Fussball Film Festival
«Für die Spieler war ich als Schweizer das Tor zu Europa»

Der Jungregisseur Jonas Schaffter präsentiert am Samstag erstmals seinen Film «Offside Istanbul» am Flutlicht Fussball Film Festival.

Céline Feller
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Fast zwei Jahre lang hat Jonas Schaffter in den Büroräumlichkeiten des Filmproduktionsunternehmen point de vue an seinem Erstlingswerk gearbeitet und an den Details gefeilt.

Fast zwei Jahre lang hat Jonas Schaffter in den Büroräumlichkeiten des Filmproduktionsunternehmen point de vue an seinem Erstlingswerk gearbeitet und an den Details gefeilt.

Kenneth Nars

Jonas Schaffter, spielen Sie Fussball?

Nein, ich nicht. Aber meine drei jüngeren Brüder sind alle sehr gute Fussballer. Ich mache – wenn überhaupt – an Grümpelturnieren mit und stelle mich dort ins Tor. Mit dem Fuss kann ich nicht viel. Ich habe zwar mal ein Jahr gespielt, als Verteidiger, aber das war katastrophal.

Dennoch spielt der Fussball offenbar eine grosse Rolle in Ihrem Leben.

Das Spannende am Fussball finde ich weniger das Taktische, als viel mehr die Geschichten, die der Fussball schreibt, die absurden Episoden, die entstehen und das ganze Drumherum im Stadion. Die Vielfalt des Fussballs – das macht für mich die Faszination dieses Sports aus. Früher ist man in die Kirche gegangen, heute geht man ins Stadion. Die Emotionen der Menschen finden dort statt.

Auch Ihre?

Ich bin als Fan des FC Basel aufgewachsen und gehe regelmässig in die Muttenzerkurve. Da fiebert man mit, klar.

Sie haben ein Jahr in Istanbul gelebt, wo später Ihr Film «Offside Istanbul» entstanden ist, den Sie am Samstag am Flutlicht Fussball Film Festival präsentieren. Wieso sind Sie ausgerechnet nach Istanbul gegangen?

Ich habe zwei Jahre in Basel Visuelle Kommunikation studiert und hatte irgendwie genug, wollte mich mehr in die Fotografie vertiefen. Ich habe mich entschieden, ein Zwischenjahr einzulegen, habe nach einer Partner-Universität gesucht und bin mit der Mimar Sinan Universität in Istanbul fündig geworden. Ich war zuvor bereits einmal in Istanbul und schon damals hat mich diese komplett andere Welt so fasziniert, dass ich die Vorstellung, diese Andersartigkeit für längere Zeit zu erleben, sehr spannend fand. Für die Fotografie ist diese Stadt natürlich ein extrem spannender Ort. Ich wollte Geschichten finden, die selbst für die Menschen, die in Istanbul leben, etwas völlig Neues sind. Und das ist mir mit diesem Projekt gelungen.

Die Idee für Ihren Film hat sich also erst während Ihrer Zeit in Istanbul entwickelt?

Genau. Ich wusste anfangs auch nicht, wie lange ich bleiben würde. Ich war für ein Semester an der Uni, bin jedoch schon viel früher angereist. Ich habe viele türkische Freunde gefunden, habe einigermassen Türkisch gelernt. Nach Ablauf des Semesters habe ich entschieden, noch ein halbes Jahr zu bleiben. Ich habe einen Job gefunden in einem Fotostudio. Damals hat sich herauskristallisiert, dass die Reportage- und Dokumentarfotografie für mich im Fokus steht.

Im Fokus Ihres Films stehen vier junge, afrikanische Männer. Wie haben Sie diese gefunden?

