Walter Marti

Fünf Jahrzehnte Mannschaftsarzt: «FCB? Da rümpften viele die Nase»

Man bleibt unter sich: Der frühere FC-Basel-Mannschaftsarzt Walter Marti (r.) mit Sohn Felix Marti, der nicht nur seine Praxis übernahm, sondern auch seine Position beim FCB.

19 Meistertitel und 10 Cupsiege gefeiert, mit 25 Trainern zusammen gearbeitet, aber vor allem: unzählige Blessuren, Schrammen und Platzwunden behandelt. Seit 54 Jahren stellen die Martis den FCB-Mannschaftsarzt. Die Nummer zwei des Trios, Walter Marti, wird am 20. Oktober 100. Einen Vertrag mit dem FC Basel sah er nie.

So lange wie die Medizinerfamilie Marti aus Muttenz ist beim FCB niemand dabei. Seit über einem halben Jahrhundert stellen Vertreter der Martis den Arzt der ersten Mannschaft von Rot-Blau. Den Anfang machte Max Marti (1965 bis 1980), der rasch seinen Bruder Walter einband (ab 1969 mit fliessendem Übergang bis in die 1980er-Jahre). Walter wiederum holte sich ab 1979 Unterstützung von Sohn Felix, der nun auch schon seit vierzig Jahren mit dem Arztkoffer bewaffnet auf dem Spielerbänklein Platz nimmt. Am Sonntag, 20. Oktober, wird Walter Marti 100 Jahre alt, nur 26 Jahre weniger als sein geliebter FCB.

Sein hohes Alter merkt man dem Jubilar nicht an. «Kommen Sie rein!», sagt er zu den Besuchern, führt sie sicheren Schrittes durch die Wohnung. Ohne Gehhilfe läuft er die Treppe hinunter, in die Praxis, wo er fünfzig Jahre lang Patienten behandelte. Das Haus an der Schützenstrasse in Muttenz bezogen die Martis 1947. Dort wuchsen sechs Kinder auf, dort arbeitet mittlerweile der Sohn. Auch hier: Kontinuität. Seit über siebzig Jahren praktiziert an der Schützenstrasse ein Allgemeinmediziner namens Marti.

Von der Zeit beim Club seines Herzens erzählt der Jubilar gerne. Bei ihm gingen Spieler und Trainer ein und aus. Es entstanden Freundschaften. Dabei war FCB-Mannschaftsarzt zumindest zu Beginn alles andere als eine Tätigkeit mit Prestige – im Gegenteil.

FCB-Spieler riefen auch mitten in der Nacht an

«Viele rümpften die Nase, als sie FCB hörten», erinnert sich Walter Marti. Er sitzt im Röntgenzimmer der Praxis, das wohl jeder FCB-Spieler der letzten 50 Jahre irgendwann einmal von innen gesehen hat. «Es hiess, was ich mit diesen Schnuudergoofen wolle, die seien doch unreif.» Genau das habe ihn gereizt: «Die Fussballer waren jung und witzig. Und sie waren dankbar.» Chaotisch, das seien die meisten aber schon gewesen. «Wenn mitten in der Nacht das Telefon läutete, oder am Sonntag um Viertel nach zwölf, wenn wir vor dem Sonntagsbraten sassen, dann sagte meine Frau jeweils: ‹Das ist jetzt sicher wieder einer vom FCB!›.» Sie sollte meist recht behalten.

Zum FCB kam Walter Marti per Zufall. Wie schon sein Bruder Max, der am 1. September den 102. Geburtstag feierte. Max Marti, immer stark an Fussball interessiert, sitzt im Frühjahr 1965 – an das genaue Datum erinnert er sich nicht mehr – in der «Walliser Kanne», dem Lokal an der Gerbergasse, in dem die FCB-Spieler ein und ausgehen. Am Nebentisch: Helmut Benthaus.

Der neue Spielertrainer ist auf der Suche nach einem Arzt, der sich den Röntgenbildern eines verletzten Spielers annimmt. Der würde laut Diagnose sechs Wochen ausfallen, doch Benthaus will nicht so lange auf eine seiner wichtigsten Stützen verzichten. Max Marti, eigentlich Gynäkologe, schaut sich die Bilder an, versichert, es sei nichts Ernstes, der Mann könne rasch wieder auf den Platz. Kurz darauf erzielt der Stürmer wichtige Tore.

Im Frauenspital röntgen ging dann doch nicht so gut

Benthaus ist begeistert von Max Marti, und weil er einen fixen Teamarzt sucht, fragt er ihn: «Willst nicht Du das für uns machen?» Max sagt spontan zu, doch er hat ein Problem. Er kann die Spieler nicht im Frauenspital, untersuchen. Deshalb schickt er sie zum Röntgen nach Muttenz, in die Praxis des Bruders. 

So rutscht Walter Marti langsam in den Job hinein, hilft immer öfter aus, wenn Max verhindert ist, etwa bei Auswärtsspielen.

