«Die Schweiz hat am 14. Juni die grösste Demonstration erlebt, die es in dem Land je gab», hiess es in einer Medienmitteilung des Gewerkschaftsbundes vom 15. April 1991. Damals gingen eine halbe Million Frauen auf die Strasse und sprachen sich für die umgehende Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau aus.

«Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit» forderten sie. Nur zehn Jahre zuvor war der Gleichstellungsartikel in die Bundesverfassung aufgenommen worden – in der Praxis machte sich davon allerdings nichts bemerkbar. Deswegen stiess der Streikaufruf des Gewerkschaftsbundes auf fruchtbaren Boden.

«Wenn Frau will, steht alles still»

Auf die Brust knöpften sich die Frauen lilafarbene Anstecker, auf denen der Slogan «Wenn Frau will, steht alles still» zu lesen war. Der Satz erinnert an den Auszug aus einem Gedicht von Georg Herwegh: «Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.» Im Aargauischen Baden, so berichtet die «Sonntagszeitung», seien Demonstrantinnen in schrillem Aufzug mit Trillerpfeifen im Mund und lilafarbenen Tüchern über den Schultern in eine Migros-Filiale marschiert. Zwischen Tiefkühlregalen und Peperonischachteln stellten sie ihre mitgebrachten Liegestühle auf und verteilten im Liegen Flugblätter an einkaufende Kunden und suchten das Gespräch mit den Verkäuferinnen.

Es war kein normaler Streiktag. In der ganzen Uhrenindustrie wurde die Arbeit zeitweise niedergelegt – in Spitälern, Schulen und Kleinbetrieben sei die Arbeit sogar ganztäglich ausgefallen. Die grosse Teilnahme an der Kundgebung übertraf alle Erwartungen: In den grösseren Städten nahmen rund 200 000 Frauen an der Demonstration teil, allein im Zürcher Unispital legten über 500 Angestellte eine Protestpause ein. In allen Städten des Kantons Neuenburg läuteten die Kirchglocken, im Spital in Vevey kamen die Krankenschwestern in Männerkleidung zur Arbeit, in Lausanne inspirierte der «appel à la grève» die Briefträgerinnen zu einem Streich um ein Wortspiel: «la grève» bedeutet auf Französisch auch «Ufer», deswegen schütteten die Postangestellten an der Avenue d’Ouchy Sand auf und schmückten ihn mit Sonnenschirmen, unter denen sie den Rest des Tages friedlich verweilten.

Die «Wochenzeitung» berichtet, dass bereits am 14. Juni ein erster – allerdings nur sprachlicher – Erfolg bekannt gegeben werden konnte: Die Krankenschwestern der Basler Spitäler durften ab diesem Tag zwischen den Anreden «Schwester» und «Frau» wählen. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur AP ergab, dass sich zehn Jahre nach der Aufnahme des Gleichstellungsartikels in der Verfassung die Arbeitgeber grundsätzlich gegen eine Gleichstellung in den Unternehmen äusserte. Eine Durchsetzung der Lohngleichheit kam für sie nicht infrage. Es ist wohl kaum erwähnenswert, dass noch heute die Lohngleichheit nicht erreicht wurde.

Zum grossen Demonstrationszug führen am Wochenende die Ständerätin Anita Fetz und Alt-Grossrätin Yolanda Cadalbert durch die Strassen von Basel. Auf einem einstündigen Spaziergang erinnern sie an die Engagements der vielen, unermüdlich für die gleichen Rechte kämpfenden Kundgeberinnen und führen durch die Geschichte des Frauenstreiks. Die Teilnahme am Spaziergang ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Zeitpunkt des Spaziergangs: Sonntag, 14. Juni; Sonntag, 30. August, jeweils um 11 Uhr. Treffpunkt: Mittlere Brücke bei der ruhenden Helvetia-Statue.