Aufführung

Frenetischer Applaus für Lukas Bärfuss: «Julien – Rot und Schwarz» feiert Premiere im Theater Basel

Das Basler Premierenpublikum feiert die Uraufführung von Lukas Bärfuss’ Neudichtung von Stendhals Roman «Rot und Schwarz».

Am Schluss gab es für das Publikum kein Halten mehr: Frenetischer Applaus für den Autor Lukas Bärfuss, der einen packenden Theatertext geschaffen hat, für die Regisseurin und ihre Ausstatterinnen Jessica Rockstroh (Bühne) und Caroline Rössle Harper (Kostüme), die einen berauschenden Bilderreigen erfunden haben, und für das Ensemble, das den langen Abend zum kurzweiligen Ereignis machte.

Erzählt wird der fulminante Aufstieg (und tiefe Fall) des jungen Habenichts Julien in der grossbürgerlichen und adligen Gesellschaft des nachrevolutionären Frankreich. Bärfuss fokussiert in seinem Stück stark auf die Figur des Emporkömmlings, der vom ungebildeten Sohn eines Brettersägers in die gehobene Gesellschaft eintritt. Der Figur haftet etwas Geheimnisvolles an. Man mag es Julien gönnen, dass er aus den Fängen des rüpelhaften Vaters entfliehen kann. Dann aber beginnt die Undurchdringlichkeit dieses zunächst verschüchtert wirkenden jungen Manns, der sich mehr und mehr zum skrupellosen Karrieristen entwickelt, zu verunsichern. Ist der hübsche Kerl, der es spielend schafft, die Herzen aller Frauen zu gewinnen, fähig zu lieben, oder sind auch seine Liebesbezeugungen nur Teil seines Kalküls?

Der junge Schauspieler Vincent zur Linden spielt diese Unergründlichkeit trefflich und mit einer überwältigenden Bühnenpräsenz aus. Oft sieht man ihn schlaksig beiseite stehen, aber es ist spürbar, wie sich die Rädchen in seinem Kopf drehen. Wie er genau beobachtet, um im richtigen Augenblick das zu tun, was ihn die nächste Stufe auf der Karriereleiter nach oben bringt.

So richtig übel nehmen mag man es dem Emporkömmling nicht, angesichts der reaktionären Gesellschaft, in der er sich bewegt. Erst als Hauslehrer beim paranoiden Bürgermeister in der Provinz (vortrefflich: Martin Butzke), dem er die junge und hübsche, aber seelisch bereits verwelkte Gattin ausspannt.

Oder noch mehr beim Hochadel in Paris – einem Geisterhaus mit degenerierten Lackaffen (Holger Bülow, Sebastian Schulze und wiederum Martin Butzke), die nichts mehr umtreibt als der verzweifelte Versuch, den Besitzstand zu wahren.

Als Wegbegleiter von Julien ist da noch der alte Abbé (ein rührend-komischer Auftritt von Michael Gempart) zu erwähnen, der den jungen Emporkömmling mit dem Vorsatz antreibt, dessen Seele zu retten.

Gefangen im tapezierten Irrgarten

Wenn hier nur die Männer genannt werden, dann liegt es daran, dass Bärfuss und die Regie von Nora Schlocker den Frauenfiguren noch ein Stück Restmenschlichkeit gewähren. Allen voran die Gattin des Bürgermeisters (wunderbar verletzlich: Julischka Eichel), der Julien die Lebens- und Liebesgeister wieder zu erwecken vermag. Aber auch der Waschfrau Elisa (Germaine Sollberger) oder der Marquise (Friederike Wagner).

Nora Schlocker und ihr Ausstattungsteam haben ein treffliches Setting für diesen grotesken Reigen gefunden. Den Begriff Reigen kann man durchaus wörtlich nehmen, denn das ganze Geschehen spielt auf einer sich in kurzen Abständen drehenden Bühne. Zahlreiche Türen führen von einem Raum zum andern, ohne dass eine nach draussen führen würde.

Die in stilisierten Geh- und Reifröcken des 19. Jahrhunderts gekleideten Bewohner bleiben in ihren verschnörkelt tapezierten Gemächern gefangen. Dass ihre Kleider dasselbe Muster haben wie die Tapete, führt dazu, dass sie von dieser Umgebung visuell verschluckt werden, wie wenn sie konstatieren müssten, dass ihre Existenz in der aufkeimenden neuen bürgerlichen Gesellschaft am Auslaufen ist.
Der Abend dauert über drei Stunden. Manch einem Premierenbesucher hatte diese Zeitangabe vor der Aufführung Sorgenfalten auf die Stirn gezeichnet. Der stimmige Text mit den feingesponnenen und hintersinnigen Pointen, die viel Drive entwickelnde und bis ins Detail stimmige Regie und das vortrefflich agierende Ensemble sorgen aber für ein kurzweiliges Theatererlebnis erster Güte.

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