Interview

Führen mehr Menschen auf engem Raum zu mehr häuslicher Gewalt?

Häusliche Gewalt: Wie kommen die Familien aus, wenn die sogenannten Oasen fehlen? (Symbolbild)

Häusliche Gewalt: Wie kommen die Familien aus, wenn die sogenannten Oasen fehlen? (Symbolbild)

Miko Iso leitet das kantonale Fachreferat Häusliche Gewalt in Basel-Stadt. Im Interview nimmt sie Stellung zu steigenden Fallzahlen.

Frau Iso, Basel-Stadt gab jüngst eine Zunahme der Anzeigen wegen häuslicher Gewalt von sechs Prozent bekannt. Das Justizdepartement hat das Thema zu einem Schwerpunkt erklärt. Ist dieser Anstieg trotz oder wegen verstärkter Bemühungen entstanden?

Miko Iso: Darauf gibt es verschiedene Perspektiven. Generell lässt sich sagen, dass der Anstieg in einer Anzeigenstatistik nicht nur schlecht ist. Die Erfahrungen aus skandinavischen Ländern zeigen, dass die Dunkelziffer in diesem Bereich sehr hoch ist. Man kann es durchaus so auslegen, dass eine Zunahme der Anzeigen auf einen gesellschaftlichen Wandel hindeute – und nicht zwingend auf eine Zunahme der Fälle. So bedeutet eine Abnahme der Gefährdermeldungen wegen Corona auch nicht zwingend etwas Gutes.

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Man geht davon aus, dass 95 Prozent der Fälle nicht zur Anzeige gelangen.

Für Basel-Stadt würde das bedeuten: 15'000 reale Fälle pro Jahr.

Ja. Es ist beunruhigend. Häusliche Gewalt ist ein riesiges Problem. Man könnte von einer Pandemie sprechen: Es geschieht in allen Gesellschaftsschichten und in allen Ländern.

2015 hagelte es Kritik aus dem Grossen Rat, Basel-Stadt habe seine Vorreiterrolle eingebüsst.

Ich arbeite schon lange in diesem Bereich und kann sagen: In den letzten Jahren ist sehr viel passiert im Kanton und wir haben grosse Fortschritte erzielt. Zum Beispiel haben wir im revidierten Polizeigesetz häusliche Gewalt per 1. Januar konkreter definiert. Das Instrumentarium für die Polizei wurde verbessert, Gefährder- und Opferansprache sind gesetzlich verankert. Dabei wurden die Kinder oder jugendliche Paarbeziehungen mitgedacht.

War das bislang anders?

Unsere Gesellschaft fusst auf der Annahme, dass Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Unsere Helfersysteme sind darauf ausgelegt, dass sich Betroffene selber melden. Dies ist bei Kindern sehr problematisch. Manche können dies gar noch nicht, andere wollen nicht. Es gibt eine grosse Ambivalenz in diesem Bereich. Auch ein misshandeltes Kind liebt seine Eltern. Trotz der Angst. Das erklärt die Dunkelziffer.

Wie erreicht man solche Kinder?

Wir vernetzen unsere Fachstellen. Wenn etwa eine Mutter wegen Gewalt an das Frauenhaus gelangt, schalten diese Stellen weitere Fachbereiche ein, die gleichzeitig bei den Kindern nachsehen, ob diese auch betroffen sind. Dann haben wir im Bereich Kinderschutz ein interessantes Projekt, das Hausbesuche nach Polizeieinsätzen durchführt. Diese Leute sind psychologisch geschult und können traumatisierte Kinder in Mimik und Ausdruck bereits früh erkennen. Das dritte Projekt ist ein niederschwelliges Angebot mit einer Kinderpsychologin, die in Kontakt mit dem Frauenhaus steht und bei Bedarf ihre Hilfe Frauen anbietet.

Ihre Aufgabe ist die Koordination der verschiedenen Institutionen?

Wir sind nur in seltenen Fällen operativ tätig, genau. Wir managen das Unterstützungssystem im Hintergrund und halten die Wege kurz. Sie müssen wissen: Es gibt im Kanton Basel-Stadt 27 Institutionen, die mit häuslicher Gewalt in Berührung kommen, von multikultureller Suchtberatung bis zum Männerbüro.

Ist Basel-Stadt gut aufgestellt?

Ich denke ja. Wir sind eine Stadt, das führt zu einer hohen Dichte. In den letzten Jahren hat sich die Zusammenarbeit stark verbessert. In einer Krisenzeit wie jetzt zeigt sich, wie stabil das Netz ist.

Was könnte Basel noch besser machen?

Na ja, wenn Sie bei den 27 Institutionen nachfragen, werden Sie 27 verschiedene Antworten kriegen. Ich meine aber, die Institutionen für Frauen sind am weitesten entwickelt. Dann kamen die Männer. Und Kinder sind schon immer noch das schwächste Glied in der Kette. Unser System richtet sich auf Erwachsene aus. Kinder vergisst man leicht, dabei sind viele noch sehr klein.

Was kann man dagegen tun?

Es ist sehr schwierig, denn Eingriffe in die Erziehung sind heikel. Aber Kinder haben auch Rechte, das denke ich gerade, wenn ich auf grosse Verwahrlosung und desaströse Zustände treffe. Es gibt aber Projekte in anderen Kantonen von spezieller Schulung von Hebammen, die man während des Wochenbetts in die Verantwortung nimmt. Da könnte man aktiver werden.

Sie haben die aktuelle Krise angesprochen. Wie wirkt sich Corona auf Gewaltfamilien aus?

Prognosen sind schwierig, doch wir versuchen uns zu wappnen. Auch hier stehen Kinder am Ende der Kette. Kinder aus Gewaltfamilien fehlen die Oasen: Kita, Schule, Freunde. Dazu kommt die zunehmende Anspannung der Eltern, die sich auf die Kinder auswirkt. Wir versuchen, unsere Ressourcen auszuschöpfen und zusätzliche Räume zu schaffen, also etwa Notzimmer umzunützen. Gleichzeitig ist es wichtig, auch in diesem Bereich solidarisch zu sein und im Umfeld auszuhelfen, wo Hilfe benötigt wird. Ich zähle auf das Immunsystem unserer Gesellschaft.

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