Matter-Biograf in Basel
Für Biograf Wilfried Meichtry war Mani Matter mehr als nur Chansonnier

Mani Matter war nicht nur ein Chansonnier, sondern auch ein politischer Intellektueller. Wilfried Meichtry, der diese Züge Matters in einer aktuellen Biografie herausarbeitet, liest heute in Basel aus seinem Buch.

Matthias Zehnder
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Der legendäre Berner Chansonnier Mani Matter 1969 in seiner Wohnung in Wabern bei Bern, drei Jahre vor seinem Tod.

Der legendäre Berner Chansonnier Mani Matter 1969 in seiner Wohnung in Wabern bei Bern, drei Jahre vor seinem Tod.

KEYSTONE/Walter Studer

Mani Matter war nicht einfach Chansonnier, sondern ein politischer Intellektueller, wie ihn die Schweiz selten hervorbringt. In seiner Biographie zeigt Wilfried Meichtry überraschende Seiten des Berner Troubadours. Ausführliche Zitate aus Tagebüchern und Briefen fördern einen nachdenklichen Mani Matter zutage, dessen intellektuelles Potenzial weit über den Liedersänger hinausgeht. Meichtry liest heute Abend in der Buchhandlung Bider&Tanner aus seiner Matter-Biographie, musikalisch begleitet von Lukas Gerber.

Mani Matter gilt als Chansonnier und «Värslischmid» - wird Matter unterschätzt?

Wilfried Meichtry: Ja, wenn man nur diese beiden Bereiche anschaut, wird er ziemlich unterschätzt, weil er auch politisch eine interessante Person ist. Eigentlich war er ein spannender Intellektueller, bei dem der Chansonnier nur eine von vielen Facetten war. Lokal in Bern hat er immer politisiert. Kurz vor seinem Tod war er aber drauf und dran, ein nationaler, politischer Kopf, eine moralische Instanz zu werden. Er war ein Denker, er hat sich auch sehr mit Philosophie auseinandergesetzt.

Sein politisches Engagement für das «Junge Bern» ist heute kaum mehr im Bewusstsein.

Die Partei gibt es nicht mehr und sie hat sich auf Bern beschränkt. Die Geschichte des Jungen Bern ist auch nie aufgearbeitet worden. Er selbst war zudem immer sehr bescheiden und eher im rückwärtigen Raum tätig. Er war ein stiller Schaffer.

Matter war Doktor der Jurisprudenz und hatte eine staatsrechtliche Habilitationsschrift in der Schublade, schreckte aber davor zurück, Professor zu werden.

Er hat die Strukturen in der Universität, die Hierarchien, den Paternalismus, die Immobilität der Uni kritisiert. Er ist in Cambridge radikalisiert worden. Die Juristen, die ex cathedra Vorlesungen halten für die Studenten, die brav mitschreiben - das war ihm zu muffig und zu spiessig. Gleichzeitig kam dieses Angebot, als Rechtskonsulent der Stadt Bern zu arbeiten, eine Zwischenstelle zwischen Ombudsmann und Rechtsberater des Gemeinderates. Diese Stelle hat das Dialogische ermöglicht, das ihm sehr wichtig war. Das ist für mich ein zentraler Punkt bei Matter: dass er das Dialogische suchte, den offenen Dialog.

Dies hat er nicht nur in der Politik getan, sondern auch in der Theologie, etwa bei Martin Buber.

Genau, er hat auch in der Theologie den Dialog als das wahre Menschliche charakterisiert. Das ist eine Facette von Matter, die sehr anregend ist, darüber kann man heute noch reden. Das ist so zeitlos wie seine Lieder.

Hat sich Matter zwischen Kunst, Politik und Jurisprudenz aufgerieben?

Das kann man schon sagen. Er hatte überall Herzblut drin, sein Leben war immer überfrachteter. Da war ja auch noch die Familie mit einem behinderten Kind. Er stirbt in dem Moment, als sich abzeichnet, dass er sich entscheiden muss. Er wollte sich für das Schreiben entscheiden, der Chansonnier stand da nicht im Vordergrund. Das Denken und Schreiben war ihm so wichtig, dass er dafür auf anderes verzichten wollte. Das befeuert natürlich die Spekulation, was denn geworden wäre, wenn er weiter gelebt hätte. Es wäre künstlerisch und inhaltlich sicher sehr interessant gewesen.

