Coronavirus
«Funk-Kontakt»: Was der Fährimaa macht, wenn er wegen Corona auf dem Trockenen sitzt

Fährimaa Rémy Wirz spricht darüber, was er in der Krise am meisten vermisst – und über wen er sich gerade wahnsinnig aufregt.

Rahel Koerfgen
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Ein Bild aus unbeschwerteren Tagen: Rémy Wirz im Frühling 2016 auf seiner geliebten Ueli-Fähre.

Ein Bild aus unbeschwerteren Tagen: Rémy Wirz im Frühling 2016 auf seiner geliebten Ueli-Fähre.

Nicole Nars-Zimmer

In diesen Zeiten muss leider auch das Nähkästchen zu Hause bleiben. Stattdessen erreichen wir Persönlichkeiten aus Basel und der Region am Telefon: «Funk-Kontakt» heisst die neue Rubrik, garantiert ohne Ansteckungsgefahr.

Heute mit Fährimaa Rémy Wirz von der Ueli-Fähre.

Sali Rémy. Wo erreichen wir Dich?

Rémy Wirz: Zu Hause in Rei­nach. Meine Mutter und ich sitzen am Küchentisch. Ich lebe mit ihr zusammen. Sie ist 86 Jahre alt, ich habe ihr schon vor der Fasnacht verboten, rauszugehen. Weil sie ja zur Risikogruppe gehört. Ich kümmere mich um sie und bin grösstenteils daheim.

Deine Fähre ist zurzeit nicht in Betrieb. Sicher eine grosse Umstellung für Dich.

Es fällt mir sehr schwer. Aber ich fahre jeden Tag nach Basel und schaue zum Rechten. Sonst würde mir die Decke auf den Kopf fallen. Das ist mein Seelenbalsam, auf meinem Platz zu sitzen. Die Ueli-Fähre war im März in Revision, ich bin immer noch dran, gewisse Dinge zu installieren, einzurichten und zu schmücken. Auch den Steg möble ich jetzt auf. Die «Ueli» ist jetzt 30 Jahre alt! Also im besten Alter (lacht).

Was vermisst Du am meisten an Deinem Job als Fährimann?

Die Interaktion mit Leuten. Den Kontakt mit Menschen, den Stammkunden. Die Kinder, die auf der Fähre spielen, die philosophischen Diskussionen. Auf der «Ueli» kann alles passieren, Du bist permanent im Redefluss. Auch fehlt mir der Dienst per se, die Verantwortung, die ich trage, wenn ich die Leute vom einen zum anderen Rheinufer bringe.

Warum dürfen die Fähren derzeit nicht verkehren?

Verboten wäre es nicht. Aber wir Pächter haben uns gemeinsam mit Stiftung und Verein wegen der Vorgaben des Bundes zu diesem Schritt entschieden. Ich stehe voll dahinter, wenngleich es mir schwerfällt.

Wie überbrückst Du diese Zeit nun finanziell?

Ausgaben habe ich zum Glück nur wenige, weil ich im Haus der Mutter wohnen kann. Dafür schaue ich zu ihr, erledige alles, kaufe ein. Im Vergleich zu ­anderen habe ich es gut, darüber bin ich dankbar. Ich bin grundsätzlich glücklich und ­zufrieden.

Du verbringst jetzt viel Zeit mit Deiner Mutter. Geht Ihr Euch schon auf die Nerven?

Im Gegenteil, wir sind sehr froh, einander zu haben, sozial nicht völlig isoliert zu sein. Und wenn wir wollen, gehen wir einander in diesem Einfamilienhaus aus dem Weg. Sie wohnt im Erdgeschoss, ich im ersten Stock.

Wie beschäftigt Ihr Euch?

Mit Gesprächen, hin und wieder mit kleinen Ausflügen. Ich packe sie dann ins Auto und fahre mit ihr in die Natur. Und ich schaue stundenlang historische Dokumentarsendungen sowie den US-Nachrichtensender MSNBC.

Warum gerade dieser Sender?

Die sind sehr unabhängig. Seit Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, schaue ich fast jeden Tag eine Sendung, weil sie ihm gegenüber sehr kritisch eingestellt sind. Ich kann mich wahnsinnig über diesen Menschen aufregen. Auch jetzt, was er gerade in dieser Krise abzieht. Der gehört eingesperrt; er ist eine Gefahr für die Menschheit! Unser Schweizer Sender geht einfach viel zu höflich mit ihm um, das kann ich mir nicht mehr mit ansehen.

Du sitzt nun schon eine Weile auf dem Trockenen. Wann meinst Du, wirst Du mit der Ueli-Fähre wieder auf dem Rhein hin- und herfahren können?

Das weiss im Moment noch niemand. Wenn wir uns alle zusammen Mühe geben, werden wir die Krise früher ausgestanden haben. Ich könnte mir vorstellen, dass wir Ende Sommer wieder fahren können.

Kannst Du der Krise etwas Positives abgewinnen?

Durchaus. Die schnellen Auswirkungen aufs Klima und die Umwelt finde ich grandios. Es besteht die grosse Chance, dass diesbezüglich viele Menschen zum Nachdenken angeregt werden. Auch, dass sie realisieren, in was für einem Stress wir ständig leben. Vielleicht wird alles jetzt dauerhaft entschleunigt. Das würde uns guttun. Ich sehe schon Anzeichen dafür. Die Menschen sind in dieser Krise sehr freundlich zueinander, gehen rücksichtsvoll und solidarisch miteinander um. Zeigen sich interessiert. Das berührt mich sehr. Wir sitzen ja alle im selben Boot.

Die Stimmung könnte schon bald kippen. Also, dass die Leute nicht mehr zu Hause sitzen wollen, dass sie die Vorgaben des Bundes nicht mehr respektieren.

Und wem haben wir das zu verdanken? Ich finde es eine unglaubliche Sauerei, dass Christoph Blocher dieselbe Richtung wie Donald Trump einschlägt. Also, dass seine Partei einen Ausstiegsplan vom Bund verlangt, damit es der Wirtschaft wieder gut geht. Christoph Blocher will damit die Alten und Schwachen der Wirtschaft opfern. Das ist unmenschlich und zutiefst uneidgenössisch. Er sollte sich schämen.