Frau Fasnacht gibt den Tarif durch. Sie bedauert bei ihrem Soloauftritt im Charivari den Niedergang des Intrigierens: «Es bruucht mehr Biss, mir fääle au die fyyne Deen», sagt sie. Auch wenn die Worte kaum als Selbstkritik gedacht waren, so lassen sie sich doch als Steilvorlage für die unerbittlichen Kritiker missbrauchen (die im zweiten Teil des Abends denn auch ihr Fett abkriegen): Während die feinen Töne in der berührend gespielten Hyylgschicht durchaus ihren Platz haben, fehlt es den Raamestiggli weitgehend an Biss.

Das liegt nicht am Schauspielensemble, das verstärkt durch die beiden altgedienten Profis Peter Richner und Suzanne Thommen viel Potential zeigt. Es gibt auch zwei Stiggli, die durchaus originell und witzig daherkommen: Zum einen eine Kleinbasler Beizenszene, die von der Regisseurin Colette Studer als Theater im Theater zur herrlich schrägen Posse forciert wird – zum anderen eine kleine Revue, in der sich Waggiswagen-Geschenke vom Mimösli bis zum Dääfeli singend über ihr Schicksal beklagen.

Glaibasler Charivari

Eindrücke vom Glaibasler Charivari 2019

  

Der gespielte Rahmen kommt nicht wirklich auf Touren

Ansonsten kommt der gespielte Rahmen nicht wirklich auf Touren. Die immer wieder eingeworfenen Charivari-Nachrichten-Spots lassen ab und zu zwar originelle Pointen anklingen – etwa, dass die Basler sich deswegen gegen die perrmanente Sommerzeit aussprechen, weil sie den Begriff als «Somm-Zeitung» missverstehen. Die wiederholten Wortspielereinen mit dem islamischen Regelbegriff «Halal» wirken mit der Zeit etwas ermüdend.

Besser, das heisst politisch bissiger, sind da die beiden Schnitzelbängg Gryysel und die bewährten Charivari-Stammgäste Gwäägi. Beide nehmen zum Beispiel die Kontroverse um das als rassistisch gebrandmarkte Mohren-Logo der Gugge Negro Rhygass aufs Korn, beide schaffen es, dieses Thema in eine erfrischend originelle Pointe zu führen.

Dass es sich dennoch absolut lohnt, das Charivari zu besuchen, liegt am musikalischen Teil. Der überzeugt auf höchstem Niveau mit einer stimmigen Balance zwischen traditionsbverbundener Fasnachtsmusik und zirkusreifer Schlegel-Artistik.

Getrommelt wird auch dreistimmig

Das Wagnis von Programmchef Erik Julliard, mit der Fasnachtszunft Ryburg aus Möhlin eine nichtbaslerische Trommlerformation zu engagieren, geht voll auf. Die 18 Tambouren zeigen mit zwei Kompositionen unter der Leitung von Trommelpapst Ivan Kym, dass sie zurecht mehrfach zum Schweizer Meister gekürt wurden. Mit dem «Stärne-Sound» verblüffen sie mit dem Beweis, dass man auch dreistimmig trommeln kann, und die Komposition «Generation Y» wartet mit so viel rhythmischer Virtuosität auf, dass man auch, oder gerade als, trommlerisch nicht ganz unbedarfter Zuschauer aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Trommlerische Virtuosität durfte man auch von der Showformation Stickstoff erhoffen. Sie enttäuschten die Erwartungen nicht. Ihre originelle Trommelspielerei mit und auf Blech- und Plastikeimern erfreuten Ohr und Auge.

Ja und auch pfeiferisch vermag der Abend zu glänzen. Die zusammengewürfelte Spitzenformation mit Namen Spitzbuebe beweist mit «Star Wars» und dem «Lumpesammler», dass das Piccolo weit mehr sein kann als eine kleine Flöte für schrille Marschmelodien.

«Charivari Inkognito» ist die Gugge

Beim «Lumpesammler» mischen sich übrigens die Pfeifer der Naarebaschi, Julliards Stammclique, in den Auftritt mit ein. Sie ist die Gastclique des Jahres und zeigt, dass auch traditionelle, leider mehr und mehr auch etwas vernachlässigte Märsche wie «Waggis» oder «D Märmeli» einfach schön und gut herüberkommen können.

Ach ja. Da ist ja auch noch der obligate Guggenauftritt. Sechs Formationen führt das Programm auf, die aber alternierend jeweils nur einen Auftritt pro Abend bestreiten. An der Premiere bedachte der orangefarbene Riesenharst der Schränzgritte mit ansprechenden Arrangements vom Bonnie Tylers «It’s A Hartache» und Demis Roussos Schnulze «Goodbye, My Love, Goodbye» den Volkshaussaal mit 1970er-Jahre Nostalgie.

Vor ihrem Auftritt überraschte eine weitere Gugge das Publikum mit einem originell dargebrachten Potpourri, das von einem Jazzstandard über den Rockklassiker «Smoke On The Water» bis zu bekannten Western-Melodien reichte.

Wer sich hinter der bestechend aufspielenden, im Programmheft nicht aufgeführten Formation verbirgt, bleibt übrigens geheim. «Charivari Inkognito» lautet die Antwort der Programmverantwortlichen auf die Frage, wer denn hier aufgetreten sei.