War Matters Tod wirklich ein Unfall?

Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es ein Unfall war. Es gibt bis heute Gerüchte, dass es Selbstmord war, aber das schliesse ich nach meinen Recherchen aus. Er hatte zu viele Pläne, zu viele offene Projekte. Franz Hohler sagte zudem: Wenn er Selbstmord hätte machen wollen, dann hätte er es nicht auf einer Autobahn gemacht, wo er auch noch andere gefährdet hätte. Das passte nicht zu ihm. Er war ein schlechter Autofahrer, das sagen viele Leute, die mit ihm gefahren sind. Für mich ist die wahrscheinlichste Hypothese, dass er an etwas herumstudiert hat. Es passiert ja so schnell.

Sie schreiben, für Mani Matter sei Ratlosigkeit die «ehrlichste Haltung gegenüber dieser Welt» gewesen.

Neben dem dialogischen Prinzip ist das einer der Punkte, die mich am meisten beeindruckt haben. Es zeigt seine Ehrlichkeit und seine Unbestechlichkeit. Er wirft sich nicht in die Arme einer Ideologie, und das in einem Zeitalter, das hochideologisch war. Das finde ich sehr eindrücklich, dass er zu dieser Ratlosigkeit steht. Und darin liegt ja auch das Potenzial zum Dialog, dass man aus der Ratlosigkeit ins Gespräch findet.

Ratlos war er auch gegenüber sich selbst: «Das Singen ist das Beste an mir, so wenig es ist.» Mani Matter traute seiner Kunst nicht recht.

Nein, daran sieht man auch den Anspruch, den er gegenüber sich selber hatte. Er war ein radikaler Zweifler und Skeptiker. Schon sein Vater schreibt als junger Mann. «Ich bin ein Reflexionszerfressener». Das Grüblertum blendet man gerne aus, weil man den Värslischmid sieht und nicht den Skeptiker. Am Schluss seines Lebens ist er politisch ziemlich konsterniert, aber auch seine persönliche Lebenssituation ist nicht einfach. Darum sind vielleicht seine Lieder so gut: weil er nie zufrieden war. Er war ein unerbittlich kritischer Geist, vor allem sich selbst gegenüber. Was so leicht und beschwingt daher kommt, ist das Resultat eines mönchisch-asketischen Arbeitsprozesses.

Mani Matter wollte Schreiben, zweifelte aber zu sehr an sich.

Er fragte sich immer, wann er denn zu schreiben beginne und nicht nur über das Schreiben nachdenke. Mani Matter war der klassische politische Intellektuelle, der sich fragt, wie die Gesellschaft weiterkommen soll. Der Reformstau und die Immobilität in der Schweiz haben ihn frustriert, deshalb werden seine Lieder zum Schluss politischer, polemischer und angriffiger. Er hatte die Geduld verloren.

Sie schreiben: «Welch ein Missverständnis! Statt die Leute zum Nachdenken anzuregen, versetzte er sie in Festzeltstimmung.»

Das hat ihn im letzten Lebensjahr beschäftigt. Er droht zum Unterhalter zu werden, wehrt sich dagegen und schreibt angriffigere Lieder. In dieser Zeit radikalisiert er sich auch politisch, erzählt keine Geschichten mehr und fragt stattdessen «Warum sid dir so truurig?» Er singt davon, dass man auch mal eine Mauer niederschlagen muss. Diese kritischen, angriffigen Lieder hat er nur wenige Male gesungen, dann ist er verunglückt. Dass er Anfragen vom Fernsehen für Auftritte in Unterhaltungssendungen erhielt, passte ihm nicht, das lehnte er ab. Er war nicht zum Star geboren, es ging ihm immer um Inhalte, er suchte den Dialog.

«Mani Matter - Eine Biographie».

Musikalische Lesung mit Wilfried Meichtry und Lukas Gerber. Kulturhaus Bider&Tanner, 19.30 Uhr. Wilfried Meichtry: Mani Matter. Eine Biographie. Nagel & Kimche, 34.90 Franken; ISBN 978-3-312-00559-8