Schäferstündchen

Fromme Wünsche und infantile Politik

Mit den 110 Millionen Franken Mehrkosten hätte man für den Betrieb des Münsterkiosks gebrauchen können. (Archivbild)

Mit den 110 Millionen Franken Mehrkosten hätte man für den Betrieb des Münsterkiosks gebrauchen können. (Archivbild)

«Ich wollte was werde, es ist nichts geworden, das lag zum Teil an der Realität», singt der Liedermacher Funny van Dannen. Der Mensch neigt zu unrealistischen Erwartungen, ein klassischer Denkfehler. Unrealistische Erwartungen und Wünsche beeinflussen das Glücksgefühl negativ, weil sie meist unerfüllt bleiben. Das ist hinlänglich bekannt und wurde von Verhaltenspsychologen verschiedentlich bewiesen. Trotzdem hat das Wünschen dieser Tage wieder Hochkonjunktur.

Die Innenstadt ist voll mit Leuten, die Quartiere sind voll mit Lieferwagen. Ob online oder im Laden, emsig wird gekauft, um sich oder anderen Wünsche zu erfüllen, um sich oder andere glücklich zu machen. «Wir kaufen vieles, ohne es je zu konsumieren», weist der Soziologe Hartmut Rosa auf einen weiteren typischen Denkfehler hin, der letzten Endes unglücklich macht. Apropos: Verzicht als Antwort auf die Klimafrage? Das bleibt ein frommer Wunsch im 2019, in dem «Klimajugend» zum Wort des Jahres gewählt wurde.

Über 500'000 Wünsche wurden seit 1993 von Einwohnerinnen und Einwohnern ins Basler Wunschbuch geschrieben, das jeweils in der Adventszeit im Innenhof des Basler Rathauses aufliegt und für den Rest des Jahres 1,8 Laufmeter im Staatsarchiv Basel-Stadt belegt. Wunschlos glücklich scheint hingegen der Kanton. Zumindest vermittelte der Grosse Rat in der vergangenen Woche diesen Eindruck, als er in Abwesenheit der Finanzdirektorin das Budget 2020 verabschiedete.

Bei einem Betriebsaufwand von über vier Milliarden Franken wurde einzig über einige Kürzungsanträge in der Höhe von ein paar zehntausend Franken diskutiert. Grundsätzlich ist zu begrüssen, wenn es Politikerinnen und Politiker gibt, die auch in Zeiten voller Kassen das Wort «sparen» buchstabieren können. Aber die von bürgerlichen Kleinkrämern gestellten Anträge tragen mehr zur Infantilisierung der Politik bei als zu einem ausgeglichenen Haushalt.

Im Vorzimmer des Grossratssaales gaben andere Zahlen zu reden: Der Neubau des Biozentrums der Universität Basel, in dem künftig 600 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen werden, verursacht Mehrkosten von bis zu 110 Millionen Franken. Deshalb soll erstmals seit über 15 Jahren wieder eine Parlamentarische Untersuchungskommission eingesetzt werden. Der Kirche fehlen 50'000 Franken jährlich für den Betrieb des Münsterkiosks. Deshalb soll eine tageweise Schliessung des Basler Münsters geprüft werden, dessen 1000-Jahr-Jubiläum dieses Jahr gross gefeiert wurde.

So wenig sich die Zahlen vergleichen lassen – mit 110 Millionen Franken könnte man den Münsterkiosk für die kommenden 2200 Jahre betreiben –, so sehr sorgen die Geschichten dahinter für Irritation. Beide hält man kaum für möglich in Basel-Stadt, wo derart Wert gelegt wird auf Tradition wie auf Innovation. Mit Blick auf die kulturelle Vergangenheit und die wirtschaftliche Zukunft wünscht man sich das anders. Auf die Gefahr hin, dass die Wünsche unerfüllt bleiben.

Meistgesehen

Artboard 1