Porträt
Frau Schopfer und ihr Coop: «Ich musste immer wieder beschwichtigen, dass wir keinen Lieferengpass haben»

Gaby Schopfer arbeitet seit 45 Jahren als Verkäuferin im Klybeck Coop. An ihre Pensionierung denkt sie nur ungern.

Samanta Siegfried
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Gaby Schopfer arbeitet bereits seit 45 Jahren als Verkäuferin bei Coop. «Ou Gopf», sagt sie beim Gedanken an die Pensionierung.

Gaby Schopfer arbeitet bereits seit 45 Jahren als Verkäuferin bei Coop. «Ou Gopf», sagt sie beim Gedanken an die Pensionierung.

Kenneth Nars

Wenn Gaby Schopfer ihre Schicht beginnt, macht sie als erstes die Kasse bereit. «Ihre Kasse», wie sie betont, die erste in der Reihe, ganz aussen links. Damit sie genügend Zeit hat, kommt sie immer eine dreiviertel Stunde vor der Arbeit in den Klybeck Coop, der nur wenige Meter von der Dreirosenbrücke entfernt im Kleinbasel liegt. Dann fängt sie an, alles zu reinigen, wischt die Kasse sauber, desinfiziert das Kartenlesegerät, stellt die Körbe an ihren Platz zurück.

Von da an sitzt sie viereinhalb Stunden an der Kasse; aufgrund von chronischen Rückenbeschwerden darf sie nicht länger am Stück arbeiten. Wer im Basler Matthäusquartier einkaufen geht, muss ihr schon begegnet sein. Der Frau mit den lockigen kurzen Haaren und der kräftigen Stimme. Seit 31 Jahren scannt Gaby Schopfer hier die Ware von Kundinnen und Kunden über das Förderband, fünf Tage die Woche.

«Ich glaube, viele spürten eine Art Panik»

Am Eingang vor der Tür klebt derzeit ein Transparent aus einer leeren Pizzaschachtel: «Immer für uns da – herzlichen Dank», steht darauf in geschwungener Schrift aus Wasserfarben. Darunter drei gebastelte Figuren, die Notenblätter in den Händen halten und ein Ständchen andeuten. Es ist ein Geschenk von Kunden, die ihre Dankbarkeit dem Personal gegenüber ausdrücken wollen. Die Geste ist Teil der Solidarität, die durch die Coronakrise hervortritt und ein Licht auf Arbeiten wirft, die bis vor kurzem für selbstverständlich erachtet wurden.

Auf einmal beginnen wir uns zu fragen: Wer sind die Menschen die uns zu jeder Tageszeit mit frischen Lebensmitteln versorgen? Und wie erleben sie uns in der Coronakrise?

«Der Laden läuft immer gut», sagt Schopfer. Wir treffen uns an ihrem freien Tag in einem Büro der Coop-Geschäftsstelle im Gundeli. Schopfer trägt eine weisse Bluse, dazu hellroten Lippenstift. «Im Sommer decken sich die Leute für eine Grillade am Rheinufer ein, im Winter läuft das Festtagsgeschäft.» Aber so voll wie in den Wochen nach dem Lockdown hat auch Schopfer den Coop noch nie erlebt. «Ihren» Coop, wie sie gerne sagt.

«Ich glaube, viele spürten eine Art Panik», sagt sie. «Ich musste immer wieder beschwichtigen, dass wir keinen Lieferengpass haben.» Man habe sich eben zuerst an die neue Situation anpassen und mehr Personal aufstocken müssen. Währenddessen trieben Selfies von leergeräumten Regalen noch mehr Menschen in die Läden. «Ich weiss nicht, wie viel Toilettenpapier in dieser Zeit über meinen Ladentisch ging, auch fragten auf einmal alle nach Mehl und Hefe.» Als es an einem Vormittag tatsächlich keine Hefe zu kaufen gab und eine enttäuschte Kundin zurückliess, hat Schopfer der Dame nach Feierabend von zu Hause ein Päckchen Trockenhefe in den Briefkasten geworfen. Sie wohnt in Kleinhüningen und ist auch privat im Quartier verwurzelt. «Ich wusste, wo sie wohnt, und dass sie gerne Pizzateig bäckt.»

Frau Schopfer kennt fast alle Kinder mit Vornamen

Denn Gaby Schopfer kennt ihre Kundinnen und Kunden. «Der Kontakt mit den Menschen ist das, was mich an dem Beruf schon immer gereizt hat.» Vor allem hier im Kleinbasel, wo ein breiter Mix der Bevölkerung lebe. Sie schwatze eben gerne. Ein «Hallo, wie gohts, wie hämmers hüt?», liege eigentlich immer drin. «Man kennt sich hier», zum Beispiel die Strassenwischer, die jeden Tag ihr Znüni einkaufen.

