Regierungspräsident Guy Morin hat gestern Abend dem Schlagzeuger und Komponisten Fritz Hauser den Kulturpreis der Stadt Basel 2012 überreicht. Die in Basel lebende Schlagzeugerin und Komponistin Sylwia Zytynska hat in ihrer Laudatio den Künstler und sein Schaffen gewürdigt. Die bz veröffentlicht eine gekürzte Fassung der Laudatio.

«Einmal mehr hat mich das Leben überrascht und einmal mehr ist Fritz Hauser daran beteiligt. Hier im Basler Rathaus, im Grossratssaal zu stehen und über einen Künstler zu sprechen, der mir seit 30 Jahren sehr nahe steht, ist ein Geschenk.

Politik faszinierte mich immer. In meiner Jugend glaubte ich sehr fest daran, dass man mit Politik die Welt verändern kann. Heute weiss ich, nicht zuletzt dank Fritz Hauser, dass die Kunst weit mehr kann als die Politik. Sie kann nicht nur Dinge verändern, sondern vor allem kann sie den Blick auf sie formen.

Mit dem Preis an Fritz Hauser setzt die Stadt Basel ein besonderes Zeichen. Sie zeigt einmal mehr, dass hier Eigenständigkeit und Persönlichkeit gesucht sind. Fritz Hauser ist jemand, der mit seinem Mut zu einfachen Klängen, minimalen Gesten, die er in grosszügige und klar definierte Räume stellt, uns dazu bringt, innezuhalten, zuzuhören und nachzudenken.

Als ich Fritz 1983 zum ersten Mal begegnete, war ich gerade seit einem Jahr in Basel. Es war ein Geburtstagsfest. Einer der Menschen hier hat mich besonders fasziniert. Er stand eher am Rand, war gross, schwarz gekleidet und grüsste alle freundlich zurückhaltend. «Das ist sicher ein Künstler», dachte ich mir und beobachtete, wie er wiederum die Leute beobachtete.

Zum Glück kam der Gastgeber und stellte uns vor. «Hauser», sagte er. Wir, beziehungsweise vor allem Fritz, redeten lange. Er erzählte mir begeistert von seinen Projekten, von 100 Schlagzeugern, die gemeinsam im Wald spielen, vom Rauschen, von klingenden Steinen, von Lichtern, die in Töne münden, vom Klang der Stille. Ich war fasziniert von all den Gedanken, aber noch mehr von der Art, wie dieser anfänglich so unnahbar scheinende Mensch davon erzählte. Er sprach mit der Begeisterung eines kleinen Jungen und gleichzeitig der des erfahrenen Musikers, mit der absoluten Überzeugung der künstlerischen Notwendigkeit seiner Idee. Dies alles aber gemischt mit Leichtigkeit und Witz. «Das ist ein Besessener, aber ein ganz besonderer Besessener», dachte ich mir damals.

Unsere Wege trennten sich für viele Jahre. Ich spielte selbst mehr im Ausland und reiste viel in der Welt rum. Immer wieder wurde ich auf Fritz Hauser und seine Arbeit angesprochen, aber dies lustigerweise niemals in Basel. Als ich Fritz zirka zehn Jahre nach unserem ersten Treffen, wieder begegnete, lud er mich zu seinem Konzert ein. Eine Stunde kleine Trommel solo. Ich dachte, dass ich das nicht überleben werde, denn was könnte schlimmer sein als eine ganze Stunde mit einer kleinen Trommel! Aber wieder einmal wurde ich überrascht. Mit einer Maske auf dem Kopf, sass er da. Mit ungeheurer Konzentration und absoluter Selbstbeherrschung tat er, was eigentlich unmöglich erscheint. Er spielte einen Trommelwirbel, der immer langsamer wurde, und das 30 Minuten lang! So wenig und doch so unendlich viel. Ich war restlos begeistert. Spätestens ab dann wurde mir klar, was Fritz Hauser von allen anderen Schlagzeugern unterscheidet.

