Ports of Switzerland

Für die EU ist die Rhein-Schifffahrt systemrelevant – die Schweiz freuts

«Relativ reibungslos»: In den Rheinhäfen geht der Betrieb weiter. Derzeit machen nur einige Schleusen coronabedingt Probleme.

«Relativ reibungslos»: In den Rheinhäfen geht der Betrieb weiter. Derzeit machen nur einige Schleusen coronabedingt Probleme.

Trotz Pandemie bleibt der Strom für den Gütertransport geöffnet – aber nur, solange alle Anrainerstaaten mitspielen. Was ansonsten droht, zeigen die Verhältnisse entlang von Donau und Elbe.

Fast alle Länder Europas haben ihre Staatsgrenzen dichtgemacht. Auch die Wasserstrassen sind vom Corona-Lockdown betroffen. Die Kreuzfahrtschiffe stehen still. Und etliche osteuropäische Staaten setzen strenge Bestimmungen für Schiffcrews durch – was den Güterverkehr auf Donau und Elbe trockenlegen könnte.

Auf dem Rhein hingegen: Business as usual. Die Frachtschiffe verkehren, als wäre alles wie immer, beinahe jedenfalls. «Bis Ende März sind die Containerzahlen im normalen Bereich», sagt Jelena Dobric, Sprecherin der Schweizerischen Rheinhäfen. «Die Coronadelle wird zwar mit Verzögerung noch eintreten, das hätte aber mit der eingebrochenen Binnennachfrage zu tun – und nicht damit, dass Schiffe oder Personal auf- oder festgehalten worden wären. Wir haben bislang noch keine Kenntnis von derartigen Einschränkungen.»

Viele Länder verbieten Schiffcrews die Einreise

Dass der Verkehr auf den europäischen Wasserstrassen zu Coronazeiten funktioniert, ist nicht selbstverständlich. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) befürchtet Personalmangel, vor allem auf den erwähnten östlichen Transportrouten. Laut BDB lassen etwa Tschechien, Polen, Ungarn und die Slowakei sogar eigene Staatsbürger nur noch bedingt einreisen. Die betroffenen Matrosen und Kapitäne würden deshalb an Freitagen nicht nach Hause fahren wollen. Weil sie befürchten, in Quarantäne gesteckt zu werden oder gar nicht mehr ausreisen zu dürfen.

Der BDB zitiert Präsident Martin Staats: «Wir werden in den kommenden Tagen massive Probleme bekommen, die Schiffe in Fahrt zu halten, weil uns schlicht das Personal für den Schiffsbetrieb fehlt. Das kann gravierende Auswirkungen auf die Rohstoffversorgung für die Grossindustrie und damit auf den Wirtschaftsstandort Deutschland haben.»

Schweiz erteilt Sondergenehmigungen

Auch die Schweiz müsste daran interessiert sein, den Rhein als Transportweg offenzuhalten: Jeder dritte Liter Heizöl wird per Schiff transportiert und jeder vierte Container. Pro Jahr verzeichnen die Häfen Kleinhüningen, Birsfelden und Muttenz rund 6 Millionen Tonnen Güterumschlag. Den grössten Anteil, 38 Prozent, haben Erdöl und Folgeprodukte. Im Birsfelder Hafen befindet sich unter anderem das Kerosin-Pflichtlager des Bundes.

Die Schweizerische Vereinigung für Schifffahrt und Hafenwirtschaft (SVS) berichtet in ihrem jüngsten Mitteilungsblatt, die Güterschifffahrt auf dem Rhein laufe noch immer «relativ reibungslos». Wo immer möglich, käme Homeoffice zum Einsatz, Dokumente würden digital verarbeitet.

Unverzichtbares nautisches Personal, das nicht in der Schweiz wohnt und keine Grenzgängerbewilligung besitzt, braucht zwar eine Ausnahmegenehmigung für die Dienstanreise zum Abfahrtshafen. Die Schweizerischen Rheinhäfen stellen die benötigten Formulare auf ihrer Website zum Download bereit. Weil der Bund solche Arbeitskräfte als «für die Güterversorgung notwendig» erachte, würden ihre Fahrten in der Regel auch bewilligt, schreiben die Rheinhäfen.

Binnenschiffer sind für die EU systemrelevant

Die Reisefreiheit ist für die Binnenschifffahrt entscheidend. Für das international zusammengesetzte Personal an Deck gibt es unterschiedliche Ein- und Durchreisebestimmungen. Die SVS schreibt, die europäische Binnenschifffahrts-Union (EBU) habe bei Magda Kopczynska, Leiterin Schifffahrt bei der EU-Generaldirektion Mobilität und Verkehr, ein Festhalten an der Reisefreiheit von Crewmitgliedern gefordert. Laut SVS sicherte die EU der EBU bereits Ende März zu, diese Grenzübertritte sollten weiterhin möglich sein – denn Binnenschiffer seien systemrelevant. Offenbar sind viele osteuropäische Länder anderer Meinung.

Dass es entlang des Rheins gut läuft, hat wohl auch mit der Mannheimer Akte von 1868 zu tun. Die Beitrittsstaaten verpflichten sich unter anderem, den Wasserweg freizuhalten, «auf dem Rheine und seinen Ausflüssen von Basel bis in das offene Meer». Alle Mitglieder – Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Belgien und die Schweiz – halten sich auch jetzt daran. Nur einige Schleusen haben den Nachtbetrieb eingestellt. Die Zentralkommission für die Rheinschifffahrt schreibt: «Trotz strenger Vorsichts- und organisatorischer Massnahmen sind Mitarbeiter der Betreiber der Schleusen am Oberrhein erkrankt und stehen für den Betrieb derzeit nicht zur Verfügung.»

Pegeln sinken wegen der Trockenheit

Ob der Umschlag in den drei Rheinhäfen tatsächlich stabil geblieben ist, zeigt sich Ende Woche. Dann publizieren die Rheinhäfen die März-Zahlen.

Derweil haben die Kapitäne vor einem anderen Phänomen mehr Angst als vor Corona. Wegen der Trockenheit sinken die Pegel stark ab. Gut möglich, dass die Schifffahrt am Ende vor allem ihretwegen leidet – und weniger wegen der Pandemie.

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