Am meisten Freude bereiten ihr die Begegnungen mit Kindern. «Ich kenne fast alle Kinder beim Vornamen.» Manche schenken ihr Zeichnungen, die sie Zuhause aufbewahre. «Wenn man aufmerksam ist und ihnen eine Frage stellt, dann kommt so viel zurück.» Und Schopfer fragt gerne: Wie war es im Kindergarten? Wohin geht ihr in die Ferien? Warum bist du heute so traurig? «Gestern habe ich einen Bub auf den Unterricht Zuhause angesprochen, worauf er wenig begeistert zurückgab: Meine Eltern sind beide nicht gut in Mathe.» Diese Begegnungen bringen Schopfer zum Lachen.

Seit dem Lockdown habe sich die Stimmung schon etwas verändert. So müsse man die Leute öfters auf die Abstandsregeln hinweisen. Etwas, das Schopfer nichts ausmache. «Man muss die Anweisungen nur gut verkaufen können, dann klappt das», meint sie.

Doch auch die Wertschätzung sei grösser, wo würden die Kundinnen und Kunden in letzter Zeit auch öfters Danke sagen und ihnen Pralinen schenken. Sie selber habe keine Angst vor dem Virus, schliesslich sei sie gut geschützt, mit Handschuhen, Plexiglas und Mundschutz. «Damit kann man zwar nicht mehr so gut plaudern, aber ich mache es trotzdem noch.»

Schopfer arbeitet bereits ihr ganzes Erwerbsleben bei Coop, seit 45 Jahren. Bereits während der Schule hat sie in einer Filiale ausgeholfen und Waren ausgepackt. Die Lehre absolvierte sie in einem «Allgemeinen Consumverein» (ACV) im St. Johann, wie der Coop in Basel früher noch hiess. Eigentlich wollte sie Schneiderin werden. «Aber wir waren sechs Kinder und die Ausbildung in Liestal war unter diesen Umständen nicht möglich», sagt Schopfer. Und sie habe schon immer gerne «verkäuferlet».

Von alten Kassen bis zum «Self-Check-Out»

Damals war noch vieles anders. «Es gab im Laden eine Käsetheke, eine Metzgerei, eine Patisserie und eine bediente Gemüseabteilung», erzählt Schopfer. Die Ware wurde vom Personal abgewogen und der Preis von Hand auf die Tüte geklebt. «Wir hatten eine riesige Kasse die noch «tätsch-und dring» gemacht hat», sagt Schopfer und lacht. «Das war schon schön.» Aber sie sei nicht der Typ, der alten Zeiten hinterher trauert. Man müsse mit der Zeit gehen, man gewöhne sich eigentlich an alles. «Die Welt ist halt schneller geworden und das merkt man auch bei uns.»

Und was, wenn ihre Tätigkeit irgendwann durch eine Selbstbedienungskasse ersetzt wird? «Solange mindestens eine bediente Kasse stehen bleibt und ich daran arbeiten darf», antwortet sie. Man glaubt es Schopfer, wenn sie betont, wie gerne sie arbeite und auch der Stolz, in ihrer Filiale so verwurzelt zu sein, ist unschwer zu erkennen.

Ihr sei es einfach ein Anliegen, dass die Kundschaft auch künftig die Wahl hat, wie sie bezahlen will. Schliesslich gebe es auch solche, die Hilfe bräuchten, ältere Menschen, denen sie das Geld aus dem Portemonnaie zählen müsse oder solche im Rollstuhl. Oder eben jene, die es schätzen, einen Schwatz zu halten. Anders als in vielen anderen Filialen gibt es im Klybeck Coop bisher keine einzige «Self Check-out»–Kasse.

Vielleicht wird Gaby Schopfer auch keine mehr erleben. In einem Jahr und zehn Monaten wird die 61-Jährige pensioniert. «Ou Gopf», sagt Schopfer bei dem Gedanken daran, und wird einen Moment lang still. Der Klybeck-Coop sei ihr Laden, ihre Kasse, ihre Kundschaft. «Ich weiss nicht, wie das werden soll. Ich weiss es nicht.» Sie versuche, noch nicht daran zu denken, und vielleicht mache sie ja noch ein Jahr länger. Andererseits, fügt Schopfer nach einer Pause an: «Verdient habe ich es eigentlich schon.»