Freiburg im Breisgau ist beliebt in der Schweiz – vor allem am Samstag bin ich regelmässig überrascht, wie viel Schweizerdeutsch dort gesprochen wird – ob es auf dem Markt, in den Geschäften oder im ICE ist, mit dem ich meist dorthin fahre. Allerdings sind nicht alle Einheimischen von den vielen Gästen begeistert. Ich habe einen guten Freund in Freiburg. Neulich war er am Samstagmorgen mit seiner Freundin Schuhe kaufen. Sie konnte sich nicht entscheiden und hat gebeten, die Stiefel zurückzulegen. «Aber kommen Sie nicht am Mittag, dann sind die ganzen Schweizer da», hat die Verkäuferin geraten.

Erst hat mein Freund sich aufgeregt und sich gesagt: «Es ist schon merkwürdig, dass man in der eigenen Stadt davor gewarnt wird, zu einer bestimmten Zeit in ein Geschäft zu kommen.» Er hat dann nachgedacht und sich an seine Heimatstadt erinnert, in der viele Geschäfte mangels kaufkräftiger Kunden geschlossen sind. Mir geht das ähnlich: Der Besuch in meiner Geburtsstadt in Schleswig-Holstein ist jedes Mal ein Schock. Seitdem die Kaserne dort geschlossen wurde, sind viele Einwohner weggezogen und ein Geschäft nach dem anderen ging zu. Dann schon lieber zu viele Besucher, haben mein Freund und ich beide gefunden.

Bei meinem letzten Besuch in Freiburg wollte ich bei einem Antiquar vorbeischauen, der vor einem Jahr in vielen Medien für Aufruhr gesorgt hat, weil er von Schweizer Kunden einen Aufschlag von 20 Prozent verlangt hat – «als symbolhafte Aktion gegen die Gier», wie er der «Badischen Zeitung» erklärte. Als ich kam, war das Geschäft zu. Ich dachte schon, er habe Pleite gemacht. Es hing aber ein Zettel mit Handynummer und Mailadresse an der Tür und ich habe ihn angerufen.

«Ich habe den Laden Mitte letzten Jahres geschlossen. Das hatte ich mir vorgenommen, wenn ich 60 werde. Ich arbeite nur noch per Internet; ich war sowie einer der Ersten, der das in Deutschland gemacht hat», erzählt mir Michael Plietzsch. Wegen seiner 20-Prozentaktion hat er Interviewanfragen aus ganz Deutschland erhalten und war in vielen Talk-Shows zu Gast. «Jetzt ist das abgeflaut“, erklärt er. Die Geschichte hat sich zu einer super Werbung für ihn entwickelt. Zustimmung kam überraschenderweise auch aus der Schweiz. „Ich habe viele Briefe bekommen, auch von Schweizer Antiquaren. Sie meinten, es wäre gut, dass das mal jemand sagt.“

Ich fahre gerne ab und zu nach Freiburg, die grosse Begeisterung vieler Schweizer Freunde und Kollegen für die Stadt kann ich allerdings nicht teilen. Irgendwie ist sie mir zu provinziell und ich ziehe Basel vor. Wolfgang Abel, ein Autor und Kolumnist, hat das mal sehr schön auf den Punkt gebracht. Ich erlaube mir, ihn zu zitieren. Er schrieb: „Freiburg ist ein Dorf an der Dreisam und Basel eine Grossstadt am Rhein.“ Kommt hinzu, dass man im Rhein  richtig schwimmen kann, während das in der Dreisam, die meist wie ein Rinnsal daher kommt, nicht möglich ist.

Die schönen Fachwerkhäuser in der Freiburger Innenstadt sind übrigens beileibe nicht so alt wie sie scheinen. Als ich in Freiburg studiert habe, war mir das auch nicht bewusst. 300 britische Bomber haben einen Grossteil der Innenstadt im November 1944 bei einem zwanzigminütigen Angriff in Schutt und Asche gelegt. Nach dem Krieg mussten die Häuser wieder aufgebaut werden. Ich räume allerdings ein: Ihrer Schönheit tut das keinen Abbruch.