deuschland und Frankreich. Es ist das erste derartige deutsch-französische Projekt und befindet sich bei einer Gedenkstätte.

Peter Schenk
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Historische Ausstellung zum Ersten Weltkrieg auf dem Hartmannswillerkopf
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Die Historiker Nicolas Offenstadt (links) und Gerd Krumeich haben die Ausstellung konzipiert.
Historische Ausstellung zum Ersten Weltkrieg auf dem Hartmannswillerkopf
Historische Ausstellung zum Ersten Weltkrieg
Granaten in der Ausstellung.
Blick in die Krypta.
Altar auf dem Hartmannswillerkopf.

Historische Ausstellung zum Ersten Weltkrieg auf dem Hartmannswillerkopf

Peter Schenk

Heute weht vor der nationalen, französischen Erinnerungsstätte zum Ersten Weltkrieg am Hartmannswillerkopf in den Südvogesen auch die deutsche Fahne. «Vor 20 Jahren wäre das noch ein Problem gewesen», berichtet Gilbert Wagner. Seit vielen Jahren kümmert er sich ehrenamtlich um den Unterhalt, Führungen und den Empfang der Besucher.

Je nach Quelle 15 000, 25 000 oder gar 30 000 deutsche und französische Soldaten sind hier im Ersten Weltkrieg gefallen. «Menschenfresser» oder «Berg des Todes» nannten sie den Felsvorsprung, der auf 956 Metern die südelsässische Rheinebene überragt. Seit dem 3. August gibt es in einem sogenannten Historial eine neue, hochmoderne Dauerausstellung zum Ersten Weltkrieg und dem Hartmannswillerkopf zu sehen.

Es war eine Frage der Ehre

Das Elsass gehörte bis 1871 zu Frankreich, seit dem Deutsch-französischen Krieg 1870/71 aber zum Deutschen Reich. «Das Besondere am Hartmannswillerkopf war, dass hier beide Nationen auf dem eigenen Boden kämpften. Das erklärt auch die Härte der Kämpfe», sagt der deutsche Historiker und Spezialist des Ersten Weltkriegs Gerd Krumeich. «Es war eine Frage der Ehre: Wem gehört das Land?

Das Symbol war die Spitze des Berges. Ausserdem dominierte man von hier die Rheinebene und kontrollierte die Strassen der Umgebung.» So wurde im Frühjahr 1915 die Bahnlinie nach Colmar beschossen. 1915 gab es ein ständiges Hin und Her mit wechselseitigen Eroberungen und Gegenattacken. Danach entwickelte sich die Auseinandersetzung vor allem zum Stellungskrieg in befestigten Schützengräben. Zieht man Bilanz hat sich die Front im Grunde nur um wenige Meter verschoben.

45 dreisprachige Informationstafeln auf dem Rundweg

Das französische nationale Denkmal am Hartmannswillerkopf wurde von 1924 bis 1932 in aufwendiger Handarbeit gebaut. Es ist eines von vier nationalen Denkmälern zum Ersten Weltkrieg. Von 2009 bis 2012 wurde es für 2,4 Millionen Euro restauriert. Dazu gehört eine Krypta, die 17 Meter unter der Erde liegt, und auf die von der Strasse her ein 80 Meter langer Weg wie ein Schützengraben zuläuft. Unter einem Bronzeschild liegen die Gebeine von unbekannten französischen, aber auch deutschen Soldaten. Auf einer Plattform überragt ein Altar den Soldatenfriedhof mit 1256 Gräbern französischer Soldaten.

Unterhalb des Grabfelds beginnt ein 4,5 Kilometer langer Rundgang über das Schlachtfeld, der zum Gipfel des Hartmannswillerkopfs ansteigt. 2013 und 2014 wurden die Wege gekennzeichnet sowie Mauern und Unterstände befestigt. Es können um die 150 Orte besichtigt werden, die seit dem Ersten Weltkrieg praktisch unverändert erhalten blieben.

45 Informationstafeln erläutern auf Französisch, Deutsch und Englisch Verteidigungs- und Befestigungsanlagen, das Alltagsleben der Soldaten, die eingesetzten Waffen sowie die Kommunikations- und Kommandostrukturen. Die Kosten beliefen sich insgesamt auf 460 000 Euro. Der Rundweg verläuft in Form einer Acht. Die erste Schleife folgt den französischen und deutschen Frontlinien, die zweite den deutschen Frontlinien bis zu einem Kreuz.

