Enuu

Freiheit in der Sardinenbüchse – eine Reportage aus dem fahrenden Ei

Im eierförmigen Enuu durch Basels Strassen düsen, das ist nun seit Kurzem möglich. Doch die Gefährte polarisieren nach Zürich auch in Basel. Ein Selbstversuch soll einen Einblick in die Welt der Enuus verschaffen.

Autofahren in Basel, es ist zuweilen ein Graus: Einbahnstrasse hier, Fahrverbot da. Eine einfache Besorgung verkommt in der Stadt schnell einmal zur halbstündigen Irrfahrt – und dann steht erst noch die Parkplatzsuche an. «Velofahrer müsste man sein», denke ich mir oft, wenn ich wieder frustriert hinter dem Lenkrad sitze.

Nun soll genau das möglich werden – die Vorzüge des Velofahrens in einem Auto geniessen. Naja, zumindest in einem autoähnlichen Etwas. Enuu heissen die auffälligen Elektro-Gefährte, die sich seit kurzem zu E-Trottis und E-Bikes gesellt haben, um die Mobilität auf Basels Strassen zu revolutionieren. Dabei sind sie mit diesen gleichgestellt.

Heisst: Fahren auf dem Velostreifen und auf Fahrradwegen ist erlaubt – obwohl man ein E-Auto unter sich hat. Bezahlt wird wie bei vergleichbaren Services im Minutentakt, 55 Rappen kosten sechzig Sekunden Enuu-Spass.

Das Manövrieren ist schwieriger als gedacht

Es braucht nicht viel, bis die wilde Fahrt im kompakten Hartschal-Vehikel losgehen kann. App herunterladen, Führerschein und Kreditkarte einscannen, eines der knapp 40 Enuus in Basel finden und los gehts. Dachte ich jedenfalls. Angekommen bei meinem Enuu an der Heuwaage erwartet mich die erste Krise: Das Entsperren gestaltet sich schwieriger als gedacht. Nach viel Gezerre und zweimaligem Auslösen der Alarmanlage, gelingt es mir endlich, die Tür zu öffnen.

Noch bevor ich mit meinem futuristischen Gefährt losbrause, ziehe ich also schon die ersten Blicke auf mich. Im Inneren des Enuus erwartet mich dann: nicht viel. Der E-Rollstuhl, wie die Bieler Firma ihr Produkt selbst anpreist, ist simpel gehalten.

Bis auf einen Hartschal-Sitz und eine Lenkstange, die an die eines Töffs erinnert, ist da nichts. Auch keine Klimaanlage, wie ich im Verlaufe dieses spätsommerlichen Vormittags noch schmerzlich feststellen werde. Schmerzhaft wird es indes schon beim Einsteigen, als ich mir – unvermeidbarerweise – das Knie anschlage. Es gelang mir kein glanzvoller Auftakt.

Passanten schauen dem Enuu belustigt nach

Ich zwänge also meine knapp 1,90 Meter in das winzige Mobil, kurble die Fenster herunter und fahre los. Die Steuerung ist gewöhnungsbedürftig, nach einigen Runden auf dem Zolli-Parkplatz sind mein Enuu und ich aber bereits zu einer Einheit verschmolzen. Wir brausen Richtung Theater und beobachten, wie uns die Velofahrer kritisch beäugen. «Du willst hier aber nicht auch noch parken?», fragt einer. Keine Angst, ich biege ab Richtung Barfüsserplatz – weil ich das mit meinen neuen Velo-Privilegien ja nun darf. Ich freue mich wie ein Schneekönig.

Viele Passanten schauen meinem Enuu erheitert nach und zeigen darauf – als würde ein eiförmiges Ufo an ihnen vorbeizischen. Vermutlich gebe ich einen ziemlich komischen Anblick ab, wie ich mit meinem lautlosen E-Brummi über die Strassen holpere. Wirklich gefedert sind die fahrenden Eier nämlich nicht. Fühle ich mich dabei sicher? Naja.

Aber egal: Ich mag nicht in gedankliche Worst-Case-Szenarien abdriften und setze meine Fahrt fort. Auf der Mittleren Brücke gebe ich Vollgas, geniesse bei 30 Stundenkilometern den Fahrtwind, dank dessen ich in der Sardinenbüchse ohne Klimaanlage nicht vollends eingehe und fühle mich irgendwie frei.

Die Parkplatznot stört die Basler

Doch was denken die Baslerinnen und Basler über die Enuus? Ein Grinsen aus der Ferne reicht mir nicht als Urteil. Ich muss unter die Leute. Auf der Fahrt fällt mir auf, dass vor allem die Jungen positiv auf das Gefährt reagieren – ich mache also kehrt und drehe eine Runde auf dem Petersplatz. Amüsiert geben mir einige Studenten Feedback: Lustig sehe das Enuu auf jeden Fall aus. Der Stauraum kann ebenfalls punkten «wenn man mal einkaufen geht oder so». Doch wirklich nützlich finden sie das E-Auto allesamt nicht. «Vielleicht würde ich mal eines testen, um einem Gewitter zu entkommen», scherzt eine Studentin.

Allgemein finde ich auf meiner einstündigen Ausfahrt nur gerade einige Enuu-Skeptiker und keine entschlossenen Kritiker. Viele begegnen den neuartigen Gefährten offen und amüsiert, wollen selbst einmal eine Probefahrt unternehmen. Die meisten stören sich nur an der ohnehin schon prekären Situation auf den Veloparkplätzen, die durch die Enuus noch verschlimmert wird. «Es müsste für sie ein eigenes Parking-Konzept her», meinen einige Passanten.

Klar wird: Die Enuus fallen auf, sind spassig – und sie beschäftigen. Ob die Fahrt mit ihnen nun zur langfristigen Alternative taugt, oder ob sie als Schandfleck im Stadtbild abgetan werden, muss jeder für sich selbst herausfinden. Von Knieschonern würde ich dabei zumindest nicht abraten.

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