Wie ein Mönch, dank seiner Konzentration und Aufmerksamkeit, bringt er Sachen zum Klingen, an denen andere vorbeigehen, ohne sie zu beachten. Er adelt die einfachen Dinge und gibt ihnen dadurch ihren besonderen Wert. Seine Musik, besonders die Performance, ist immer ein Ritual. Mit einer fast zenbuddhistischen Haltung des Anti-Konsums und der Reduktion auf das Essenzielle ist er eigentlich ein guter Schweizer.

Ich erinnere mich, wie ich eine in Glas eingepackte crème brulée von der Migros zu einer Probe mitbrachte. Nachdem wir sie in der Pause mit Genuss gegessen hatten, hat er das Gläschen gewaschen und darauf mit kindlicher Freude so lange gespielt, bis er einen unvergleichbaren Klang daraus hervorzauberte.

Zu Kindern selbst hat Fritz ein eher gespaltenes Verhältnis. Als er zum ersten Mal meinen kleinen Sohn sah, sagte er: «Hab keine Angst vor mir, ich habe sicherlich mehr Angst vor dir.» Vielleicht darum beeindruckt es mich, wie er mit jungen Menschen arbeitet. Fritz verliert nie die Geduld. Mit seiner zuvorkommenden freundlich-skurrilen Distanz wendet er in brenzligen Momenten die Situation zum Guten, und dies mit Sätzen und Ideen, die man nicht unbedingt auf pädagogischen Seminaren lernt. Ich selbst habe miterlebt, wie er einmal den Finger hochstreckte und zu einem Jungen, der gerade dabei war, einen Kaugummi an das Instrument seiner Mitschülerin zu kleben, sagte: «Bist du sicher, dass du auf dem richtigen Weg bist?»

Fritz Hauser kommt unter anderem aus der Rock-Szene. Wenn man seine damaligen Aufnahmen mit der grossartigen Band «Circus» anhört, fällt auf, dass Fritzens spätere Klang-Architektur hier schon angelegt ist. Das, was damals mit Elektronik bei «Circus» gebaut wurde, hat er später zusammen mit dem Architekten Boa Baumann zu beeindruckenden Klangmaschinen weiterentwickelt. Der Raum ist für Fritz ein wichtiger Partner, er geht damit um wie mit einem Mitspieler. «Architektur ist die höchste der Künste», sagt er. Und das geht in seinen Stücken vollkommen auf.

In seiner Kunst ist Fritz Hauser äusserst diszipliniert und geordnet. Ich glaube, es wäre alles etwas zu sehr aufgeräumt, wenn er nicht seinen Humor hätte. Der Witz in seiner Musik kommt direkt aus dem Leben, ist frisch und nicht erzwungen. Gerade diese Mischung von Leichtigkeit, ja Zugänglichkeit und der Tiefe seiner manchmal so einfach wirkenden Stücke ist für mich die grosse Qualität seiner Kunst.

Die Becken stehen auf der Bühne und die Trommel, sie lachen uns an mit der Vorfreude auf die Musik. Und diese Musik kommt bei Fritz aus der Bewegung, aus dem Tun und aus der Wahrnehmung dieses Tuns. Die Kompositionen sind die Früchte seines eigenen Weges als Spieler.

Fritz Hauser ist ein Mensch, der die Sonnenuntergänge den Sonnenaufgängen vorzieht. Das wundert mich nicht. Im langsamen Fadeout des Lichtes zerfallen vor unseren Augen die Formen und die Farben und dabei werden unsere Ohren innerlich grösser, wie Fritz selbst sagt. Diese Sonnenuntergänge verpackt er in Klanghäuser, Klangräume, Klangbilder, die einen mit ihrer Einfachheit verzaubern und die Möglichkeit geben, uns selbst dort zu begegnen.»

Sylwia Zytynska, mehrfach ausgezeichnete Schlagzeugerin und Komponistin, leitet im Gare du Nord die Gare des Enfants; hier bringt sie zeitgenössische Musik unter Kinder. Und sie ist in der Programmgruppe von Festival Rümlingen.