Müllentsorgung

Fredy Dinkel: «Recyceln allein genügt nicht»

Fredy Dinkel

Fredy Dinkel

Der Basler Umweltberater Fredy Dinkel steht dem Plastikrecycling skeptisch gegenüber. Worauf es beim Umweltschutz ankommt, hat Fredy Dinkel im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» erläutert.

Mit seiner Studie machte sich Fredy Dinkel bei gewissen Recycling-Firmen keine Freunde. Im Sommer 2017 kam der Umweltberater der Firma Carbotech zum Schluss, dass Plastikrecycling der Umwelt kaum etwas bringe. Im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» sagt Dinkel, worauf es beim Umweltschutz ankommt.

Herr Dinkel, sind Sie gegen Kunststoffrecycling?

Fredy Dinkel: Nein ich bin überhaupt nicht gegen das Rezyklieren von Kunststoffen. Wie unsere Studie gezeigt hat, führt es zu einem positiven Umweltnutzen. Jedoch hängt dieser sehr stark davon ab, welche Kunststoffprodukte rezykliert werden. Zudem gibt es viel relevantere Möglichkeiten, die Umwelt zu schonen. In der Schweiz ist es ja nicht so, dass der Kunststoff sonst in der Natur landet. In der Kehrichtverbrennungsanlage wird zumindest ein Teil der Energie in Form von Strom und Wärme genutzt. Bei verschmutzten Kunststoffen, solchen die aus verschiedenen Kunststoffsorten bestehen oder in kleinen Mengen anfallen, beispielsweise Joghurtdeckeli oder Plastikfolien mit Speiseresten ist Recycling schwierig und der Nutzen tendenziell gering. Das zu recyceln, macht weniger Sinn.

Die Recyclingindustrie reagierte pikiert auf Ihre Studie. Die Rede war von einem grossen Interpretationsspielraum, was die Effizienz von Kunststoffrecycling angehe.

Es ist ein komplexes System, eine exakte Wahrheit gibt es nicht. Aber selbst das Gegengutachten, das in Auftrag gegeben wurde, kommt zum gleichen Schluss wie wir, was den ökologischen Nutzen des Kunststoffrecyclings angeht. Also geht es nicht darum, ob die Resultate richtig oder falsch sind, sondern wie diese interpretiert werden. Ich verstehe den Standpunkt, dass man alles tun soll, was ökologisch sinnvoll ist. Aber man muss es auch in Relation zu den viel umwelt- und klimabelastenden Dingen sehen, die wir tun. Da sollten wir zuerst ansetzen.

Als Recycling-Weltmeister, als die wir Schweizer uns gerne bezeichnen, retten wir das Klima also nicht mit Recycling?

Ich erachte es auch als meine Verantwortung, das aufzuzeigen. Wenn wir sehr gut recyceln, dann sind das Peanuts im Vergleich zu den Steaks, die wir essen oder zu den Flugreisen. Wenn ich im Jahr 14 Kilo Plastik separat verwerte, das entspricht dem durchschnittlichen Verbrauch in der Schweiz, dann habe ich etwa so viel fürs Klima gemacht, wie wenn ich einmal auf ein Steak verzichte oder 100 Kilometer weniger Auto fahre. Das heisst nicht, dass man nicht rezyklieren soll. Aber es genügt nicht.

Wie entsorgen Sie? Was werfen Sie alles in den normalen Abfall, was trennen Sie?

Ich mache das, was die meisten machen: Ich trenne Papier, Karton, Metalle, Glas oder PET und PE-Flaschen, werfe Grünzeugs auf den Kompost, Batterien und Textilien entsorge ich ebenfalls getrennt. Ich beziehe die Milchflaschen vom Bauern. Aber die Joghurt-Becherli, die kommen bei mir in den normalen Abfall (lacht).

Sind in Sachen Recycling keine Fortschritte zu erwarten?

Doch, es gibt noch Aufholbedarf. Zum Beispiel bei den Elektrogeräten, den Textilien, Batterien und auch bei gewissen Kunststoffen, aber auch bei Baustoffen. Da könnte und müsste man mehr zurückholen. Ein weiteres grosses Thema ist Phosphor, der begrenzt ist und lebensnotwendig, da er entscheidend ist für das Pflanzenwachstum. Zudem wird in der Industrie die Aufbereitung und Wiederverwendung von Wasser zu einem immer wichtigeren Thema. Elektronische Geräte, aber auch moderne elektrische Motoren oder Metalle enthalten teilweise sogenannte «seltene Erden» in kleinen Mengen, was die Rückgewinnung schwierig macht.

Worauf sollte der Mensch das Augenmerk legen, wenn er umweltbewusst leben will?

Rund ein Drittel seiner Umweltverschmutzung verursacht der Durchschnittsschweizer mit seiner Ernährung. Etwa 20 bis 25 Prozent gehen fürs Heizen drauf und etwas über ein Fünftel ist die Fortbewegung. Der ganze Rest befindet sich in den letzten rund zwanzig Prozent; darunter fällt auch die Herstellung und Entsorgung von anderen Konsumgütern, davon sind die Kunststoffe wiederum nur ein sehr kleiner Teil. Dabei ist zu beachten, dass die Herstellung fast immer viel relevanter ist als die Entsorgung, unter anderem auch, weil die modernen Kehrichtverbrennungsanlagen Energie nutzen bei der Verbrennung von Abfall. Hier lässt sich also mit Recycling nur marginal etwas rausholen.

Leben Sie selbst konsequent umweltbewusst?

Es könnte noch besser sein, aber ich würde mich schon als umweltbewusst bezeichnen. Ich fahre mit dem Velo zur Arbeit, fliege nur, wenn es geschäftlich sein muss. Innerhalb von Europa fahre ich mit dem Zug. Ich esse sehr wenig Fleisch, aber ich habe Käse sehr gern – und Milchprodukte sind auch nicht gut für die Umweltbilanz. In der Fastenzeit haben meine Frau und ich die letzten Jahre vegan gegessen.

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