Basel

Friedrich Nietzsche wartet seit 1994 auf eine nach ihm benannte Strasse

Friedrich Nietzsche wohnte 10 Jahre lang in Basel. Eine nach ihm benannte Strasse hat er aber noch nicht erhalten.

Friedrich Nietzsche wohnte 10 Jahre lang in Basel. Eine nach ihm benannte Strasse hat er aber noch nicht erhalten.

Wo bleiben Nietzsche-Platz oder Nietzsche-Strasse? Das fragte sich die bz. Mehrere Basler meldeten sich und sagten: Ja, wo bleibt das? Ein Problem ist, dass Nietzsche ein Mann ist.

Zehn Jahre hat einer der weltweit bekanntesten Philosophen in der Stadt Basel gelebt und gewirkt, nirgends hat er sich zeit seines Lebens länger niedergelassen. Trotzdem sucht man in Basel vergeblich nach einem Nietzsche-Platz, einer Nietzsche-Strasse oder wenigstens einer Nietzsche-Gasse. Es gibt keinen Ort, der nach ihm benannt worden ist, kein Museum, kein Haus, kein Forschungsinstitut. Das sollte sich ändern. Diesem Wunsch der bz schliessen sich mehrere in Basel lebende Autoren und Philosophen an.

Immerhin: Nietzsche fungiert auf einer Liste potenzieller Namensgeber für künftige Basler Strassen und Plätze. Das sagt der Präsident der zuständigen Nomenklatur-Kommission, Kantonsgeometer Paul Haffner: «Nietzsche ist seit 1994 auf der Liste.» Das heisst: «Er kommt grundsätzlich infrage.» Eine zwanzigjährige Wartezeit erscheint einem sehr lang für einen solch prominenten Kandidaten. Aber dem Schritt von der Liste auf ein Strassenschild stehen einige Hindernisse im Weg.

Erstens: Nietzsche ist keine Frau. Im 19. Jahrhundert war das für ihn ein Vorteil, bei der Chance auf eine nach ihm benannte Strasse allerdings ist das heutzutage ein Nachteil. Frauen kamen lange zu kurz, nun werde nachgeholt, sagt Haffner. Auf dem Dreispitz entsteht beispielsweise ein Irène-Zurkinden-Platz (die berühmte Malerin stand seit 1990 auf der Liste).

Zweitens werden so gut wie nie bereits bestehende Strassen umgenannt. Die administrativen Umtriebe für die Anwohner seien diesen kaum zumutbar. Und die Stadt wächst nur langsam, an wenigen Ecken und Enden. Rund um den Rheinhafen etwa.

Die Nomenklatur-Kommission besteht aus sieben Leuten; sie werden vom Gesamtregierungsrat für jeweils vier Jahre gewählt. Sie treffen sich zu drei bis vier Sitzungen jährlich. Die möglichen Namensgeber müssen einen klaren Bezug zur Stadt Basel haben, und sie müssen bereits tot sein, wie Haffner erklärt. Deshalb käme auch der viel genannte Roger Federer – lang möge er leben – nicht infrage. In diesem Punkt ist Nietzsche im Vorteil.

«Es ist bedauerlich, dass kein Ort, kein Museum, keine Forschungsstätte in Basel an ihn erinnert. Am schönste fände ich eine Friedrich-Nietzsche-Brücke. Denn Nietzsche ist ein Brückenbauer zwischen den (philosophischen) Disziplinen, und er ist eine Brücke zur Philosophie für viele. Er war ein schwieriger Denker, im positiven und negativen Sinn; falsche Freunde haben ihn für ihre Zwecke vereinnahmt. Für mich ist er wichtig, weil er dazu ermutigt, immer wieder über das eigene Denken hinauszudenken.»

Stefan Brotbeck, Philosoph:

«Es ist bedauerlich, dass kein Ort, kein Museum, keine Forschungsstätte in Basel an ihn erinnert. Am schönste fände ich eine Friedrich-Nietzsche-Brücke. Denn Nietzsche ist ein Brückenbauer zwischen den (philosophischen) Disziplinen, und er ist eine Brücke zur Philosophie für viele. Er war ein schwieriger Denker, im positiven und negativen Sinn; falsche Freunde haben ihn für ihre Zwecke vereinnahmt. Für mich ist er wichtig, weil er dazu ermutigt, immer wieder über das eigene Denken hinauszudenken.»