Für die Besichtigung, die anderthalb bis zwei Stunden dauert, gibt es die mobile App «Vogesenfront 14 – 18» kostenlos im App Store und auf Google Play. (psc)

Krumeich hat die Ausstellung zusammen mit seinem französischen Kollegen Nicolas Offenstadt konzipiert. Es ist das erste derartige gemeinsame Projekt von Deutschen und Franzosen zum Ersten Weltkrieg. «Wir mussten dafür einen Mittelweg finden und den Krieg aus beiden Blickrichtungen zeigen.

Wirkliche Probleme gab es aber nicht», erläutert Offenstadt. Die Bedeutung des Historials wurde dadurch betont, dass die damaligen Präsidenten François Hollande und Joachim Gauck am 3. August 2014 den Grundstein dafür legten. Die offizielle Einweihung ist für den 10. November diesen Jahres geplant – wer daran teilnimmt, ist allerdings noch nicht bekannt.

Das Historial hat 4,8 Millionen Euro gekostet. Die Dauerausstellung ist mit 500 Quadratmetern der zentrale Teil im knapp 1000 Quadratmeter grossen Gebäude. Dazu kommen noch 250 Quadratmeter für Wechselausstellungen sowie ein Empfangsbereich mit einem Museumsshop, wo man auch einfache regionale Speisen essen kann.

Die Dauerausstellung besticht durch Aufbau und Didaktik – sieben interaktive Säulen ermöglichen dem Besucher zudem, sich per Touch Screen Informationen wie über die Vogesenfront oder die deutsche und französische Ausrüstung zu informieren. An einer Säule kann man Informationen zu den 7200 registrierten toten Soldaten abfragen.

Bezeichnenderweise stammten lediglich 50 aus dem Elsass. Da sie als politisch unsicher galten, wurden sie an anderen Fronten eingesetzt. Zu sehen ist auch das Modell einer Seilbahn, die die deutsche Armee für die Versorgung ihrer Truppen gebaut hat.

Der Erste Weltkrieg war der erste Konflikt, zu dem es massenhaft Berichte einfacher Soldaten gab. Auf derartige Originalzitate, die in einen Dialog zueinander treten und abwechselnd von Deutschen und Franzosen gesprochen werden, stösst man im eigentlichen Highlight der Dauerausstellung. In einem kleinen Rundbau, in dem es relativ dunkel ist, werden zusätzlich Szenen aus dem Alltag des Kampfes um den Hartmannswillerkopf als schwarz-weisse Projektionen an die runde, breite Leinwand geworfen.

Auf einem kleinen reliefartigen Nachbau der Vogesen, der sich davor befindet, wird gezeigt, wo man sich jeweils befindet. Dazu hört man die Stimmen aus dem Off mit Sätzen wie «Jede Sekunde entgeht man dem Tod nur knapp» oder «Seit dem 4. Januar 1915 versuchen wir, den Gipfel wieder einzunehmen.» Ein Franzose berichtet: «Manchmal waren die deutschen Linien so nahe, dass wir gehört haben, wie sie Akkordeon spielten.»

Um den Bau herum läuft aussen ein Graben. Dort ist der Eingang in einen Unterstand ebenso zu sehen wie viele Gegenstände, die auf dem Schlachtfeld ausgegraben wurden. Zum Teil riesige Granaten verdeutlichen, wie es dazu kam, dass im Ersten Weltkrieg nur 20 bis 30 Prozent der Soldaten durch Schüsse, aber 60 bis 70 Prozent durch Granaten verletzt wurden. Messer- oder Bajonettverletzungen spielten nur noch eine geringfügige Rolle.

Gebirgskrieg der Spezialisten

Auch am Hartmannswillerkopf wurden an manchen Tagen, um einen Angriff vorzubereiten, unzählige Granaten abgefeuert. Dennoch sei es keine «Massenschlacht» gewesen, betont Krumeich. «Es war ein Gebirgskrieg der engagierten Spezialisten, der Gebirgsjäger.»
In die Dauerausstellung führt ein fünfzehnminütiger Film ein. Er fasst die Geschichte der Vorkriegszeit zusammen und erklärt die Entstehung des Ersten Weltkriegs.

Wer sich mit der Vorkriegszeit nicht beschäftigt hat, dürfte allerdings Mühe haben, dem schnellen Rhythmus des Filmes zu folgen. Irritierend wirkt die unnatürliche Betonung der deutschsprachigen Textteile, aber das bleibt der einzige Kritikpunkt an einer ansonsten rundum gelungenen Ausstellung.

Historial Hartmannswillerkopf Auf Französisch heisst der Berg Vieil Armand. Anfahrt von Basel mit dem Auto ungefähr eine Stunde (in der Regel kein öV) über Uffholtz bei Cernay auf die Route des Crêtes, geöffnet April/Mai bis 12.11.
www.memorial-hwk.eu