So auch 1970. Der FCB reist nach Russland, ans Europa-Cup-Spiel gegen Spartak. Das erste Problem, das der Arzt im Dienste von Rot-Blau lösen muss, ist jedoch nicht medizinischer Natur. «Benski», wie die Martis Benthaus nennen, gibt Walter Marti den Auftrag, mit der Mannschaft die Stadt anzuschauen und essen zu gehen. Zwar habe er etwas Geld erhalten, sagt Marti, doch als sie das Restaurant erreicht hätten, sei das aufgebraucht gewesen. «Zuerst märtete ich beim Personal den Preis fürs Essen herunter. Danach ging ich zu den Spielern und riss jedem einzelnen 15 Stutz raus.»

An der Verpflegung dürfte es nicht gelegen haben, dass die Basler 2:3 verloren. Nach dem Sieg im Rückspiel waren sie trotzdem eine Runde weiter.

Half als erster beim Flugzeug-Absturz von Hochwald

Warum Benthaus ausgerechnet den Clubarzt zur Stadtführung abbestellte? Er wusste: Walter Marti ist Theatergänger, interessiert sich für Kunst, die Antike, Geografie und kann immer etwas erzählen. Seine Allgemeinbildung rührte nicht zuletzt von seiner Ausbildung her. 1923, Walter ist vier Jahre alt, zügelt die Familie von Basel nach Muttenz, ins Freidorf. Weil es im Baselbiet damals noch kein Gymnasium gab, schickt der Vater den zehnjährigen Sohn ans Humanistische Gymnasium, heute Gymnasium am Münsterplatz. Walter Marti war der erste Baselbieter, der in der Stadt das Gymnasium besuchte, und dann erst noch das elitäre HG. Er sei häufig gehänselt worden, erinnert sich Marti: «Es hiess etwa: ‹Was will denn der Rammel hier?›.» Die Matur im Sack, schreibt sich Walter Marti fürs Medizinstudium ein. Zuerst habe man ihm die Kosten aufbürden wollen, er sei ein Ausserkantonaler, sagt Marti. Doch er beruft sich auf sein Basler Bürgerrecht – und hat Erfolg.

Frisch promoviert, geht Marti ins Entlebuch, übernimmt eine Praxis-Vertretung. Dort lernt er seine künftige Frau kennen, die mit ihm nach Muttenz zieht. Friedel Marti-Unternährer schenkt ihm zwei Söhne und vier Töchter.

Die wohl schrecklichsten Momente als Arzt durchlebte Walter Marti aber weder in seiner Praxis, noch auf dem Fussballplatz. Am 10. April 1973 stürzt in Hochwald ein Flugzeug der britischen Invicta International Airways ab, 108 der 145 Passagiere kommen ums Leben. Der erste Arzt beim Wrack: Walter Marti. Er wusste, wie man am schnellsten zur Unfallstelle gelangen kann. Zusammen mit einem Förster kümmert er sich um die Verletzten. Walter Marti wurde von der englischen Regierung für seine Dienste geehrt.

Eines sei gleich geblieben in allen Jahrzehnten im Fussball-Business, sind sich Vater und Sohn einig. Die häufigste Verletzung, die es zu behandeln gebe, sei noch immer die Verstauchung, die Distorsion. Doch auch die vermeintliche Lappalie müsse stets geröntgt werden, mahnt Doktor Marti Senior: «Lieber zehnmal zu viel als einmal zu wenig – um Brüche auszuschliessen.»

Die Teamärzte arbeiteten jahrzehntelang vertragslos

Obwohl die Martis den FCB seit 54 Jahren begleiten – den ersten Vertrag erhielt erst die Nummer drei, Felix Marti, und auch das erst im Jahr 2013. Zuvor erledigten sie den Job ehrenamtlich. Die Behandlungen und das Röntgen konnten zwar über die Versicherungen abgerechnet werden. «Aber die Reisen, das Verbandszeug bei den Spielen, die Medikamente, das alles bezahlten wir meist aus dem eigenen Sack, gar nicht zu reden von allen den Stunden Gratisarbeit», sagt Felix Marti. «Wir betrachteten das jedoch als unsere Form des Sponsorings. Wir sind ja die grössten Fans des Vereins.» Der Club revanchierte sich: Alle drei Martis sind Ehrenmitglieder.

Felix Marti ist 67. Er sagt, so lange er fit sei und das Vertrauen der Clubleitung spüre, mache er weiter. Eigene Nachfolger stehen keine bereit. Von den drei Kindern von Felix Marti hat keines den Weg des Mediziners eingeschlagen. Die Ära Marti wird enden.

Bis es so weit ist, werden hoffentlich noch lange mindestens drei Martis an den Spielen im St. Jakob-Park anzutreffen sein: Max und Walter auf ihren Stammplätzen im Sektor A3 – und Felix auf der Spielerbank.

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