Frauenstrassennamen

Freiburg ehrt eine Baslerin mit einer Strasse

Was Basel lange nicht hinkriegte, schafft Freiburg: Die Stadt ehrt eine Frau mit einer Strasse.

Die Not im kriegszerstörten Freiburg war gross. In zahlreichen Briefen an die katholische Gemeinde in Basel schilderten Freiburgerinnen und Freiburger ihr Elend, schrieben von zerbombten Häusern, getöteten und vermissten Verwandten und von hungernden Kindern.

Das katholische Hilfswerk Caritas Basel eilte den Glaubensbrüdern und -schwestern zu Hilfe. Unter dem Dach der 1944 gegründeten nationalen «Schweizer Spende» organisierte sie Material- und Lebensmittelspenden für Freiburg und betrieb eine Kinderspeisung. Rund 900'000 Essensrationen wurden zwischen Februar 1946 und März 1949 an Tausende Freiburger Kinder verteilt. Franz Blum, Pfarrer von St. Clara, koordinierte die Aktion von Basel aus. Martha Walz übernahm die Leitung vor Ort und führte die Speisungen mit weiteren Helferinnen durch. Für die Aktion wurde ein eigenes kleines Barackendorf aufgebaut mit der Hänsel-Baracke für die Buben und der Gretel-Baracke für die Mädchen.

Ehrenbürgschaft zum Dankeschön

Zum Dank ernannte Freiburg Martha Walz und Franz Blum 1950 zur Ehrenbürgerin und zum Ehrenbürger. Beinahe 70 Jahre später erfährt Martha Walz nun eine weitere Ehrung. Im Freiburger Stadtteil Haslach gibt es seit Juli 2019 die Martha-Walz-Birrer-Strasse. Die Umbenennung ist das Ergebnis eines mehrjährigen kontroversen Prozesses. Der Freiburger Gemeinderat hatte 2012 eine Expertinnen- und Experten-Kommission zur Überprüfung der Freiburger Strassennamen eingesetzt.

Im Frühling 2016 empfahl diese, zwölf Strassen umzubenennen. Eine davon war die Julius-Brecht-Strasse. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Brecht hatte sich im Nachkriegsdeutschland für das gemeinnützige Wohnungswesen verdient gemacht. Er war aber bereits von 1938 bis 1945 in diesem Bereich tätig und unterstützte federführend die Vertreibung von Jüdinnen und Juden aus ihren Wohnungen.

Eine Umbenennung der Strasse war deshalb für die Kommission zwingend. Dann tat Freiburg das, was in Basel selten klappt: Die Stadt ehrt eine Frau. Eine Baslerin. Das Freiburger Stadtarchiv brachte als Alternative für Brecht Martha Walz ins Spiel. Walz stand seit 2013 auf Vorschlag der Freiburger Grünen auf einer Liste mit Namen von Persönlichkeiten, nach denen Strassen benannt werden sollen.

Bevölkerung wehrt sich gegen die Umbenennung

Die Umbenennung der Strassen ging und geht nicht geräuschlos über die Bühne. Eine repräsentative Umfrage der Badischen Zeitung ergab 2016, dass eine knappe Mehrheit von 51 Prozent gegen die Umbenennungen war. Dennoch folgte der Gemeinderat der Kommission. Folgerichtig beschloss der Kulturausschuss des Gemeinderates am 1. Februar 2018 die Umbenennung der Julius-Brecht-Strasse. Parallel lief eine Befragung der 324 Anwohnerinnen und Anwohner, die sich bei einer Rücklaufquote von 50 Prozent zu vier Fünfteln gegen die Umbenennung ihrer Strasse äusserten.

Auch die 25 Teilnehmenden einer Bürgeranhörung stellten sich im März 2018 gegen das Projekt. Sie befürchteten durch den Namenswechsel in erster Linie einen grossen administrativen Aufwand für die Stadt und sich selber. Dennoch beschloss der 48-köpfige Freiburger Gemeinderat am 24. Juli 2018 bei 14 Gegenstimmen und 2 Enthaltungen die Umbenennung in Martha-Walz-Birrer-Strasse. Die formelle Umbenennung erfolgte diesen Juli. Sechs von zwölf Strassen sind inzwischen umbenannt, bei den restlichen sechs soll dies bis März 2020 geschehen.

Martha Walz-Birrer stammte aus dem Luzerner Entlebuch. Sie war eine bestens vernetzte Katholikin. Die Bundesversammlung hatte 1891 ihren Grossvater Josef Zemp zum ersten Bundesrat der CVP gewählt. Nach ihrer Heirat 1925 mit dem Basler Industriellen und ebenfalls CVP-Politiker Josef Walz zog sie nach Basel. Sie engagierte sich in der Gemeinde, etwa im sozial tätigen Elisabethenverein der Pfarrei St. Clara oder im Katholischen Frauenbund. Dessen Präsidium hatte sie 1954 übernommen. Im gleichen Jahr schenkte die Stadt Freiburg den Baslerinnen und Baslern den Vreneli-Brunnen auf dem Claraplatz als Dank für ihre Hilfe nach dem Zweiten Weltkrieg.

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