Wann die Erde in Basel das nächste Mal beben wird, kann nicht vorausgesagt werden. Nicht einmal, ob dies in den nächsten fünf Minuten geschehen wird. Und trotzdem gibt es mittlerweile die Möglichkeit, die Bevölkerung vor Erdbeben zu warnen. Japan betreibt ein solches System mit hunderten Messstationen, die die angeschlossenen Datenzentren in Lichtgeschwindigkeit über Vibrationen informieren, von wo aus die Bevölkerung innert Zehntelssekunden einen Alarm aufs Smartphone erhält.

Das System macht sich dabei zunutze, dass die ersten, messbaren Vibrationen meist wenig schädlich sind und je nach Ort und Stärke wenige Sekunden bis zu einer Minute vor den verheerenden Wellen eintreffen. So bleibt genügend Zeit, sich unter einem Tisch in Sicherheit zu bringen oder das Gebäude zu verlassen.

Der Basler SVP-Grossrat Lorenz Amiet hat per Zufall von dieser Möglichkeit erfahren. Er war in Japan zu Besuch bei einem Bekannten und hat sich gefragt: Wieso haben wir in Basel kein solches System? Gestern hat er eine entsprechende Interpellation eingereicht. Darin will er wissen, ob in Basel je ein Frühwarnsystem geprüft worden ist und falls nein, ob die Regierung eine Prüfung sinnvoll fände.

Mit seinem Vorstoss spricht der Ingenieur ein Thema an, das zumindest auf nationaler Ebene derzeit intensiv diskutiert wird. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz ist daran, seine Alarmierungs-App fit zu machen für Erdbeben-Frühwarnungen. Sprecher Kurt Münger sagt: «Entscheidend für Erdbeben-Frühwarnungen ist eine möglichst hohe Geschwindigkeit. Da zählen nicht Minuten, sondern Sekunden.» Gleichzeitig müsse das System sicher sein und eine hohe Kapazität gewährleisten, sodass sehr viele Warnungen innerhalb kürzester Zeit ausgeliefert werden könnten.

Die sekundenschnelle Auslieferung via Smartphone-App ist dabei jedoch nur der letzte Schritt. Zunächst müssen Erst-Vibrationen gemessen und automatisch interpretiert werden. Michèle Marti, Sprecherin des Schweizerischen Erdbebendiensts (SED), sagt, dass die Schweiz derzeit erst über ein Test-System verfüge. «Für die Situation in Basel gibt es, wie in der ganzen Schweiz, noch keine standortspezifischen Studien über den Einsatz eines Frühwarnsystems. Eine solche Studie wäre wichtig, um das Potenzial solcher Warnungen besser zu verstehen.»

IWB kappt Gasleitung bei Beben

Der SED sei derzeit an der Entwicklung eines Erdbebenfrühwarnsystems für die Westküste der USA beteiligt sowie gemeinsam mit Partnern verantwortlich für den Aufbau eines Systems in Zentralamerika. Ob sich der Aufbau und Unterhalt eines Frühwarnsystems auch für die Schweiz lohne, sei eine politische Frage. «Der Unterhaltsaufwand ist nicht zu unterschätzen», sagt Marti – deshalb lohne sich der Einsatz umso mehr an Orten, an denen die Erde besonders häufig und besonders stark bebt.

«Bei einem Beben mit einer Magnitude von 6,5 mit Epizentrum in der Nähe von Basel blieben beim besten Vorwarnsystem in etwas weiter entfernten Gebieten lediglich Sekundenbruchteile bis wenige Sekunden zwischen Erhalt der Warn-Nachricht auf dem Handy und dem Eintreffen der schadenbringenden Erdbebenwellen.» Allerdings würden auch wenige Sekunden reichen, um unter einen Tisch zu kriechen und sich zu schützen oder automatisch Züge oder Lifte anzuhalten.

Das automatisierte Anhalten von Zügen und Liften ist für die Schweiz noch Zukunftsmusik; allerdings hat die IWB bereits ein Erdbeben-Vorwarnsystem in Betrieb, das bei einem schweren Beben automatisiert die Gasleitungen abdreht. Sprecher Reto Müller sagt: «Es handelt sich um ein Frühwarnsystem, das die für den Menschen nicht wahrnehmbaren Primärwellen misst, die vor den zerstörerischen Sekundärwellen eintreffen.» Das System sei 2012 installiert worden und laufe seither zuverlässig, wie regelmässige Tests zeigten. «Glücklicherweise hatten wir in dieser Zeit kein Erdbeben, bei dem es zum Schliessen der Sicherheitsabsperrventile hätte kommen müssen.»