Ein Freund von der Uni hat mir erzählt, dass es viele afrikanische Fussballspieler in Istanbul gibt. Diese Vorstellung war für mich von der ersten Sekunde an faszinierend. Zwei komplett verschiedene Welten und Kulturen, die aufeinander treffen. Ich bin quer durch die Stadt gelaufen und im Kumkapı-Quartier gelandet, einem der ärmeren Viertel der Stadt. Dort hat es extrem viele Afrikaner. Einen habe ich angesprochen – und ich hatte Glück, dass sein Bruder bei Doslukspor spielte, der Mannschaft, die ich schliesslich begleitet habe. Bei meinem ersten Besuch bei der Mannschaft bin ich noch sehr vorsichtig vorgegangen.

Im Film wird deutlich, dass aus dieser anfänglichen Distanziertheit mit der Zeit Freundschaften entstanden.

Es haben sich sehr enge Beziehungen entwickelt – teils sogar zu enge. Erfahrene Dokumentarfilmer wissen, dass sie sich klar distanzieren müssen. Ich empfand dies nicht als nötig und habe mittlerweile auch das Gefühl, dass diese Nähe für den Film sehr wichtig war. Schwierig war es dann, wenn sie mich gefragt haben, ob ich ihr Agent sein wollte. Für sie war ich als Schweizer das Tor zu Europa. Viele brauchen meine Bilder heute noch auf Facebook als eine Art Promo-Bilder.

Der Kontakt mit Ihnen ist also nicht abgebrochen.

Nein, der Kontakt ist bis heute nicht abgerissen. Einige von ihnen haben sich nach meiner Abreise noch oft gemeldet, wollten Videomaterial einzelner Spiele, von denen sie wussten, dass ich sie bei einer guten Aktion gefilmt hatte. Ich habe sie noch einige Male besucht, und es waren immer sehr schöne Erlebnisse. Sie freuen sich, dass ich sie nicht vergessen habe. Aber mittlerweile hat sich viel verändert in der Mannschaft.

Inwiefern? Den Sprung auf die grosse Bühne des Fussballs hat ja keiner von ihnen geschafft.

Das nicht, nein. Ihre Vorstellung ist jedoch immer noch, in eine berühmte Mannschaft zu kommen, aber das ist eine Utopie. Verändert hat es sich insofern, dass lauter neue Gesichter dazu gekommen sind und die Mannschaft stets gewachsen ist.

Wieso kommen immer noch Afrikaner nach Istanbul, obwohl mittlerweile klar ist, dass dies nicht zum Durchbruch führt?

Diejenigen, die in Istanbul sind, vermitteln ein anderes Bild in ihrer Heimat. Tuckson (einer der Protagonisten, Anm. d. Red.) beispielsweise ist in Kinshasa ein Star, er wird dort verehrt. Er gibt sich so, weil er nicht mit leeren Händen nach Hause kommen will und dort zugeben muss, dass es nicht so gelaufen ist, wie sich das alle vorgestellt haben.

Viele von den Fussballern wurden also über den Tisch gezogen?

Ja, und diese Gegensätze im sonst so schillernden Fussball wollte ich vermitteln. Auch wenn ich ihnen nicht helfen konnte, wollte ich, dass dieses Problem bekannt wird. Ich bin mir bewusst, dass das auf der ganze Welt passiert, aber ich fand dieses Beispiel recht extrem.

Haben Sie die Hoffnung, dass der Film von der Fifa angesehen wird?

Es wäre schön. Ob ich den Link gleich Sepp Blatter schicke, weiss ich aber noch nicht (lacht). Aber vielleicht wäre es ja einen Versuch wert.

Wenn man Ihnen zuhört, merkt man, wie emotional diese Zeit für Sie in Istanbul gewesen sein muss. Ist der Film eine Art, diese Emotionen zu verarbeiten?

Auf eine Art vielleicht. Ich freue mich auf jeden Fall, bei meiner nächsten Reise nach Istanbul freier im Kopf zu sein und nicht daran denken zu müssen, was ich noch alles machen muss und wen ich noch treffen sollte, um den Film oder einzelne Sequenzen zu verbessern. Jetzt kann ich wieder eintauchen in diese Stadt.