Euro-Franken-Kurs

Für Migros und Coop ist der günstige Euro keine gute Nachricht

Detailhändler wie Coop dürften unter dem Einkaufstourismus leiden.

Detailhändler wie Coop dürften unter dem Einkaufstourismus leiden.

Die regionale Wirtschaft ist unterschiedlich stark betroffen vom tieferen Euro-Kurs. Während die Detailhändler Migros und Coop den günstigen Euro eher als schlechte Nachricht ansehen, ist der globale Konzern Roche weniger betroffen.

Wenn ein Euro nur noch einen Franken kostet, dann lockt das Baslerinnen und Basler zum Einkaufen über die Grenze. Patrick Gantenbein, Sprecher der Grenzwachtregion Basel, erwartet denn auch am Wochenende an gewissen Grenzübergängen einen grösseren Andrang. «Bei sinkendem Eurokurs werden teilweise auch grössere Anschaffungen gemacht und nicht nur der normale Einkauf getätigt», erklärt Gantenbein.

Für die Detailhändler Migros und Coop ist der günstigere Euro deshalb keine gute Nachricht. «Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, wie sich dieser Entscheid auswirkt», sagt Dieter F. Wullschleger, Leiter der Unternehmenskommunikation der Genossenschaft Migros Basel. Für den regionalen Handel sei der tiefe Eurokurs kaum förderlich, da der Grenztourismus trotz der bisherigen Mindestkursanbindung in den letzten Jahren gestiegen sei: «Das könnte sich weiter verstärken», sagt Wullschleger. Auch Coop-Sprecher Urs Meier betont, dass die Euro-Untergrenze von 1.20 Franken für den Detailhandel wichtig gewesen sei. Die Auswirkungen einerseits der Aufhebung der Euro-Untergrenze und andererseits der weiteren Senkung des Leitzinses seien momentan schwierig einzuschätzen. «Wir werden die weitere Kursentwicklung aufmerksam beobachten», meint Meier.

Nüchterne Pro Innerstadt

Sehr nüchtern nimmt Mathias Böhm, Geschäftsleiter des Vereins Pro Innerstadt Basel, die Aufhebung der Eurobindung zur Kenntnis. «Wir denken, dass die Nationalbank sehr genau weiss, was sie tut, und ihre guten Gründe hat – aufgrund eines Wissensstandes, den wir nicht haben.» Die Nationalbank könne nicht am Markt und an der Wirtschaft vorbei agieren. Es sei sehr schwierig zu sagen, wo sich der Eurokurs einpendelt. Böhm stellt fest, dass die Euro-Anbindung der vergangenen Jahre den Einkaufstourismus nicht massgeblich habe reduzieren können. Er weist darauf hin, dass viele der Detaillisten Ware aus dem Euroraum importieren. Und diese würde ja jetzt auch günstiger eingekauft.

«Schlimmes Erdbeben»

Für Gewerbedirektor Gabriel Barell ist der Entscheid der SNB «wie ein schlimmes Erdbeben». Die Auswirkungen dieses Schocks betreffen die Unternehmen in der Grenzregion Basel überdurchschnittlich heftig. «Wir gehen davon aus, dass der Euro-Kurs signifikant tiefer sein wird. Die Importpreise sinken zwar und das kann auch zu tieferen Preisen bei Schweizer Händlern führen, die im Euro-Raum einkaufen, aber gesamthaft werden die negativen Auswirkungen um ein Vielfaches schlimmer sein», befürchtet Barell. Betroffen seien nicht nur Handel und Exportwirtschaft, sondern auch Bauhaupt- und Baunebengewerbe. «Der Druck der ausländischen Firmen ist jetzt schon hoch und die Margen sind aufgebraucht.» Barell fordert von der Politik, dass «die Überregulierung für die hiesigen Unternehmen nun endlich reduziert sowie die hohe Steuer- und Abgabebelastung weiter gesenkt werden.» Ansonsten würden die «unfairen Rahmenbedingungen» endgültig die Konkurrenzfähigkeit der Schweizer Wirtschaft gefährden.

«Konsequent und richtig»

Auch die Handelskammer beider Basel (HKBB) sieht die Wirtschaft in der Region durch die sprunghafte Aufwertung des Schweizer Frankens um rund 15 Prozent vor grössere Herausforderungen gestellt. Es bleibe zu hoffen, dass die sprunghafte Aufwertung direkt nach Bekanntgabe ein Überschiessen darstelle.

«Die Region Basel ist als Grenzregion und als wichtigste Exportregion der Schweiz besonders von der Aufwertung des Schweizer Frankens betroffen. Unsere Region ist jedoch äusserst wettbewerbsfähig und steht dank ihrer hoch wertschöpfenden, auf Innovation beruhenden Branchenstruktur unter einem geringeren Kostendruck», schreibt die HKBB in einer Stellungnahme. Allerdings werde der Detailhandel durch den Einkaufstourismus wieder verstärkt unter Druck kommen.

Durch die Aufhebung des Mindestkurses verringere sich die für Unternehmen wichtige Planungssicherheit. Doch die Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank, diesen aufzugeben und wieder zu einer eigenständigen, vom strukturschwachen Euroraum abgekoppelten Geldpolitik zurückzukehren, sei «konsequent und richtig».

Pharma weniger betroffen

Als globaler Konzern ist Roche weniger betroffen vom Euro-Franken-Wechselkurs, weil die Firma mit kompletter Wertschöpfungskette in den wichtigsten Märkten wie USA, Europa und Japan vertreten ist. Im Euroraum hat Roche erhebliche Einnahmen, dem steht aber auch ein wichtiger Anteil der Kosten für Forschung und Entwicklung, Produktion und Personal in Euro gegenüber. Dies führt zu einer teilweisen Abfederung des Währungseffekts auf den Cashflow, heisst es bei Roche.

Mehr Arbeitslose

Die BAK Basel Economics hat bereits erste Hochrechnungen angestellt. Das Wachstum in der Schweiz würde bis Ende 2016 rund 1,5 bis zwei Prozentpunkte verlieren, wenn sich der Eurokurs leicht über einem Franken einpendle. Gleichzeitig sei mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit von 3,1 auf 3,6 bis 3,8 Prozent zu rechnen.

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