«Wer war Emil Angst? In Basel gibt es zahlreiche Strassen, deren Namensgeber heute kein Mensch mehr kennt. Friedrich Nietzsche dagegen ist global wichtig und fast allen bekannt. Umso erstaunlicher finde ich es, dass bisher nichts nach ihm benannt worden. Der Theologe und Autor Carl Albrecht Bernoulli hat sich bereits in den 1920er-Jahren für eine Nietzsche-Strasse im Stadtzentrum eingesetzt, kam mit seinem Vorstoss jedoch nicht durch. Es wäre an der Zeit, das Vorhaben nun zu verwirklichen.»

Franziska Trenkle, Autorin:

«Wer war Emil Angst? In Basel gibt es zahlreiche Strassen, deren Namensgeber heute kein Mensch mehr kennt. Friedrich Nietzsche dagegen ist global wichtig und fast allen bekannt. Umso erstaunlicher finde ich es, dass bisher nichts nach ihm benannt worden. Der Theologe und Autor Carl Albrecht Bernoulli hat sich bereits in den 1920er-Jahren für eine Nietzsche-Strasse im Stadtzentrum eingesetzt, kam mit seinem Vorstoss jedoch nicht durch. Es wäre an der Zeit, das Vorhaben nun zu verwirklichen.»

«Ich wohne im selben Haus, in dem Friedrich Nietzsche einst in Basel gewohnt hat. 1869 reiste der Philosoph nach Basel. Seine feste Absicht, hier sesshaft zu werden, hat er äusserst eindrücklich bewiesen: Er gab seine preussische Staatsbürgerschaft auf. Und Jahre später, als er in Turin einen psychischen Zusammenbruch erlitt, holte ihn sein Basler Freund, der Theologe Franz Overbeck, zur Betreuung in die Friedmatt. Nietzsches Mutter reiste nach Basel, um ihn zu besuchen. Das finde ich rührend.»

Nicola Stingelin, Ethikerin:

«Ich wohne im selben Haus, in dem Friedrich Nietzsche einst in Basel gewohnt hat. 1869 reiste der Philosoph nach Basel. Seine feste Absicht, hier sesshaft zu werden, hat er äusserst eindrücklich bewiesen: Er gab seine preussische Staatsbürgerschaft auf. Und Jahre später, als er in Turin einen psychischen Zusammenbruch erlitt, holte ihn sein Basler Freund, der Theologe Franz Overbeck, zur Betreuung in die Friedmatt. Nietzsches Mutter reiste nach Basel, um ihn zu besuchen. Das finde ich rührend.»

«Basel hat eine Tradition, Persönlichkeiten im öffentlichen Raum zu ehren. Friedrich Nietzsche müsste unbedingt dazugehören. Man weiss heute, dass er durchaus in Basel gestartet ist. Und Nietzsches Philosophie ist bis heute aktuell geblieben. Er war nie tot, er wird immer wieder neu interpretiert. Mit seinem freien, wilden Denken lässt sich fast jedes Thema neu anpacken – sei es der herrschende Kontrollwahn, sei es der stärker werdende Fundamentalismus vieler Religionen.»

Martin R. Dean, Schriftsteller:

«Basel hat eine Tradition, Persönlichkeiten im öffentlichen Raum zu ehren. Friedrich Nietzsche müsste unbedingt dazugehören. Man weiss heute, dass er durchaus in Basel gestartet ist. Und Nietzsches Philosophie ist bis heute aktuell geblieben. Er war nie tot, er wird immer wieder neu interpretiert. Mit seinem freien, wilden Denken lässt sich fast jedes Thema neu anpacken – sei es der herrschende Kontrollwahn, sei es der stärker werdende Fundamentalismus vieler Religionen.»

Meistgesehen

Artboard 1