Aufschieben ging nicht mehr. Am 21. März hatte Francis A. aus Basel in der bz von der auslaufenden Anmeldefrist für den Solidaritätsbeitrag erfahren. Der 86-Jährige war Verdingbub, hat somit ein Anrecht auf die Entschädigung. Die Frist, sich zu melden, ging Ende März zu Ende. Am Donnerstag, 29. März, beschlossen Francis A. und seine Frau, einen Antrag einzureichen. Da der 30. März Karfreitag war, musste die Anmeldung spätestens am Vortag eingetroffen sein. Francis A. schaffte es gerade noch.

300 Millionen Franken hatte der Bund bereitgestellt für den Solidaritätsfonds für ehemalige Verdingkinder, Fremdplatzierte und Zwangsversorgte. Um ein Gesuch zu stellen, reichte es in einem ersten Schritt, bei der jeweiligen kantonalen Sammelstelle die Personalien zu hinterlassen. Doch warum haben Herr und Frau A. so lange gewartet mit dem Gesuch? War es Scham? Oder das Gefühl, man habe das Geld halt doch nicht zu gut?

Die beiden sitzen am Stubentisch ihrer hellen Wohnung im Basler Bachletten-Quartier. Es riecht nach Reinigungsmitteln, die Putzfrau ist da. Francis A. warnt gleich zu Beginn des Gesprächs: Er habe nicht allzu lange Zeit. Der pensionierte Bankangestellte will noch zum wöchentlichen Jass.

Auf Bauernhof geknechtet

«Wir haben lange darüber gesprochen, ob ich mich tatsächlich melden soll», erzählt der rüstige 86-Jährige. «Zuerst war ich der Meinung, dass ich diese Geschichte besser ruhen lassen will.»

Die Ehefrau nickt. Der entscheidende Anstoss sei von ihr gekommen, sagt sie: «Er hat seine ganze Kindheit und Jugend lang gekrampft, dafür aber nie auch nur einen Rappen erhalten. Ich kam zum Schluss, dass er die Entschädigung einfach zu gut hat – auch moralisch.»

Knapp wurde die Zeit auch deshalb, weil das Ehepaar beim Entscheid, aktiv zu werden, die bz mit den Informationen zur Anmeldung nicht mehr zur Hand hatte – jenes Exemplar lag im bereits entsorgten Altpapier. Kurzerhand rief Frau A. bei der Redaktion an, um die Adresse der regionalen Registrierungsstelle in Erfahrung zu bringen. Am Nachmittag des 29. März gingen die beiden bei der Opferhilfe beider Basel vorbei – auch andere Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen warteten sehr lange zu mit der Anmeldung (siehe Kasten). Insgesamt zählte die Opferhilfe 389 Gesuche.

Über die Herkunft von Francis A. ist wenig bekannt. Er wurde 1931 in Genf geboren, als uneheliches Kind. Als er fünf Jahre alt war, kam er in ein Kinderheim im Kanton Aargau. Der französischsprachige Bub verstand lange kein Wort. Mit zwölf brachten ihn die Behörden zu einem Ehepaar in einem Bergdorf in Vasön, Kanton St. Gallen. Dort musste der Bub im Bauernbetrieb mitanpacken. Lohn erhielt er keinen. «Ich war einfach ein billiger Knecht.»

Seine Gast-Eltern waren kinderlos, ihr Sohn war verstorben. Mit dem kleinen Francis gingen sie nicht zimperlich um. Er sei meist ohne Znacht ins Bett gegangen, habe aber immer wieder Essen in sein Zimmer schmuggeln können. Auch solches, das für die Tiere bestimmt war. «Mein Vorgänger», sagt Francis A., «war an einer Lungenentzündung gestorben. Man hätte ihm wohl helfen können, aber  für einen Verdingbub wollte man doch keinen Arzt kommen lassen.»

Eines Tages schaute dafür die Polizei beim Hof vorbei. Francis wurde abgeholt. Er hatte sich heimlich für eine Lehre als Käser angemeldet. Als die Gasteltern davon erfuhren, wollten sie ihre billige Arbeitskraft nicht ziehen lassen. Der Lehrbetrieb bestand aber auf der Erfüllung des Vertrags.

Nach der glänzend bestandenen Lehre («ich war halt ein Streber») absolvierte Francis die Rekrutenschule und diente sich bis zum Wachtmeister hoch. Danach fand er Arbeit bei einer Firma, die ihn nach Basel versetzte. Er wohnte im katholischen Gesellenhaus am Wettsteinplatz. Dort lernte er einen Drämmler kennen. «Der sagte eines Tages zu mir: Wir brauchen Leute, komm doch zu uns!»

Der gelernte Käser wurde Wagenführer bei den Basler Verkehrs-Betrieben. Nach zehn Jahren BVB wechselte er zur Schweizerischen Bank-Gesellschaft. Francis A. belegte interne Schulungen und arbeitete sich bis ins Kader hoch. In Basel lernte er auch seine Frau kennen. Sie heirateten und zogen zwei Kinder gross.

Endlich darüber sprechen können

Seine leiblichen Eltern hat Francis A. seit seiner Fremdplatzierung ins Kinderheim nie mehr wieder gesehen. Auch die Pflege-Eltern besuchte er nur selten.

Francis A. sagt, er hege keinen Groll, obwohl er im Heim, aber auch auf dem Bauernhof geschlagen worden sei. «Ich könnte schon ständig über das, was geschehen ist, nachdenken. Dann käme ich ins Grübeln. Aber was würde das bringen?»

Es sei nicht alles schlecht gewesen. Und er habe es zu etwas gebracht, trotz der Umstände. «Mir kam zu Gute, dass ich hart arbeiten konnte und gesund blieb. Aber jeder Mensch ist anders.» Die Frau schaltet sich ein. Zu den schwierigsten Zeiten auf dem Bauernhof habe auch er schwarze Gedanken mit sich herumgetragen. Er nickt.

Was Herr und Frau A. mit der Entschädigung machen, wissen sie noch nicht. Das Geld sei nicht entscheidend gewesen, sich zu melden, betont sie ein weiteres Mal. Es sei ums Prinzip gegangen.

Und etwas Gutes habe die Wiedergutmachungs-Aktion schon bewirkt, sagt Frau A. «Früher habe ich mich nicht getraut, meinen Mann auf seine Kindheit anzusprechen – und er schwieg ebenfalls, aus Scham. In den letzten Wochen aber haben wir so viel über all diese Dinge gesprochen wie nie zuvor. Das hat gut getan.»